Stadtleben

Mikrokosmos Mauerpark – Teil 2

16.30 Uhr, auf dem Pflasterweg neben der Bühne, Richtung Süden. Alle 20, 30 Meter Musiker. Zwei Gitarristen, die einsame Rock- und Blues-Soli vor sich hingniedeln, mit kleinen Verstärkern. Der eine mit langen strähnigen Haaren, die lila schimmern, einem Hut voller Anstecker und jeder Menge Piercing-Metall im Gesicht. Daneben eine Band um den gebürtigen Berliner und ehemaligen Straßenmusikanten Felix Meyer, die einen Teppich ausgebreitet hat, melodischen Songwriterpop spielt und ihre erste CD feilbietet. Die heißt: „Von Engeln und Schweinen“. Dann Hare-Krishna-Jünger im Gras, ihr Liedtext scheint nur aus dem Namen ihres Gurus zu bestehen. Am Parkeingang noch ein Akkustikgitarrist. Derweil hat sich der Typ mit dem Ansteckerhut die Gitarre über den Kopf gehoben und in den Nacken gelegt. Sein Solo: endlos, filigran. Er spielt schon seit Stunden. Neben ihm, an einem Baum angeleint, zwei Hunde. Seine Hunde. Sie dösen.

Ein neuer Autobahnabschnitt zum Berliner Ring: Das war der Plan für den Grenzstreifen hinter dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Man kann ja über die gescheiterte Olympiabewerbung Berlins verschiedener Meinung sein. Dadurch aber wurde der von Anwohnern geforderte Mauerpark ins Gestaltungskonzept für die Olympia-Sportstätten hineingeschrieben. Bürger begannen einfach, Bäume zu pflanzen, Fakten zu schaffen.
Für 600.000 Euro wurde ein Landschaftswettbewerb ausgelobt. Geplant wurden insgesamt 14 Hektar, in der Breite vom Stadion bis zu den Weddinger Wohnbauten. Der Entwurf des Hamburger Landschaftsarchitekten Gustav Lange gewann. Er ist, obwohl mittlerweile vielfach geändert, Grundlage für die weitere Entwicklung. Weil dem Land Berlin nach der gescheiterten Olympiabewerbung und dem teuren Bau der Schmeling-Halle das Geld knapp wurde, sprang die Allianz-Umweltstiftung mit 4,5 Millionen Euro ein. Seitdem wurde diskutiert, angehört, moderiert, verworfen.
Bislang sind 7,5 Hektar des Mauerparks fertiggestellt. Nur auf der Pankower Seite. Der Weddinger Teil, Gelände des alten Nordbahnhofs, später des Güterbahnhofs Eberswalder Straße, gehört dem Immobilienverwerter Vivico Real Estate, früher im Besitz der Deutschen Bahn, deren nicht mehr benötigte Flächen er vermarktet. Vor zwei Jahren wurde Vivico an einen österreichischen Immobilienfonds verkauft. Vivico will Geld sehen.
Es gibt aber eine wichtige Bedingung der Allianz-Stiftung: Bis 2010 muss der Park mindestens zehn Hektar umfassen. Sonst fordert sie das Geld zum Teil zurück. 2010 ist jetzt. Die Zeit wird knapp.

16.20 Uhr, am Süd-Eingang. Eine junge Frau schiebt ihren Kinderwagen in den Park hinein, das Verdeck hochgeklappt. Wie viele andere. Der Unterschied: Aus ihrem Wagen schallen schwere HipHop-Bässe. Sie transportiert darin eine heftige Stereoanlage. Ob daneben auch noch ein Kind liegt, ist nicht zu erkennen. Und nicht zu hoffen.

17.45 Uhr, am Spielplatz im Norden. Eine Musikantengruppe hat sich im Kreis aufgebaut. Trompeten, Triangel und irgendwelche Stöcker, die auf Holzkuben gehämmert werden. Laut, lustig, rhythmisch. Ein Mann schreit in ein Megafon hinein, es ist völlig unverständlich. Ein Typ mit Designersonnenbrille und spitzen Schuhen sitzt mit seiner Freundin daneben. Sie klatschen mit, einander im Arm haltend, versonnen.

18.50 Uhr, neben dem Amphitheater. Der Gitarrenspieler mit dem Ansteckerhut und den lila Haaren spielt immer noch. Der andere neben ihm ist weg. Dort sitzt jetzt ein schwarzer Mann mit Motorradhelm. Er bläst in ein Instrument hinein, das wie ein elektronisches Saxofon aussieht. Es klingt funky, beseelt. Vom Karaoke nebenan schallt ein vage vertrautes Lied herüber. Jemand vernichtet gerade „Hey Jude“.

19.35 Uhr, Amphitheater
. Joe Hatchiban macht Schicht, singt das letzte Lied, „Minnie The Moocher“ von Cab Calloway, das kennt man spätestens seit den „Blues Brothers“. Der Choral steigt zum Himmel. Dann ist Schluss. Das Zeichen zum Aufbruch. Die vollbesetzten Ränge leeren sich. Es ist die Zeit, in der etwas kippt im Mauerpark. Die Familien sind gegangen, daheim wartet das Abendessen und danach der „Tatort“. Die Jugendlichen haben den Park übernommen. Genauer: ihn einfach bekommen. In den Händen das typische Mauerpark-Accessoire: das „Wegebier“.

19.55 Uhr, am Basketballplatz. Ein anderer Flaschensammler, Koreaner vermutlich, sortiert Berge von leeren Flaschen unter einem Baum. Unzählige Plastiktüten. Er stopft die Flaschen in einen Einkaufswagen. Akribisch, luftdicht. „100 Flaschen sind acht Euro“, sagt er. „Aber morgen abgeben, ganz schwierig.“ Er wirkt irgendwie
hektisch, ruhelos. Überhaupt, Einkaufswagen. Sollten die nahen Supermärkte ihre vermissen, könnten
sie mal im Mauerpark nachgucken. Lohnt sich.

Ephraim Gothe wird es geahnt haben. Als Mittes Baustadtrat (SPD) im vergangenen Sommer den nächsten 0ico ausgehandelten Plan für die Entwicklung des Mauerparks präsentierte, schwappte der Protest hoch. Die Idee: eine Kette von mehrgeschossigen Wohnbauten, die sich den gesamten westlichen Rand des Mauerparks entlangziehen sollte. Dort, wo eigentlich Grünflächen geplant waren. Die sonst eher kompromissbereiten „Freunde des Mauerparks“, 20 Mitglieder, deren Vorgänger, der „Freundeskreis Mauerpark“, sich 1999 gegründet hatte, protestierten. Die „Initiative Mauerpark fertigstellen“, die gegen jegliche Bebauung am Park kämpft, sowieso.
Anfang dieses Jahres dann: ein neuer Kompromiss. Auf der Westseite wird die Bebauung auf den Süden beschränkt. An der Bernauer Straße sollen höchstens achtgeschossige Häuser entstehen und Mauersegler und Flohmarkt erhalten bleiben. Dafür darf Vivico auf der Weddinger Seite nördlich des Gleimtunnels ein neues Wohnviertel zur Vermarktung ausschreiben. Im Gegenzug überlässt die Immobilienfirma dem Land kostenfrei 5,8 Hektar im Mauerpark. Damit würde der Mauerpark tatsächlich fast auf 14 Hektar anwachsen, wie ursprünglich einst geplant, und sogar die von der Allianz-Stiftung zur Bedingung für ihre Fördermillionen gemachten zehn Hektar übertreffen. Vor zwei Wochen gab der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses 100.000 Euro für die konkrete Planung frei, nach mehrfacher Verzögerung, die Linkspartei hatte noch Bauchschmerzen mit dem Projekt. Jetzt kann Gothe anfangen. Demnächst beginnt das Bürgerbeteiligungsverfahren. In rund einem Monat soll es so weit sein. Ob es diesmal ohne Zoff geht, ist nicht sicher.

Ein Streitpunkt ist zum Beispiel die Erschließung des neuen Wohnviertels. Das Bezirksamt Mitte schlägt als eine Option vor, für eine Zufahrtsstraße einen Teil des Gleimtunnels abzureißen. Der aber ist denkmalgeschützt. Gothes Pankower Pendant, Baustadtrat Michail Nelken (Die Linke), ist von einem Teilabriss des Tunnels überhaupt nicht angetan. Nelken, ein Mauerpark-Befürworter der ersten Stunde, war schon vor knapp 20 Jahren dabei, als die Anwohner für den Park zu kämpfen begannen. Ginge es nach ihm, würde jetzt überhaupt kein Deal mit einem Immobilienverwerter wie Vivico stattfinden. Berlin, sagt er, hätte die fehlenden zwei Hektar, um auf die von der Allianz-Stiftung zur Bedingung für ihre Millionenzahlung gemachte Parkmindestgröße von zehn Hektar zu kommen, schon lange selbst kaufen sollen. Aber der Tausch findet nun mal auf Weddinger Gebiet statt. Nicht Nelkens Terrain. Gothe verteidigt den Handel: „Jetzt haben wir nicht zwei, sondern sechs Hektar mehr. Das hätten wir sonst nie im Leben geschafft.“
Auch die „Freunde des Mauerparks“ sind grundsätzlich für den neuen Plan, halten ihn für einen ausbaufähigen Kompromiss. Die Initiative arbeitet gerade wieder an einem neuen eigenen Konzept. Es geht um Bürgerprojekte, interkulturelle Gärten, Umweltbildung, Jugendaktivspielräume.
Und es gibt noch ein Projekt der Freunde, das fast zu verwegen klingt, um wahr zu werden. Seit einigen Wochen gibt es wöchentliche Treffen mit den südlichen Anliegern: Mauersegler, Freie Schule, Flohmarkt. Alle Mauerpark-Initiativen, heißt es, wären dabei. Bewusst ohne Behörden, noch. Nun haben sie vergangene Woche beschlossen, eine Stiftung zu gründen, um die geplanten Gewerbeflächen an der Bernauer Straße selbst zu kaufen. Von neun Millionen Euro ist die Rede. Der Name der Stiftung: Welt-Bürger-Park.

Sonntag, 20.10 Uhr, auf dem Rasen, ziemlich genau in der Mitte des Parks. Eine punkige Blues-Rock-Band donnert über die Wiese. Zu dem Drummer und einem Bassisten hat sich der Gitarrist mit den lila Haaren und der Ansteckermütze gesellt. Spontan, einfach so. Sie improvisieren, rocken, schwitzen. Um sie herum hängen zumeist junge Frauen und Männer ab. Ein paar versprengte Punks. Clubber, die beratschlagen, wie sie den weiteren Verlauf des Abends gestalten. Ein Bongo-Spieler. Mittendrin der alte Flaschensammler. Seinen „Shopping“-Wagen hat er irgendwo gelassen. Dafür ist jetzt ein Hund dabei. Der Alte wippt mit dem Kopf im Takt der Band, es ist ein seltsames Bild. Über der ganzen abendlichen Szenerie liegt ein fast babylonisches Sprachgewirr. Deutsch, englisch, ungarisch, italienisch, spanisch. Zwei Frauen defilieren umher, sie tragen einen Kasten Beck’s und ein Schild mit der Aufschrift „Bier. Yeah!“ Ein Russe knurrt: „Wodka, Wodka?“ Er winkt ab, bellt: „Dawai!“ Wie ein Maschbefehl.

Sonntag, 20.35 Uhr, immer noch auf dem Rasen. Die Band macht Feierabend. Der Schlagzeuger, der Bassist, ihr Zufalls-Mitmusiker, der Gitarrist mit den schier ewigen Soli. Telefonnummern werden ausgetauscht, Facebook-Kontakte auch. Der Gitarrist tropft sich den Schweiß von der Stirn. Sechs Stunden hat er jetzt die Gitarre bearbeitet. Ohne Pause. Seine Fingerkuppen bluten. Omer Haviv, so heißt er, kommt aus Israel, lebt sein viereinhalb Jahren in Berlin. Seine Band, The Genetic Mistake, sei gerade in Israel, erzählt er. Deswegen sitze er eben allein hier. Aber nicht mehr lange. „In ein paar Wochen werde ich mit meiner Band im Mauerpark spielen.“ Dann ruft er seine Hunde.

Montag, gegen 8 Uhr, im Mauerpark
. Vier Männer in Latzhosen mit warmen Jacken fegen seit einer halben Stunde zusammen, was vom Abend davor übrig ist. Flaschen, Grillreste, Plastikbehälter, Papier, Tüten, Kronkorken. Der Müll eines Mauerpark-Wochenendes. An warmen Tagen sind es bis zu 16 Kubikmeter. Auf den Containern des Bezirks­amtes Pankow, die seit Mai über dem Rasen verteilt sind, hängen Schilder. Darauf steht: „Mit Müll füll“, „Füttern erlaubt“, „Dreck weg“. Da wollte wohl jemand beim Amt witzig sein. Viel genutzt hat es nicht. Der Müll liegt eher neben als in der Tonne. Das könnte natürlich auch an den Krähen liegen. Demnächst versenkt die BSR hier neuartige Behälter in der Erde. Dann ragt nur eine Art Einfüllstutzen heraus, einen Meter hoch. Ein Container fasst 3,5 Kubikmeter.
Die Firma, von der die vier Männer geschickt wurden, hat den Auftrag erst kürzlich vom Amt für Umwelt und Natur bekommen. Das Team: ein älterer Grauhaariger, der das Verknoten der Müllsäcke bestens beherrscht; ein Mann mit akkurater Frisur, der eigentlich als Kraftfahrer arbeitet; ein 63-jähriger Fast-Rentner. Dazu ein Jura-Student von den Heinzelmännchen, der dachte, er würde an diesem Morgen Rasen mähen. Von wegen.

9.30 Uhr, Mauerpark. Acht Müllsäche sind bereits voll. Um elf Uhr wollen die Männer hier fertig sein. Das klappt nicht an jedem Montag. Eine Woche davor brauchten sie eineinhalb Stunden länger. Man weiß es vorher einfach nicht. Der Student amüsiert sich über eine erstaunliche Anzahl an Kondomen, die in einigen Gebüschen oder auch in anderen Nischen liegen. Das seien ja wahre Liebesnester hier, staunt er. 

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Text: Erik Heier
Mitarbeit: Mascha Bartsch, Sylvana Lange, Pauline Piskac, Katharina Wagner
Fotos: Cathrin Bach

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