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Stadtleben

Mehr Polizisten mit Migrationshintergrund

Setzen, Zettel raus, Diktat. Man kennt das noch aus dem Deutschunterricht. Schreck lass nach. Bitte schnell, wenn’s geht. Dummerweise ist nach der Schule nicht unbedingt Schluss mit dem Grusel. Beim Einstellungstest der Berliner Polizei wird seit vielen Jahren ein Diktat von rund 200 für den mittleren und rund 300 Wörtern für den gehobenen Dienst verlangt. Das ist nicht zuletzt für viele Bewerber mit Migrationshintergrund eine hohe Hürde. „Wir brauchen die Ausbildungsfähigkeit in deutscher Sprache“, sagt Katja Sievert, Gruppenleiterin für Werbung und Einstellung bei der Berliner Polizei. „Alles andere ist für uns nicht machbar. Aus Gleichbehandlungsgründen darf es keinen Migrantenbonus geben.“ Vor dem Diktat sind alle gleich.

Dabei hat sich der Senat längst dazu bekannt, mehr Menschen türkischer, arabischer oder russischer Herkunft in den öffentlichen Dienst zu holen. Auch in die Polizei. Dafür gibt es seit 2006 die Kampagne „Berlin braucht dich“. Derzeit sind nur 300 von 16.000 Polizeibeamten aus Einwandererfamilien. Aber wer durch das Diktat durchrasselt, muss den Traum von der Uniform begraben.
Wie hilfreich Migranten in Uniform sind, zeigte sich Ende Dezember an einem eher drastischen Beispiel. Ein 39-jähriger Kreuzberger ballerte an der Skalitzer Straße mit Schreckschussmunition herum. Polizisten fanden bei ihm Drogen. Während der Vernehmung wies er einen Jugendlichen auf Türkisch an, seine Wohnung sauber zu machen. Schlecht für ihn: Ein Beamter verstand ihn bestens. Daraufhin machte die Polizei bei dem Schreck­schützen einen spontanen Hausbesuch. Sie fand diverse Waffen, inklusive einer scharfen Pistole und zwei Beilen, mehr Rauschgift. Dazu kiloweise Polenböller.

Derlei spezielle Vokabelerlebnisse hat Bettina Öner, 32, Tochter einer Türkin und eines Deutschen, bis zum vergangenen Jahr noch im Funkwagen- oder Zivilstreifeneinsatz in Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain, zwar bislang nicht zu vermelden. Aber „türkische Menschen sind manchmal froh, dass sie jemanden haben, bei dem sie sich in ihrer, in Anführungszeichen, eigenen Sprache artikulieren können“, sagt sie. „Das Beamtendeutsch ist ja für viele schwer verständlich. Aber für Menschen mit anderen Muttersprachen noch mehr.“ Bettina Öner hat 1989 ihre Ausbildung begonnen, „da gab es dort vielleicht zwei oder drei Migranten“. Jetzt arbeitet sie im Bereich Opferschutz und häusliche Gewalt. „Wenn man die Kulturen, die Traditionen, die Sprache und die Menschen kennt, hat man vielleicht ein anderes Gefühl beim Umgang mit Migranten. Mir hat das sehr geholfen.“

Bis 2013 will das Land Berlin ein Viertel der Ausbildungsplätze im öffentlichen Dienst mit Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft besetzen – gemäß des 23-Prozent-Anteils von Menschen migrantischem Ursprungs an Berlins Gesamtbevölkerung. Auch bei der Polizei ist man davon noch ein ganzes Stück entfernt. Seit 2006 pendelt der Anteil von Migranten an den Auszubildenden um die Zehnprozentmarke, meist eher darunter. Die meisten Ursprungsländer der Bewerber: Türkei, Polen, Russland.
So waren im Herbst 2008 unter 2670 Ausbildungsbewerbern im mittleren Dienst der Schutzpolizei 348 Menschen mit ausländischen Wurzeln, eine Quote von 13 Prozent. Unter den 141 eingestellten Jugendlichen schafften es dann mit 16 Aspiranten nur noch gut elf Prozent nichtdeutscher Herkunft (wobei die tatsächlichen Zahlen womöglich leicht abweichen, weil seit dem Frühjahr 2009 die Bewerber aus Datenschutzgründen ihre Abstammung nicht zwingend, sondern freiwillig offenlegen können).
Aber die Tendenz ist klar und sieht so ähnlich auch beim gehobenen Dienst der Schutzpolizei und dem der Kriminalpolizei aus: Der Anteil von Migranten unter den Bewerbern ist teilweise um einige Prozentpunkte höher als unter den tatsächlich eingestellten Perspektivbeamten. Grund: vor allem das Diktat.

Ab diesem Jahr jedoch hat der Schrecken ein Ende. Das Diktat wird nämlich abgeschafft – nicht jedoch die Deutschprüfung. Weil das gesamte Verfahren ab Herbst auf einen PC-Test umgestellt wird, müssen die Bewerber dann unter verschiedenen Optionen für Wortschreibweisen, Interpunktion und Grammatik eine auswählen. Das Prinzip kennt man von einem gewissen Günther Jauch. Nur heißt es nicht  „Wer wird Millionär?“, sondern sozusagen „Wer wird Polizist?“ Ob der Deutschtest am Computer  gerade für Migranten einfacher wird, bleibt abzuwarten. Dagegen dürfte vielen ein weiteres neues Testelement helfen, mit zusätzlichen Punkten womöglich ein dürftigeres Deutsch-Resultat wettzumachen. Beim sogenannten Bedarfssprachentest können in einem ersten Schritt von den Bewerbern neben Englisch auch Türkisch und Polnisch gewählt werden. Weitere Sprachen werden hinzukommen, sagt Katja Sievert.
Wer dagegen ganz wild auf ein Diktat ist, sollte seine Unterlagen daher schnell zur Polizei schicken. Für den nächsten Einstellungstermin im Herbst ist am 28. Februar Bewerbungsschluss. Das letzte Verfahren mit Diktat. Durchfallen darf man danach beim Deutschtest 2.0 freilich auch nicht. Einstellungsgruppenleiterin Katja Sievert: „Deutsch bleibt ein K.o.-Kriterium“.

Text: Erik Heier
Foto: Judith Triebel


Alle Infos zur Bewerbung bei der Polizei: www.berlin.de/polizei/beruf

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