Stadtleben

Mikrokosmos Mauerpark

MauerparkFreitagnacht, gegen 21 Uhr. Der Mauerpark: leer, nachtkalt. Fast leer. Ein Lagerfeuer am Basketballplatz, ein gutes Dutzend Jugendliche darum, kaum einer über 20. Aus einem Handy schnarrt Indierock. Aus anderen Prolltechno, HipHop, Rap. Erdbeerschaumweinflaschen kreisen, ein Wodka-Saft-Gemisch auch. Nächstes Lied, Sido und Kitty Kat: „Ich steck die Scheine in den Slip für dich.“ Ein Mädchen, Spaghettiträgerhemd, Hawaii-Blumenkette, tanzt vor den Jungs, rotiert die Hüften, macht sie heftig an. Alles, was geht. Bei einem besonders. Der stemmt sich plötzlich hoch: „Ich geh’ mal schiffen.“ Das Mädchen brüllt ihm hinterher: „Alter, du wirst so besoffen sein, da läuft heute gar nichts mehr.“ Sie klingt enttäuscht. Später in der Nacht kommt der Regen. Er wird auch am Sonnabend nicht aufhören.

Sonntag, gegen 13 Uhr. Wolkenverhangener Himmel, noch. Wärme kündigt sich an. Sonne. Auf dem schnurgeraden Kopfsteinpflasterweg, der den Park durchquert, schieben sich Familien mit Kindern und Kinderwagen – selten mehr als zwei Kinder –, Jogger, Menschen mit Hunden entlang. Getränkehändler, Musiker, Jongleure, Flaneure. Die ersten Griller. Es werden immer mehr. Mittendrin ein kleiner alter Mann. Wollmütze, lange Lederjoppe, Pfeife im zitternden Mundwinkel. Hinter sich zieht er ein Wägelchen her. Ein Flaschensammler. Es wird ein guter Tag werden für ihn. Auf seinem Wagen steht: „Shopping“.

Sonnabend, der Abend davor, 19.32 Uhr, an der Max-Schmeling-Halle. Drei Amerikaner, Mitte 30 vielleicht. Dauerregen, immer noch. Einer zeigt auf den Kinderspielplatz im Mauerpark: „There was the wall.“ Sein Begleiter, bedeutungsschwanger, fast pathetisch: „No Man’s Land!“ Der erste Mann, im selben Tonfall: „Yeah!“

MauerparkEs gibt diese Orte. Wo Berlin ist, wie Berlin eben ist. Der Mauerpark an der Grenze von Prenzlauer Berg und Wedding ist so ein Ort. Wo alles zusammenfließt. Sich ballt. Sich gegenseitig verstärkt. Der Wahnsinn, der Spaß, das Entspannte, die Widersprüche, die Probleme. Die Geschichte. Der Schriftsteller Wladmir Kaminer hat einmal treffend gesagt, der Mauerpark sei eine typische Berliner Sehenswürdigkeit: „Hier gibt es weder eine Mauer, noch einen Park.“
Aber es ist ein lebendiges, manchmal gar vor Leben überschäumendes grünes Band, wo noch vor gut 20 Jahren der Todesstreifen verödete, eben Niemandsland. Sobald ein Hauch von Sonne über der Stadt liegt, geht alles. Spiel ohne Grenze.
Der Mauerpark ist ein ständiges Versprechen, zu werden. Und immer in Gefahr, nie zu sein. Ein Zwischenstadium. So, wie es oft läuft in Berlin. Kondensiert auf diese knapp acht Hektar.

Da ist der Plan für seine Entwicklung, der mehr als anderthalb Jahrzehnte alt ist und noch immer nicht vollständig umgesetzt ist. Wo es jetzt an eine Entscheidung geht, mal wieder. Da sind Anwohner, die für diesen Park streiten, seit Jahren, oft mit den beiden zuständigen Bezirksämter, Pankow und Mitte. Zwei Ämter, die gelegentlich nicht einer Meinung sind. Mehrere Bürgerinitiativen, die sich auch nicht immer einig sind.
Und dann gibt es immer noch nicht vollends geklärte Eigentumsverhältnisse und den umstrittenen Plan einer Immobilienfirma, am Park Grundstücke profitabel zu vermarkten, mit den Ängsten, die damit zwangsläufig einhergehen, vor Aufwertung, steigenden Mieten, Lärmkonflikten. Vor der viel diskutierten Gentrifizierung. Aber man versteht den Mauerpark nicht, wenn man ihn analysiert. Man muss ihn erleben. Mittendrin sein. Mikrokosmos Mauerpark.

Sonnabend, 10.15 Uhr. Eine einsame Frau, die Kapuze tief im Gesicht, treibt ihren Hund durch den schier unendlichen Regen. Vorbei an Überresten von Lagerfeuern. In der Asche liegen halb verkohlte Vinyl-Langspielplatten. Von Mozart und Strawinsky. Und vom Schlagersänger Christian Anders: „Love, das ist die Antwort.“

15.32 Uhr
, am Südeingang an der Bernauer Straße. Ein einsamer Mann steht dort, mit unstetem Blick. Mitten im Regen. Er fixiert jeden, der vorbeigeht, lauert auf Blicke. Drei Stunden später ist er immer noch da.

Gegen 22 Uhr, im Mauersegler. Eine Jugendweihefeier. Die Eltern haben Spaß beim Schwoofen zur 80er-Jahre-Mucke, die 14-Jährigen sehen verkrampft aus. Albernes Gelächter. George Michael läuft gerade, „Let’s go outside“. Keine gute Idee. Es regnet immer noch. Nebenan im Mauerpark kauern zwei junge Männer auf den Steinstufen des Amphitheaters. Sie trinken Bier aus Flaschen, starren in die Nacht. Ein billiges Vergnügen. Billiger als Clubs, Bars. Es ist aber auch kälter. Jetzt.

Sonntag, 7.30 Uhr, Flohmarkt. Am Morgen hat der Regen aufgehört. Die Stände sind aufgebaut, die ersten Verkäufer kommen. Frühaufsteher mit hungrigen Augen eilen herum, noch vor der offiziellen Öffnungszeit um 8 Uhr. Besonders gut gehen DVDs und CDs. Ein vielleicht 60-jähriger Mann, weiße Haare, weißer Schnauzer, freut sich über seine neue, alte Rolling-Stones-Kollektion. „Ist das langweilig!“, ruft ein anderer Mann, eine Stehlampe unter dem Arm. „Geht ja erst um acht los“, sagt sein Begleiter. „Ach, das Wetter!“, zweifelt der erste. „Die meisten werden ihren Kram gar nicht erst auspacken. Völlig falsch. Zwei Stunden später: Der Markt ist rappelvoll. Wie an jedem Sonntag, der halbwegs regenfrei ist.

11.30 Uhr, immer noch Flohmarkt. Mittendrin im Gedränge von Familien, Pärchen, den ersten übernächtigten Clubbern, Rentnern, Touristen: ein seltsamer Mann, ganz in etwas gehüllt, das wie ein gelb-rötliches Laken aussieht, mit einem Blecheimer. Er hält jedem eine Tröte hin, nickt. Ein junger Mann fasst zu. Der Kauz schüttelt den Eimer, es klimpert. „Quieken – ein Euro!“, krächzt er. Auch ein Geschäftsmodell. Aber der junge Mann zeigt ihm einen Vogel. Er lacht, geht.

12 Uhr, Kinderspielplatz nahe des Nordeingangs am Gleimtunnel
. Zu einem Gerüst aufgetürmte Baumstämme, viele Kinder, selten über sechs Jahre alt. Am Stamm hängt ein Zettel: „Wohnen mit uns im Grünen. Eine junge Familie sucht eine andere junge Familie zum gemeinsamen Wohnen und Kinder-Großziehen.“ Eine bessere Zielgruppe für dieses Angebot als die in Prenzlauer Berg kann es ja kaum geben. Was aber ist die auf dem Zettel in Aussicht gestellte gemeinsame „Bio-Haushaltskasse“? Geld nur von glücklichen Bankern?

14.15 Uhr, auf dem Plasterweg. Zwei Mädchen, ein Junge, alle um die 15. Die Mädchen zeigen sich gegenseitig ihre Handy-Fotos. Der Junge sieht unbeteiligt aus. Die Mädchen lachen. Er guckt kurz drauf: „Boah, drei asoziale Weiber!“ Das eine Mädchen sagt pikiert, fast wütend: „Danke, das bin ich, du Honk!“
14.27 Uhr, auf dem Bouleplatz an der Max-Schmeling-Halle. Die ersten Spieler werfen sich warm. Meist Männer. Fast nur. Alte, junge. „Spielste mit?“ In einer halben Stunde beginnt das allsonntägliche Turnier, nicht nur, aber vor allem für Mitglieder des hiesigen Vereins, der „Petanquistan“ heißt, nach der Boule-Variante „Pйtanque“, die hier gespielt wird. Der Einsatz pro Teilnehmer: 3 Euro. 2,50 davon gehen in den Topf für den Tagessieger, der nach drei Runden feststeht. Ein Mann wirft seine stählerne Kugel hoch in den Baum. Eine Amsel flattert verschreckt auf. Der Mann lächelt zufrieden.

14.50 Uhr, auf einer Mauer an der Wiese. Ein Betrunkener stemmt sich hoch, grüne Bomberjacke, auf dem Rücken das Anarchie-Zeichen. Beim Aufstehen brüllt er: „Nazis, Nazis!“ Keine zu sehen. Zwei andere Gestalten tauchen neben ihm auf. Einer davon mit Fahrrad. Kurze Unterhaltung. Das Wort „Bullenschweine“ fällt. Ein Tütchen wechselt den Besitzer. Ein Joint kreist. Der Fahrradtyp verschwindet, kommt wieder, kopfschüttelnd: „Ich verkaufe doch nicht an Kinder!“

15.20 Uhr, kurz vor dem Amphitheater. Dort haben sich mittlerweile schon vier Getränkeverkäufer aufgebaut. Schönster Sonnenschein, überraschend. Zwei Jungen, vielleicht zwölf Jahre alt, wenn überhaupt, grübeln. „Sollen wir uns ’n Bier kaufen?“ – „Nee, kostet zwei Euro, viel zu teuer.“ – „Und auch noch warm.“

In diesem Jahr ist etwas anders, neu im Mauerpark. Das sagt zumindest die Polizei, das Gebäude des Abschnitts 15 liegt wenige Gehminuten vom Südeingang entfernt. Das Problem seien nicht die bis zu 5000 Parkbesucher an schönen Tagen, im Gegenteil. Neuerdings aber, sagt Daniel Eberhardt, Polizeirat und stellvertretender Abschnittsleiter, sei das jugendliche Klientel anders als früher. Weniger Linksautonome, Punks, die früher gerade die Walpurgnisnachtkonzerte gern mal in eine wüste Veranstaltung drehten. Jetzt kämen mehr Jugendliche, die sich keiner Szene zuordnen ließen, aus allen Teilen Berlins. Jüngere Leute auch, von 16 bis 20. Manchmal verabreden sie sich über Facebook, über Twitter. Wie Anfang April. Da waren schlagartig 1500 Jugendliche da. Dann wird gefeiert, gesoffen und im Lagerfeuer alles abgefackelt, was rumliegt. Verstärkt, sagt Eberhardt, stelle die Polizei in diesem Jahr zudem fest, dass Weddinger Jugendliche durch den Park streiften. „Dieses Jahr hatten wir auch vereinzelt Raub­straftaten“, sagt Eberhardt. „Dabei waren die Täter sehr oft Personen mit Migrationshintergrund.“ Aber es gäbe „keine Bandenkriege, wie in der Zeitung manchmal dargestellt wurde“.

15.24 Uhr, Amphitheater
. Die steinernen Traversen füllen sich immer mehr. Gespanntes Warten. „Gibt’s heute etwa kein Karaoke?“, fragt ein junges Mädchen enttäuscht. Ein halbes Dutzend Getränkeverkäufer konkurrieren hier inzwischen. Bier, Bionade, Wasser. Auch Kuchen. Der Flaschensammler mit dem „Shopping“-Wagen schlurft heran. Zwei Mädchen auf den Traversen, ganz unten. Der Mann deutet auf ihre leeren Bierflaschen. Stumm, stoisch, fordernd. Er kriegt sie. Wie soll man ihm auch widersprechen? Er sagt ja nichts.

15.31 Uhr, an der Bernauer Straße. Ein Fahrradverkäufer, zwei Polizisten, ein junger Mann. Der hat hier gerade das geklaute Fahrrad seiner Freundin wiedererkannt. Verkäufer, im gebrochenen Deutsch: „Das Fahrrad habe ich vor einer Woche auf dem Flohmarkt gekauft.“ – Polizist: „Für wie Viel denn?“ – Verkäufer: „60 Euro.“ – Polizist, genervt: „Das sehen doch selbst Sie, dass das Rad mehr wert ist. Wieviel wollten Sie denn dafür haben?“ –Verkäufer: „80 Euro.“ – Polizist: „Sehn’se, jetzt haben Sie 60 Euro Nasse gemacht.“

15.48 Uhr, Freilichtbühne. Jubel brandet auf. Joe Hatchiban
kachelt mit seinem orangenen Fahrrad heran, außer Atem, packt hastig seine Boxen aus, seinen bunten Schirm, stellt das Mikrofon auf der Bühne ab. Der Mann, der seit gut einem Jahr mit seiner Karaoke-Show so etwas wie ein Star des Mauerparks geworden ist, gut und gern 2000 Leute anzieht. „Ich wollte es heute gar nicht machen“, keucht er auf
Englisch. „Dachte, das Wetter ist shitty. Aber dann hat mich jemand angerufen: Hey, hier warten ganz viele Leute auf dich.“ Er baut sich in der Mitte auf, singt ein Lied, eine wahre Rampensau, zeigt in die Runde, proppenvolle Traversen, brüllt ins Mikro: „Wo soll man auch sonst sein an einem Sonntagnachmittag in Prenzlauer Berg?“ Showtime.
Sängeraspiranten mussten sich vorab via Internet anmelden. Der erste ist ein extrovertierter Koreaner. Und ein Bon-Jovi-Fan. Er singt: „It’s my life.“ Na ja. Aber die Menge tobt.

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