Stadtleben

Mehr Nullen als Einsen

Die populistischen Töne haben sie schon gelernt. Die Fraktion der Piraten-Partei im Abgeordnetenhaus brachte die heitere Idee in den Kulturausschuss ein, mal eben die Deutsche Oper zu schließen. Das Geld könnte man dann ja an die Freie Szene verteilen. Außerdem hätten sie gerne eine Million Euro, um „Kunstwerke zu digitalisieren“, welche Kunstwerke auch immer das sein sollen. Aber ist für das Einscannen ganzer Bibliotheken nicht Google zuständig?
Es reicht nicht, keine Ahnung zu haben, man muss als Piraten-Abgeordneter auch noch stolz auf die eigene Ignoranz sein. Nicht einmal die Lobbyisten der Freien Szene, die gerade um höhere Zuwendungen kämpfen, fordern, Hochkultur-Einrichtungen abzuwickeln. Die Frontlinie zwischen Off- und Hochkultur ist seit Ewigkeiten sehr durchlässig. Das Radialsystem beispielsweise kooperiert ausgesprochen gerne mit den Berliner Philharmonikern. Mit der Frage, ob Berlin ein Opernhaus zu viel habe, sind die Piraten beim Stand der Debatte von etwa 1995 angekommen. Dumm, dass sich kulturpolitische Kompetenz nicht einfach googeln lässt. Dass Youtube keinen Opernbesuch ersetzt, dürfte ein Gedanke sein, der den Piraten-Horizont überfordert. Das könnte am digitalen Horizont liegen: Nur wo sich der Code auf Einsen und Nullen reduziert, fühlen sich die Piraten-Nullen zu Hause. Was darüber hinaus geht, sorgt für allergische Reaktionen. Oper zum Beispiel. Die Piraten-Forderung, eine Oper zu schließen, zeugt von blankem Ressentiment. Überhaupt demons­triert diese immer ein wenig verwirrt, im Gegenzug aber auch schon ziemlich arrogant wirkende Partei eine bemerkenswerte Verachtung gegenüber Künstlern – etwa wenn sie in aller Unschuld fordert, das Copyright im Netz zu ignorieren.

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