Stadtleben

Lustige Branche

Berlin mag Peter Zadek nicht besonders. Als er Ende der 70er Jahre im alten Westberlin einige seiner legendär gewordenen Inszenierungen rausbringt, findet er „die Berliner Atmosphäre“ nur „spießig und kleinkariert.“ Zwei Jahrzehnte später, bei seiner Co-Intendanz am Berliner Ensemble, fällt ihm Berlin noch mehr auf die Nerven. Vielleicht ja, weil sein damals schon arg verkitschtes Theater in der ruppigen Stadt der Nachwende-Jahre seltsam deplatziert wirkte. Der Altmeister sah hier plötzlich nur noch alt und saturiert aus. Der posthum erschienene dritte Band von Peter Zadeks mal verplauderten, mal klugen Memoiren behandelt die Jahre 1980 bis 2009. Den Kern bildet die Abrechnung mit den BE-Jahren. Zadeks Erinnerungen daran sind geprägt von Gekränktheiten und schlecht kaschierter Aggression gegen das ihm fremde Theater von Heiner Müller und Einar Schleef. So erlaubt das Buch neben vielem anderen den ungefilterten Einblick in das scharfe Konkurrenzbewusstsein eines der wichtigsten deutschen Regisseure des vergangenen Jahrhunderts.

Am lustigsten sind, wie schon in den ersten Bänden, seine vergifteten Komplimente und höhnischen Kommentare. Claus Peymann zum Beispiel findet er ganz okay, zumindest solange ihn der damalige Intendant des Wiener Burgtheaters zu Regie-Arbeiten einlädt: „Er versteht eben sehr gut, was Theater ist, er kann es leider nur nicht selber machen. Seine eigenen Inszenierungen sind furchtbar langweilig.“ Nicolas Stemann: „Konzepttheater“. Stefan Pucher: „Quatsch“. Frank Castorf: „Viel zu laut“. Thomas Ostermeiers Schaubühne: „Der neue deutsche Theater-Kindergarten“. Aber wie es am Theater mit den falschen Freundschaften und den ehrlichen Feindschaften halt so ist: Als Zadek gerade wieder mal ein Theater für seine geplanten Inszenierungen suchte, schrieb er Thomas Ostermeier einen Brief voller Komplimente für das tolle, junge Ensemble, den der Kindergarten-Chef seitdem gerne mit stolzgeschwellter Brust vorzeigt. Lustige Branche.    

Peter Zadek: „Wanderjahre,  Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 24,95 Ђ

Mehr über Cookies erfahren