Stadtleben

Liebe

Theaterkritiker sind professionelle Liebhaber. Gerhard Stadelmaier, seit etwa zwei Jahrhunderten Theaterkritiker der „FAZ“, kleidet, wie alle guten Kritiker, seine Liebe zum Theater gerne in vernichtenden Spott über das, was in seinen Augen Verrat am wahren, schönen Theaterglück ist Mitmachtheaterzumutungen, Performancekindergartenringelpiez oder die Interpretationwillkürkeule freilaufender Regiezwerge zum Beispiel. Nur eines ist noch gnadenloser als Stadelmaiers Verachtung: seine Liebe. Jetzt hat er 21 großen Schauspielkünstlern von Jutta Lampe bis Marianne Hoppe („Wenn sie auftrat, sank sofort die Temperatur“), von Gründgens und Minetti bis Ulrich Matthes („Er kann bei aller Schmerzensschwärze ganz hell und komisch sein“) und Gert Voss („Alle guten Schauspieler sind verrückt, er ist der verrückteste“) in einem schönen Buch Liebeserklärungen gemacht.

Sie zu lesen ist eine Freude. Auch weil das Buch hält, was der Titel verspricht: Stadelmaier schwärmt nicht nur, er erklärt, was ihn an den Schauspielern und ihrer Kunst so fasziniert. Er denkt darüber nach, wie sich das Theater seit Gründgens Tagen verändert hat. Mit Neid liest man, wie sich dieser Kritiker offenbar über Jahrzehnte seine Neugier, seine Fähigkeit von Schauspielern hingerissen zu sein, bewahrt hat. Und zu jedem Schauspieler findet oder erfindet er eine Traumrolle – wer im Theater nicht träumt, dem ist ohnehin nicht zu helfen.
Dass viele der Porträtierten ihre große Zeit vor ein, zwei, drei Jahrzehnten hatten (also etwa in der Zeit, in der auch Stadelmaier in der Blüte seiner Jugend ins Theater ging), dass Stadelmaier zu Nina Hoss nur einfällt, dass sie als Buhlschaft im Salzburger „Jedermann“ im feuerroten Kleid glänzte, dass Sophie Rois und Corinna Harfouch, Henry Hübchen, Martin Wuttke und Jens Harzer fehlen – geschenkt.

Gerhard Stadelmaier: Liebes­erklärungen. Verlag Paul Zsolnay, 240 Seiten, 19,90 Ђ

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