• Stadtleben
  • Michael Kessler über Mücken, Medienkritik und mehr

Stadtleben

Michael Kessler über Mücken, Medienkritik und mehr

tip Guten Tag, Herr Kessler.
Michael Kessler Hallo. Wow, ist das aufregend! Mein erstes Skype-Interview. Ich bin zwar ­technikaffin, aber ein Skype-Interview habe ich auch noch nicht geführt.

tip Für uns ist es auch das erste Mal. Dann fangen wir mal an. Fühlen Sie sich in Gesprächen eigentlich unter Druck, weil man von Ihnen erwartet, dass Sie als Comedian einen Witz nach dem anderen raushauen?
Kessler Nein, überhaupt nicht. Ich bin auch privat niemand, der andauernd einen Witz macht. Manchmal werde ich auf der Straße angesprochen: „Mach doch mal einen Witz“. Aber das kann ich gar nicht, weil ich mir ­Witze nicht merken kann. Daher bin ich also ­relativ druckfrei.

tip Aber Sie mögen spontane TV-Formate. Die „Berliner Nacht-Taxe“ war so eines, bei dem Sie nicht wussten, wer in Ihr Taxi ­einsteigt und sich mit Ihnen unterhält. Sind Sie ein spontaner Mensch?
Kessler Nein, überhaupt nicht. Wenn ich zum Beispiel verreise, dann möchte ich am liebsten jeden Schritt vorher planen. Aber beruflich reizt mich das ungemein. Das war in der „Schillerstraße“ so, bei der „Nacht-Taxe“, bei „Genial daneben“ und auch jetzt bei „Kesslers Expedition“. Ich werfe mich da hinein, obwohl ich vorher immer die Hosen voll habe.

tip Sie sind also planlos die Spree hinuntergepaddelt?
Kessler Wir haben vorher lange über das ­Format nachgedacht. Wir suchten einen Nach­folger für die „Nacht-Taxe“ und haben das Prinzip der zufälligen und nicht gestellten ­Begegnungen auf den Wasserweg übertragen. Das heißt, ich wusste nicht, was passiert: Wie lange muss ich heute paddeln, wo steige ich aus, wen treffe ich? Die Strecken waren zwar geplant, aber nicht, was an den Tagen ­passiert. Ich bin also wieder mit vollen Hosen in das Projekt gegangen, weil ich mich fragte, begegnet mir überhaupt jemand auf der Spree? Und wenn ja, was tue ich? Die Fahrt hat uns gezeigt, das Leben hält die Geschichten für uns bereit – wir müssen sie nur aufgreifen.

tip Wir haben gelesen, dass Ihr Boot einen  Motor hatte.
Kessler Das ist eine Lüge! Das Beiboot meines Teams war motorisiert, ich bin gepaddelt. ­Natürlich nicht 400 Kilometer. Die Spree ist nicht komplett befahrbar. Ich bin aber schon pro Tag etwa 15 Kilometer gepaddelt. „Kesslers Expedition“ ist ein Stück ehrliches Fernsehen. Keine gefakte Reality, sondern „Real Reality“ mit Begegnungen, die eben nicht abgesprochen sind. Es ist auch der Versuch, etwas Charme und Wärme auf den Schirm zurück­zubringen.

tip Neben dem Paddelboot hatten Sie noch ein Zelt und eine Angel dabei.
Kessler Ich stelle mit Schrecken fest: Ich hatte zwar eine Angel dabei, aber ich habe gar nicht geangelt. Mist!
tip Haben Sie wenigstens gezeltet?
Kessler Wir haben es eine Nacht probiert, aber es war nicht wirklich machbar. Die Mückenplage dieses Jahr war so brutal, wir sind sogar in den einfachen Gasthöfen von den Viechern aufgefressen worden.

tip Es ist offensichtlich nicht einfach, ein Brandenburger oder Sachse zu sein.
Kessler Sie werden die Bilder von komplett zerstochenen Anglern zu sehen bekommen. Auf meine Frage: „Wie haltet ihr das aus?“ antworteten sie: „Da haben wir uns dran ­gewöhnt“.

tip Gab es mehr so grausame Geschichten?
Kessler Bremsen! Wespen! Bienen! Die ge­samte Insektenwelt! Und das Paddeln war natürlich auch anstrengend. Ich bin einigermaßen sportlich. Aber ich hatte mir nicht ausgemalt, was das für eine Arbeit ist, von morgens bis abends zu paddeln. Ich hatte nach ein paar Tagen extremen Muskelkater. Nach einer Woche hatte ich einen Paddelkoller – wollte nicht mehr paddeln, musste es aber jeden Tag acht bis zehn Stunden. Und dann bin ich nachts aufgewacht, mit Gelenkschmerzen in den ­Fingern. Aber bei der Spree-Expedition geht es nicht um mich. Es geht um die Menschen, denen ich begegnet bin.

tip Welche Begegnungen haben Sie nach­haltig beeindruckt?
Kessler Das kann ich gar nicht sagen, weil das Abenteuer insgesamt beeindruckend war. ­Manche Menschen haben mich in ihre Gärten und Häuser eingeladen. Das finde ich toll, ­zumal die Skepsis gegenüber den Medien ­be­rechtigterweise inzwischen ziemlich groß ist. Nur ein Mal gab’s Ärger, auf einem Campingplatz. Da hatte wohl mal ein Kamerateam ­eines ­Privatsenders gefilmt, und jetzt dachten die, wir wollten auch nur „bekloppte Camper“ ­zeigen. Das hatten wir aber nicht vor.

tip Martin Sonneborn reiste rund um Berlin, Jörg Thadeusz wanderte durch Mecklenburg-Vorpommern und nun paddeln Sie mit dem Schlauchboot durch den Osten. Offenbar steckt viel komödiantisches Potenzial in der Landbevölkerung. Nur, von Sonneborn fühlten sich die Leute vorgeführt.
Kessler …

weiter | 1 | 2 |

Mehr über Cookies erfahren