Stadtleben

Markthalle Neun in Kreuzberg

markthalle_neun„Wenn ihr hier eure Einkaufstaschen voll macht, dann wird es funktionieren!“, ruft der Mann mit den Wuschelhaaren ins Mikrofon. Dann schiebt sich ein Menschenpulk zwischen Holzständen mit Brotlaiben, Zucchini oder Teltower Rübchen hindurch. Ihr Ziel: die Original-Glocke, mit der Redner Bernd Maier und seine Partner Florian Niedermeier und Nikolaus Driessen von der Projektgruppe IX an diesem 1. Oktober die Wiedereröffnung der historischen Markthalle Neun einläuten. Auf den Tag genau 120 Jahre nach ihrer Erstöffnung.

Die drei Männer, zwei Lebensmittelhändler und ein Volkswirt, wollen aus der einst trostlosen Halle einen Kiezmittelpunkt machen, an dem man sich trifft und tratscht und nebenher einkauft. Dabei waren für den denkmalgeschützten Backsteinbau eigentlich ganz andere Pläne vorgesehen. Vor zwei Jahren wollte der Besitzer, die landeseigene Berliner Großmarkt GmbH, ihn an einen Investor verkaufen, der große Supermärkte ansiedeln wollte. Eine Anwohner­initiative erwirkte jedoch erst einen Verkaufsstopp, dann die externe Ermittlung eines Festpreises für die Halle und schließlich die Ausschreibung für ein neues Konzept. Vor etwa einem halben Jahr kaufte die Projektgruppe IX die Halle für 1,15 Millionen Euro. „Wir wollen, dass dieser Ort in seiner ursprünglichen Funktion wiederbelebt wird“, erklärt Niedermeier.

Zunächst soll nur freitags und samstags ein Markt stattfinden. Das mittelfristige Ziel ist aber ein kleinteiliger Wochenmarkt, der in der gesamten Markthalle und an jedem Tag der Woche stattfindet – eingerahmt von gastronomischen und kulturellen Angeboten. Der Schwerpunkt: lokale Erzeuger und Händler mit hochwertigen (Bio-)Waren an saisonalen und regionalen Lebensmitteln. Die Eröffnungsfeier gibt nur einen ersten Überblick – ein Viertel der Fläche ist mit etwa zwei Dutzend Ständen bestellt. Den Rest belegen die Billigdiscounter, denen die Halle viele Jahre als günstige Herberge diente. „Heute war nur der Anfang“, betont Niedermeier. „Wir legen Wert auf einen schrittweisen Umbau.“ Langfristig sollen die Discounter aber durch Kleinhändler ersetzt werden. „Aldi, Drospa und Kik haben hier alle relativ kurzfristig kündbare Verträge.“

Rücksicht nehmen die neuen Betreiber auf die wenigen schon vorhandenen Kleinmieter. Wie zum Beispiel auf den braunen Plastikstand, an dem es günstigen Filterkaffee und Bockwurst gibt. Der bleibt. Und das aus gutem Grund: Soll die historische Markthalle wirklich ein neuer Kiezmittelpunkt für alle Anwohner werden, dann muss es zumindest ein kleines Angebot geben, das sich Menschen mit geringem Einkommen leisten können. Andernfalls würde schließlich die wunderschöne alte Konstruktion einem großen Teil der Menschen, die Kreuzberg 36 ausmachen, keinen Nutzen bringen.

Text: Wiebke Heiss

Markthalle Neun Wochenmarkt Fr 12–19 Uhr, Sa 9–16 Uhr, zwischen Eisenbahn- und Pücklerstraße, Kreuzberg, www.markthalle9.de

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