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Me, My Selfie And I – Nummer 7, Hochzeit auf Isländisch

Irgendwo im Nirgendwo

Irgendwo im Nirgendwo: Vom Fenster aus sehen wir ein Bergpanorama, ein Flussband, das sich silbern durchs Tal zieht und ganz weit draussen eisig das Meer, das sich in tausend Arten von Grau und Violett mit dem Himmel vermischt. Die Nachricht über den Ausbruch des Bardarbunga kam unerwartet, doch unser Timing ist gut. Pünktlich zum Abflug wurde der „Code Red“ für die Insel auf ein „Orange“ abgeschwächt, was bedeutet, erstmal keine Lavafontänen und Aschewolken, die unseren Flug gefährden könnten, ganz im Gegenteil. Mit WOW Air landeten wir sogar eine halbe Stunde vor offizieller Ankunftszeit. „So ist das bei uns.“ – bemerkte die Stewardess mit pinkem Hütchen trocken. Heute ist ein großer Tag, denn wir heiraten auf Isländische Art.
Leider müssen wir zuvor auch so duschen und umstehende Pferde werden Zeuge, wie wir nackt über freies Feld zu einem Rohr laufen, das da schmucklos aus dem Erdboden ragt. Die Schreie verweichlichter Großstädter hallen im Morgenwind, während unterm eiskaltem Wasserstrahl, neben einem Haufen Pferdeäpfel, zitternd mit Hairconditioner hantiert wird. Danach laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Ein Schaf grast vorm Fenster. Eine Fliege schläft auf dem Küchenbrett. Der Mann zieht sein neues Hemd sowie farblich passende Socken an. Die Nervosität steigt und ich beginne Dinge zu suchen. Statt mit Nadel und Faden befestige ich mit Kabelbinder den Schleier am Haarkranz. Das geht schneller. Im Duty Free Shop haben wir eine Flasche Champagner und  eine 5-Kilo-Stange Toblerone besorgt, die auch zum Selbstverteidigungsgerät taugt. Jetzt sollte nichts mehr schief gehen. Der Sheriff rollt im Jeep an. Die Isländische Version eines Standesbeamten erinnert im blauen Zweireiher und mit Schirmmütze an einen Kapitän auf hoher See. Das Zeremoniell ist kurz aber herzlich. Wir halten die ganze Zeit unsere Hände. Am Ende tauschen wir die Ringe. Ein Kuss folgt und noch ein zweiter. In Ermanglung eines Hochzeitsfotografen macht der Sheriff noch ein paar Fotos von uns. Die meisten sehen seltsam aus. Danach feiern wir ruhig mit Felsmassiven und Pferden. Das improvisierte Hochzeitsmahl mit Gourmethöhepunkt: „Isländische Pellkartoffel“ findet vorm Ofen statt.  Das Holz knistert leise. Der Brautschleier liegt längt schon in einer Ecke, die Füße stecken in weichen Socken. Überhaupt ist vieles sehr weich in Island: die Luft, das Wasser, das Moos zwischen Vulkansteinen, die wolligen Hinterteile der Schafe… Irgendwo im Nirgendwo sitzen wir überglücklich unter einer Decke. Der Himmel leuchtet dunkelrot.  Irgendwo im Internet wurde gerade „Code Red“ für Bardarbunga ausgerufen.

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Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Me, my Self(ie) and I – Folge 7

 

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