Stadtleben

Magic Colorz

Auch wenn der kleine Film, über den ich dieses Mal schreiben möchte,
schon 2005 in Berlin entstand, wurde er anscheinend erst kürzlich von „Hans Meier“ ins
Netz gestellt und auf Generation Tapedeck von Jenz Steiner gepostet.

Was ist hier zu sehen? Jugendliche laufen vermummt durch
Berlins Straßen und besprühen Wände, Autos und Züge mit Graffitis. Sie
klettern über Baugerüste und in U-Bahnschächte, um ihre Schriftzeichen
anzubringen. Das ist eigentlich nichts Neues und Unbekanntes. Filme wie
diese bekommt man in Berlin in jedem Graffitishop. Früher wurden sie
sogar in der Nacht auf Musiksender viva zwo (r.i.p.) gezeigt. Doch eine Sache ist in diesem Fall anders – es fehlt das „Corpus Delicti“. Denn dort, wo eigentlich der Farbauftrag an der Wand und die Dose in der Hand sein sollte, sieht man… nichts! Ist dies etwa das HipHop-Pendant zur rockistischen Luftgitarre?

Einige werden sich jetzt über den Film aufregen. Man kann ihn auch einfach nur lustig finden. Was ich hierbei jedoch besonders bemerkenswert finde, ist die Selbstironie, die hier bei den handelnden Akteuren mitschwingt. Gerade die Dosen sind es ja, neben den Skizzenbüchern der Sprüher, die als zentrales Beweismittel vorgebracht werden, wenn es vor Gericht geht. Und eben diese existieren hier nicht. Keine Beweismittel, keine Spuren, keine Anklage. Im Vorfeld: anscheinend auch kein Interesse, höchstens irritierte Blicke. Phänomenal finde ich die Einstellung, in welcher der BVG-Mann in seiner Bude auf dem Bahnsteig sitzt und sich die ganze Aktion gelangweilt anschaut, sowie die Aufforderung des Fahrkartenkontrolleurs in der S-Bahn.

Liest sich der Abspann der Mitwirkenden fast wie ein „Who is Who“ der Berliner Sprüherszene, so kann man davon ausgehen, dass sie den Kern ihres nächtlichen Handelns routiniert und glaubwürdig in diesem Film übertragen haben. Sie bomben die Züge, klettern auf den Dächern der Häuser entlang und machen Train-Action. Wenn man mal einen der Beteiligten aus dem Schlaf brüllen würde: ich bin mir sicher, das dieser mir auch total verpennt und im Halbschlaf ein mannshohes Silberpanel mit seinem Pseudonym malen könnte, in Sekunden schnelle und präzise proportioniert.

Die einstudierten und kontrollierten Bewegungen beschreiben den Schriftzug des einzelnen Sprühers auf das Genauste. Man kann den Schriftzug für einen kurzen Moment förmlich sehen, ebenso wie er mit seinem Urheber Sekunden später wieder verschwinden. Ohne behaupten zu wollen, davon wirklich etwas verstanden zu haben, aber: wo Jean Baudrillard in seinem „Aufstand der Zeichen“ davon sprach, dass es tausende mit Markers und Sprühdosen bewaffnete Jugendliche genüge, „um die urbane Signalethik durcheinanderzubringen, um die Ordnung der Zeichen zu stören“, stört es anscheinend niemanden, wenn diese Jugendlichen dasselbe tun, was sie sonst machen – nur ohne „Markers und Sprühdosen“. Vermummt komische Bewegungen in der Luft zu machen und sich dabei an der Regenrinne festzuklammern, kratzt in diesem Land anscheinend keine Sau. Und das ist für mich das eigentlich Symbolische in diesem Film, auch wenn die typischen Symbole dieser Handlungen – die gesprühten Bilder – hier gar nicht mehr auftauchen.

Ich finde das genial. Die letzte Einstellung sagt es noch einmal laut und bildlich: „Terrorclowns reclaim the streets!“ Krasseste Action. Wie würde unsere Stadt wohl heute aussehen, wenn sie mit Zaubertinte gebombt hätten, die erst viel später sichtbar wird …?!

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