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Michael Kessler über Mücken, Medienkritik und mehr – Teil 2

Michael_Kesslertip Martin Sonneborn reiste rund um Berlin, Jörg Thadeusz wanderte durch Mecklenburg-Vorpommern und nun paddeln Sie mit dem Schlauchboot durch den Osten. Offenbar steckt viel komödiantisches Potenzial in der Landbevölkerung. Nur, von Sonneborn fühlten sich die Leute vorgeführt.
Kessler Mir war von Anfang an wichtig, und das war bei der „Nacht-Taxe“ genauso, dass wir nicht das tun, was so viele andere tun. Ich führe Menschen nicht vor. Wir haben versucht, Land und Leute anders zu zeigen, ohne dass das ein spießiger Land-und-Leute-Bericht wird. Ich versuche den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Ich möchte mich nicht über sie stellen.

tip Während wir das Interview führen, ­steigen die Hochwasserpegel auch an der Spree. Wenn Ihre Sendung ausgestrahlt wird, könnten einige Brandenburger in kaputten Häusern sitzen. Kriegen Sie bei dem Gedanken nicht Bauchschmerzen?
Kessler Ja, die habe ich, und mir tut das ­unendlich leid! Wir haben die Landschaft in so einer Pracht und Schönheit erlebt, bei fantastischem Wetter – und jetzt das! Abends habe ich immer ein Kamera-Tagebuch ­geführt. Das klingt jetzt etwas kitschig, aber ich habe gesagt, ich hoffe, dass der Film eine Liebeserklärung an die Gegend und die ­Menschen wird. Und ich hoffe, die Menschen freuen sich über das, was sie im rbb sehen werden.

tip Haben Sie denn Brandenburger und Sachsen kennengelernt, oder waren es in der Mehrzahl Touristen?
Kessler Hauptsächlich Sachsen und Brandenburger, die zum Teil dort auch Urlaub gemacht haben. Darunter einen Kapitän auf seinem Schiffchen, der dann um zwölf Uhr gesagt hat: „Jetzt trinken Sie erst mal einen Schnaps mit mir“. Und dann haben wir erst mal ein Schnäpschen getrunken. Aber wir haben auch Leute getroffen, die an der Spree leben und abends am Ufer auf ihren Stühlchen sitzen und schauen, wer vorbeikommt.

tip Ist Ihre Reise so interaktiv wie die ­„Berliner Nacht-Taxe“?
Kessler Wir konnten leider aus technischen Gründen nicht live streamen. Wir haben die Route aber so gut es geht interaktiv begleitet. Per Twitter oder Facebook konnten die Leute kleine Filmchen sehen, die wir extra gedreht haben. Ich habe immer verkündet, wo ich bin, wie es mir geht. Leider können wir das in der Sendung nicht thematisieren, weil sich das für den TV-Zuschauer nicht wirklich überträgt.

tip Was reizt Sie daran, nicht nur gefilmt zu werden, sondern auch interaktiv über die Reise zu berichten?
Kessler Mich reizt daran, näher am Publikum zu sein, ein direktes Feedback zu bekommen und mich auszutauschen.

tip Könnten Sie sich vorstellen, selbst nur im Internet aufzutreten?
Kessler Kommt darauf an. Ich glaube, dass die Zukunft im Internet stattfinden wird. Viele junge Menschen besitzen heute gar keinen Fernseher mehr. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, und da möchte ich auch dabei sein.

tip Sie haben mit 100 Menschen in zwölf Tagen gesprochen. Ihre Twitter-Einträge sind alle von Ihnen. „Kesslers Knigge“ hat schon Millionen Klicks. Sie machen Comedy-­Sendungen. Wie schaffen Sie das alles?
Kessler Das ist mein Beruf, meine Leidenschaft. Und diese Vielfalt macht es für mich aus, dass ich nicht nur der befehlsempfangende Schauspieler bin, sondern inzwischen auch die Möglichkeit habe, mitzugestalten, zu schreiben.

tip Sie sagten, Sie wollen den Menschen auf Augenhöhe begegnen, parodieren aber ­Florian Silbereisen, Peter Kloeppel oder Günther Jauch. Wie passt das zusammen?
Kessler Das ist ja in gewisser Weise Medienkritik, die wir üben. Und da drückt sich auch meine Unlust aus, manche Sendungen im Fernsehen zu sehen. Ich stelle mich dabei ­etwas über die Augenhöhe und versuche, den Spiegel vorzuhalten.

tip Politiker kommen bei „Switch“ kaum vor.
Kessler Nein. Wir lassen im Moment die Finger von Politikern. Zu Helmut Kohls Zeiten in den 80er-Jahren war das alles noch wahnsinnig lustig. Die Politikverdrossenheit ist mittlerweile so groß, dass Angela-Merkel-Parodien vielen nur ein müdes Lächeln entlocken.

tip Im Fernsehen sieht man geschnittenes Material. Wir wüssten gerne, wie schlagfertig Sie wirklich sind. Vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: Bootfahren in Brandenburg ist wie …
Kessler Hmm – Paddeln in Sachsen?

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Interview: Stefanie Dörre und Britta Geithe
Fotos: rbb/Stefan Wieduwilt


Zur Person
Michael Kessler (Jahrgang 1967) machte eine Schauspielausbildung in
Bochum und beherrscht mehrere Dialekte fließend: Hessisch, Schwäbisch,
Fränkisch, den Slang des Ruhrgebiets und Sächsisch. Er spielte an
renommierten Theatern und in Filmen, bekannt wurde er aber durch
Comedy-Shows im TV wie „Schillerstraße“, „Switch reloaded“ und
„Pastewka“. 2008 bekam er den Deutschen Comedypreis als „Bester
Schauspieler“. Für den rbb fuhr er 2006 bis 2009 die interaktive
„Berliner Nacht-Taxe“. Dieses Jahr hat er die deutsche Bühnenfassung
von „Mars und Venus“ geschrieben und in der Bar jeder Vernunft
inszeniert. Kessler twittert und ist aktiver Facebook-User.    

Kesslers Expedition zeigt der rbb in drei Folgen: Mo 23.8., Mo 30.8. und Mo 6.9., jeweils um 21 Uhr

 

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