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Me, My Self(ie) And I – Nummer 3: Roter Mohn

Roter Mohn

Pause in einem Meer aus rotem Mohn, dann zurück zum Auto. Wir fahren raus zum Liepnitzsee. Unterwegs spontaner Umentschluss, die Abfahrt „Bogensee“ nehmen. „Straße nur für Anlieger“- steht da. Aber wir wollen ja anlegen, also auf einer Decke am See. Wir fahren immer tiefer in den Wald, halten auf einem verlassenen Parkplatz. Wurzelwerk  bricht Bodenplatten auf. Vor uns eine ausgeblichene Wanderkarte. Wege lassen sich nur noch erahnen. Die Bushaltestelle am Straßenrand sieht aus, als wäre sie das letzte Mal in den Fünfzigern angefahren worden. Einen Pfad durchs Dickicht weist uns das Smartphone. „Der Wald ist unheimlich, so dicht.“ – sagt mein Freund. Irgendwann blaues Schimmern hinter Bäumen. Seerosen blühen auf dem Bogensee,  das Wasser ist klar und still. Vor unseren Füssen zischelt eine Schlange davon. Auf einer Anhöhe steht ein altes Holzhaus. Ein Loch ist im Zaun. Eine Tür lässt sich öffnen. Das ist jetzt aber nicht das Haus von Göbbels? Hitlers Propagandaminister soll hier eines besessen haben, behauptet das Internet, dabei auch ein Foto. Das muss es sein. Ich stehe in einem Zimmer vor Fototapete mit Strandmotiv, eher ungöbbelesk. Eine Treppe führt in einen Keller, klamm und schwarz ziehts hinauf. „Komm, lass uns abhauen!“, rufe ich. Wir laufen zurück durch den Wald, kommen an der Rückwand eines Gebäudes heraus, ein Puzzlestück von etwas Surrealem. Staunend laufen wir über nicht endenwollendes Areal mit Parkanlagen, alten Skulpturen und klassizistischen Bauten, ein stillgelegtes Kongresszentrum im Niemandsland, wie in einem Zeitfenster eingefroren. Kein Vandalismus, keine Menschenseele, nur Natur, die alles überwuchert, Häuserwände, Park und Geschichte. Was war hier los mitten im Wald? Ganz hinten steht eine Terrassentür offen. „Nicht!“, sagt der Freund. Ich steh schon auf Auslegware, blicke einen langen Flur hinunter – Kleiderbügel hängen an einer Garderobe, rechts ein leerer Papierkorb. Eine Tür fällt ins Schloss. Ich laufe hinaus, der Freund hat es auch gehört. Wir sind nicht allein. Wir laufen zurück zum Auto. Hinter einem Gebäude sitzt ein großer Pittbull – ohne Leine. Er blickt in unsere Richtung, regungslos, wie eine Skulptur. Ruhiger wird der Atmen erst wieder beim Blick über roten Mohn.

Jackie: „Ich fürchte mich!“
Siri: „Wenn ich es richtig verstehe, gehört Furcht zum Leben.“

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Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Me, my Self(ie) and I – Folge 3

 

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