Stadtleben

Liebling Kreuzberg

… ist sich Kreuzberg mit seiner einzigartigen Verbindung von Aufgeschlossenheit und Widerstandskraft, von Weltläufigkeit und Bodenständigkeit stets treu geblieben. Wir haben 26 der rund 150?000 Kreuzberger nach Orten befragt, an denen sie sich besonders wohl fühlen. Der eine freut sich, wenn er Gonzalo, den Eisverkäufer, Ibo, den Schuster, oder Ryan, den Imker, am Kottbusser Tor trifft. Ein anderer findet Ruhe auf den Friedhöfen an der Bergmannstraße. Ein Dritter lässt sich von den Ausstellungen in der Berlinischen Galerie inspirieren. Willkommen im Herzen von Berlin.

kaeptn_kotti, Foto: David von BeckerVor Anker
Käpt’n Kotti ist Model des Modelabels Muschi Kreuzberg. Wobei Model in seinem Fall nicht Kleiderständer bedeutet. Wenn er ein „Kotti D’Azur“-Shirt trägt, meint er, was es sagt: Man kennt mich hier, man nennt mich Käpt’n. Der Kotti und ich sind per Du. Nirgendwo prallen mehr Kulturen und Milieus aufeinander, für mich ist er das Herz von Kreuzberg. Vom Studenten über den türkischen Folklore­sänger und den mies gelaunten Sterni-­Trinker bis zu schlecht frisierten Modebloglesern. Und schließlich natürlich zu mir. Ich war schon immer hier, auch bevor es ein Trend war. Könnte ich mit meinem Dampfer herfahren, ich würde für immer hier ankern. Bis dass das Boot uns scheidet. (Foto: David von Becker)
www.muschikreuzberg.de

Marco_Clausen_c_Lotte_LetschertGeniale Dilettanten
Marco Clausen, Mitbetreiber des Prinzessinnengartens und seit zehn Jahren Kreuzberger, zieht es ins Museum: Kreuzberg steht dafür, dass man die Stadt immer wieder neu und von unten erfinden muss, dass „geniale Dilettanten“ sich Freiräume schaffen und manchmal auch verteidigen müssen: vom SO 36 bis zum Kinderbauernhof, vom Hausprojekt bis zum Gemeinschaftsgarten. Diese Orte, ihre Geschichte und die Menschen, die sie geschaffen haben, kann man im Kreuzberg­museum entdecken. Und man freut sich, wenn man sieht, dass Walter Momper Mitte der 80er-Jahre dort, wo heute der Prinzessinnengarten blüht, zwei Linden gepflanzt hat mit der Aufforderung, die Brache möge eine Grünfläche für alle Bürger werden. (Foto: Lotte Letschert)
Kreuzbergmuseum, Adalbertstraße 95a, Mi–So 12–18 Uhr

shermin-Longhoff_c_Anja-WeberFür Erstbewohner
Shermin Langhoff lebt seit 13 Jahren in Kreuzberg. Die Intendantin des Ballhaus Naunynstraße folgt ihrem umzugsfreudigen Stammcafй bis nach Kreuzkölln: Orte werden von Menschen gemacht, nicht von Konzepten oder Stadtentwicklern. Deshalb ist mein Lieblingsort das Cafй Schaumschläger, in dem ich jeden Morgen meinen Tag beginne. Ich bin mit den Betreibern mitgezogen, die ihr Cafй erst am Spreewaldplatz und anschließend in der O-Straße hatten, weil es eins der ersten mit dem Konzept Coffeeshop war – guter Kaffee und frisch gebackene Croissants und Panini – und zwischen den Touristen immer noch als ein Ort der „Erstbewohner“ standhält. (Foto: Anja Weber)
Schaumschläger, Hobrechtstraße 11, Neukölln, Mo–Sa 8–20 Uhr, So 9–18 Uhr

Tiger_DvbStraßen-Chat am Heinrichplatz
Cemal Atakan, besser bekannt als „Tiger – die Kralle von Kreuzberg“ nach der gleichnamigen Video- und Radio-Comedy, quatscht am liebsten auf der Straße: Weil Straße in Kreuzberg is wie Chatroom im Internet, weissu! Aba billiga! Jeder is hier, weil jeder muss mal irgendwann raus auf Straße, egal ob Termin bei Arbaisamt, oda Solarium oda Hochzeit um Ecke, du musst auf Straße gehen. Free Talk, das ist süper günstig, und das is Kreuzberg! (Foto: David von Becker)

Maebh_CheastyZu Gast bei Cindy Wonderful
Maebh Cheasty, Sängerin der Band You’re Only Massive und seit drei Jahren in Kreuzberg, schwört auf das Fab Lab: Egal ob man ein intimes Konzert besucht, eine Ausstellung, einen Musik-Workshop oder es sich nur bei Kaffee und Kuchen gemütlich macht: Das Fab Lab hat immer eine Atmosphäre, die einladend und offen ist, aber zugleich auch underground- und wohnzimmermäßig. Chefin des Ganzen ist Cindy Wonderful von Scream Club, die Queer-HipHop-Legende aus den USA. Wenn ich in das Fab Lab gehe, komme ich immer voller Freude nach Hause, weil es so viele Leute in dieser Stadt gibt, die sich für was Sinnvolles und Vergnügliches engagieren! (Foto: David von Becker)
The Fab Lab, Muskauer Straße 49, www.thefablab.blogspot.com

carsten_zoltanWundersame Würde
Erst war Carsten Zoltan Schauspieler, jetzt führt er mit dem Hotel eine der angesag­t­esten Bars im Bezirk. Er lebt seit 13 Jahren in Kreuzberg und schwört auf einen Bioladen: Sattva, ein kleiner Bio Lebens­mittelladen in der Reichenberger Straße, von gefühlten fünf alten Herren geführt. Diese überstrahlen in meinen Augen ihr Umfeld nicht nur schlicht durch eine schöne Auswahl nachhaltiger Lebensmittel, sondern auch durch die wundersame Kraft der ihnen eigenen und so selten in dieser Qualität vor­handenen Zeitempfindung und Würde. Manche Dinge sind so einfach und so ungemein wertvoll. Hier fängt die Qualität mit Lebenszeit an und nicht mit den breit geklopften Resultaten eines Bio-Siegels.
Sattva, Reichenberger Straße 122

Behzad_Kamin-KhaniUnderground mit Licht
Behzad Kamin-Khani, Chef der Lugosi Bar, seit acht Jahren in Kreuzberg, liebt die Filmkunst:Das Filmkunst im Roderich ist eine Videothek mit Gastrobereich in einem Kreuzberger Hinterhof – das gibt es ja heute kaum noch! Innen ist das alte Fabrikgelände durch große Fenster extrem hell und auch ansonsten sehr liebevoll ausge­stattet. Das Filmangebot ist – wenn man auf Underground-Sachen steht – sehr reichhaltig, und von den Mitarbeitern kann man sich gut beraten lassen. Da bleibt man gerne länger, um sich über Filme zu unterhalten. Auch ansonsten begegnet man dort einem sehr angenehmen
und wenig affektierten Publikum. (Foto: David von Becker)
Kultursalon Roderich, Glogauer Straße 19, tgl. ab 10 Uhr

19 weitere Empfehlungen von Kreuzbergern finden sie in unserer Titelgeschichte der aktuellen tip-Ausgabe 22/2011.

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