Stadtleben

Mauer – Anarchie

Bis vor ein paar Tagen war ich unglücklich. Ich musste feststellen, dass die jungen Leute, die versprochen hatten, auf der Website www.writethewall.net  zu dokumentieren, wie sich die Bemalung der Mauerstücke im Niemandsland zwischen Heidestraße, Hamburger Bahnhof und Invalidenfriedhof durch immer neue Bemalung veränderten, ihre Website nicht aktiviert hatten. Ich hatte schon den Verdacht, sie fürchteten um die Kamera, mit der immer Bilder ins Netz gestellt werden sollten, aber das war ein Irrtum. Inzwischen kann man auf der Seite unter „gallery“ die fortlaufende Veränderung besichtigen. Das ist, um es ganz schlicht zu sagen, grandios. Vor allem, weil man dort sehen kann, wie schnell sich die Mauer verändert mit abstraktem Zeug, mit Chiffren, mit klaren Botschaften, mit Geschichten und Geschichte.

Für kurze Zeit war dort u.a. auch vom ersten Mauertoten die Rede, was die Kunstaktion auch politisiert in dem Sinne, dass dort Leute zugange sind, die noch nicht vergessen haben, dass die Mauer nur von der Westseite die Mauer war, auf der sich jeder nach Belieben selbst verwirklichen durfte. Ob das damals tatsächlich Kunst war, ist belanglos. Heute sind an der künstlichen Mauer auf jeden Fall Künstler zugange, die nicht nur krickeln und krakeln, sondern Bilder produzieren, die im Internet eine Botschaft senden. Da zeigt sich dann die kreative Kraft, die hier zu Hause ist. Noch spannender, als die fortgesetzte Bemalung im Internet am Schreibtisch zu verfolgen, ist dann aber doch die Besichtigung vor Ort, die 24 Stunden möglich ist. Ist es aber einerseits wunderbar und erstaunlich, dass dort kontinuierlich professionell gearbeit wird, beruhigt mich die Tatsache, dass die östliche Seite der Mauer, die, traditionell weiß gestrichen, die bis zum diesjährigen 9. November auch weiß bleiben sollte, libertär anarchisch bekritzelt wurde. Einerseits hässlich, andererseits steht dort geschrieben: „Apocalypse wow„. Aber das erfährt man nicht im Internet.   

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