• Stadtleben
  • Me, My Self(ie) And I – Nummer 19: Letzter Tag in der Stadt

Stadtleben

Me, My Self(ie) And I – Nummer 19: Letzter Tag in der Stadt

Das Leben in Kisten

Kisten packen. Tassen in Zeitungen einwickeln. Fotos von Wänden abhängen: mit Kokosnuss am Strand der Malediven. Arm in Arm mit den Freunden auf dem Deichkind-Wagen beim Karneval der Kulturen. Dazwischen Brandenburg II. – der verstorbene Hamster – mit einem Stück Gurke in der Backentasche. ?Ein Schnappschuss mit Mama und Schwester, Grimassen ziehend. Puzzleteile eines Berlin-Lebens landen auf der Fensterbank. Es ist mein letzter Tag in der Stadt. Ein letztes Mal Singlehaushalt-Feeling, Verabschiedung von Improvisation und Hinterhofbalkon, von kaputten Bodenfliesen, von Cocktail-Gläsern im Küchenregal – mitgebracht nach besoffenen Nächten aus Clubs und Bars. Dazu einen Bad, so klein, dass kaum zwei Leute darin stehen können. Mach’s gut, alte Nasszelle. Ich werd dich nicht vermissen! Ich entleere Schubfächer mit alten SIM-Karten, DDR-Pfennigen, Visitenkarten und vergessener Post, darunter eine Karte vom „Playboy“-Magazin: „Wir freuen uns auf Ihre Textvorschläge.“ Da kam wieder irgendwas dazwischen.
Die Wohnung ist fast leer, bizarre Gebilde aus Staub legen sich sanft ?auf mein Haupt. Übermorgen wird renoviert. Ansonsten hasse ich Umziehen. Man kann es natürlich auch positiv sehen: der Umzug als Chance, alten Ballast zu entsorgen und Platz für Neues zu schaffen. Das ist wie ein Spaziergang durchs Unterbewusstsein. Alte Sehnsüchte, löchrige Strümpfe, goldener Nagellack: Was ist wichtig, was kann weg? Viel mehr als gedacht ist entbehrlich, und morgen wird mein Leben in einen Kleintransporter passen. Langsam bekomme ich Muffensausen. Was, wenn sich das Landleben als Pleite erweist? Als der letzte Karton gepackt ist, fühlt es sich an wie auf dem Zehn-Meter-Brett im Schwimmbad – unheimlich! Ich habe ein Entrümpelungsteam bestellt, die sollen den Rest mitnehmen: Waschmaschine, Regale, Bett und Fernseher, meine Ängste und die Neurosen stell ich einfach dazu. Ohne Ballast springt es sich besser. Also Augen zu und Sprung in ein Neues!

Kommentare: [email protected]

Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Me, My Self(ie) And I – Nummer 19: Letzter Tag in der Stadt

Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Gib mir die Route nach Zeschdorf!

Siri: Tut mir leid, ich kann nicht nach Orten in Albanien suchen.

 

Mehr über Cookies erfahren