Stadtleben

Erlebnisbericht: Sex ohne Kondom

Kuss

Wie konnte es bloß dazu kommen? Und wie fühlt es sich hinterher an, wenn einen die Panik einholt? Ein Blick hinunter auf die Turnschuhe, zitternde Füße, das leise Quietschen der Sohlen auf dem Linoleum höre ich kaum. Meine Sinne sind seit Tagen wie hinter Watte, ich nehme kaum mehr wahr, was um mich herum geschieht, laufe immer wieder fast vor Autos oder Straßenbahnen, nehme die Fragen der Kollegen im Büro nicht wahr, erwische mich mit Tränen in den Augen. Ich habe ohne Kondom gevögelt und nun Angst, HIV positiv zu sein, über kurz oder lang an Aids zu sterben.

Angst trifft es gar nicht richtig. Sie wuchs, entlud sich in den letzten Wochen in nackter Panik, seit ich mir vor drei Tagen mein Blut für den Test habe abnehmen lassen, bin ich krank, seelisch. Und körperlich. Ich schlafe nicht mehr, habe Durchfall und muss mich übergeben. Kann nicht essen.

Drei Monate Inkubationszeit. Ein Leben auf Sparflamme. An Sex war nicht zu denken. Wird vielleicht nie wieder zu denken sein. In wenigen Minuten erhalte ich mein Test­ergebnis, es liegt bereits in einem Ordner hinter dieser weißen Tür, mein Schicksal ist bereits besiegelt, nur kenne ich es noch nicht. In diesem Moment bin ich mir sicher, dass es mein Leben verändern wird, dass es mein Leben verkürzen wird. Und ich schwöre zum Himmel, zur Decke dieses auf Freundlichkeit bedachten Gesundheitsamtes, dass ich mich nie wieder einer derartigen Gefahr aussetzen werde. Gesetz des Falles, irgendein Wink des Schicksals meint es doch gut mit mir – und lässt mich noch mal davon kommen.

Die Frage des Wie, die am häufigsten gestellte in den letzten 12 Wochen. Wie konnte es dazu kommen? Aufgeklärt, wie ich es bin, informiert über alle theoretischen und tatsächlichen Übertragungsmöglichkeiten. Antworten sind schwierig zu finden, tun auch nichts zur Sache. Das Kind ist bereits im Brunnen, der Drops gelutscht.

Ich schiebe es auf seine sehnigen Unterarme. Die braun gebrannten. Die leicht behaarten. Ich hatte sie bereits angestarrt, als er mir den ersten Gin Tonic zuschob. Ich mochte ihr Muskelspiel, mochte das feine Zucken, die so deutlich heraustretenden Adern. Als sie mich später umgriffen, als seine großen Hände nach meinem Gesicht fassten und er seine Zunge in meinen Mund schob, da mochte ich ihn nicht mehr, da wollte ich ihn. Der Weg dahin war eine lange Reise, ein Ewigkeiten dauerndes Vorspiel an der Bar, ein verbales, ein gehauchtes, hin und wieder eine Hand am Arsch des anderen, ganz kurz. Wir machten uns über Stunden gegenseitig geil, wir drifteten ganz langsam ab in unser eigenes Nirwana. Um uns nichts mehr, wir alleine, beim Flüstern kurz die Zunge ins Ohr des stecken, sich mit ihr kurz über die Lippen fahren, vor dem geistigen Auge nur der Schwanz des anderen.

Es ging von vornherein nur um Sex. Wir waren nicht interessiert am Namen oder Beruf des anderen, wir waren interessiert daran, den eigenen Körper gegen den des anderen zu schlagen. Lust dominiert. Heißhunger ist Lust, das Bezahlen der teuren Schuhe ist Lust, das Glotzen auf die zerstörten Unfallautos ist Lust. Du kannst nicht anders. Du gibst dich ihr hin. Lust dominiert. Und es macht Spaß, dominiert zu werden. Es macht Lust, sich hinzugeben.

Später in den Laken griff er mir fest in die Schultern, zog mir am Haar, man stöhnt hier, schreit da ein wenig. Er will, dass ich seinen Hinterkopf nach vorne drücke, dass ich an seinen Nippeln rummache. Ich will, dass er mir die Haut ableckt. Du hast guten Sex, wenn du es in diesen Momenten schaffst, dich allein von dieser Lust leiten zu lassen, gerade noch fähig zu sein, Wünsche zu verbalisieren, oder Tiernamen. Die Balance zu finden zwischen dem eigenen Trieb und den Bedürfnissen des Mitspielers. Das Gleichgewicht zwischen Abwarten und Gehen lassen. Und ganz wichtig: Gedanken ausschalten.

Das habe ich geschafft. Mitten im Irgendwo zwischen meiner Haut und seiner Haut, meinem Schweiß und seinem Schweiß, unserem Atem, dem Speichel, den schmatzenden und stöhnenden Geräuschen. Und als er leise „Nimm mich!“, stöhnte, tat ich nur, dachte nicht, nahm ihn. Weil es sich nun so gehörte, weil es gar keine Alternative gegeben hätte, weil nur das den perfekten Sex komplettierte. Wir verzichteten nicht bewusst auf ein Kondom, es existierten einfach keine Kondome, die Erinnerung daran war gelöscht, setzte aus. Es gab nur diesen instinktiven, urmenschlichen oder vielleicht tierischen Trieb, zwei Körper so gut es ging miteinander zu verbinden. Bis die Laken nass waren und der Verstand langsam zurück fand in seine körperliche Hülle.

Der Arzt lächelt mich an, ich gebe ihm mein Passwort, er blättert, murmelt etwas, lächelt breiter und sagt: „Negativ. Also alles in Ordnung.“ ch kann es nicht fassen. Ich kann nur komisch prusten, spucke ihn etwas an dabei. Kurz schüttele ich den Kopf, will ihn fragen, ob es sein kann, dass er sich vertut. Aber ich traue mich nicht. Er wartet kurz, dann steht er auf, ich tue das instinktiv auch. Er reicht mir die Hand. „Alles Gute weiterhin!“ Ich sage vielleicht Danke.

Draußen auf der Straße blendet mich die Sonne. Ich höre Autos hupen, Straßenbahnen rattern, Menschengeräusche. Ich gehe die Straße runter, habe Tränen in den Augen. Meine Knie sind weich, aber werden fester, mein Schritt wird forscher, Brust raus, Kopf hoch, hurra, ich lebe noch. Und wie! Etwas regt sich in mir. Ich höre in mich hinein, finde es nicht gleich. Dann ist es da, ganz präsent. Lust. Ich muss echt mal wieder Sex haben.

Text: anonym
Fotos: Luci & Coma

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