Stadtleben

Millionengrab Wasserstadt Spandau

Knuth MeinkeAn einem kalten Januartag ruht über dem Maselake-Kanal im Norden Spandaus eine rissige Eisdecke. Nichts fließt, nichts geht vorwärts. Stillstand. Ein älterer Mann von imposanter Gestalt, der einen weißen Kittel und eine getönte Brille trägt, mag sich gerade überhaupt nicht an dem Stillleben erfreuen. Auch wenn es sich direkt neben dem Areal seiner Firma zeigt, die Vereinigte Molkereizentralen – kurz: VMZ – heißt, der einzige Berliner Molkereibetrieb ist und acht Prozent der deutschen Butterproduk­tion stemmt. VMZ-Chef Knuth Meinke, 66, blickt an riesigen, silbrigen Tanks hoch, die bis zu 300.000 Liter Rahm fassen, und bilanziert nüchtern: „Wir wurden hier vom Senat 15 Jahre in unserer Entwicklung gehindert, weil wir kaum investieren konnten.“

Thomas CrampeWenige hundert Meter kanalabwärts steht ein jüngerer Mann mit modisch schmaler Ray-Ban-Brille und Wollmütze vor den Überresten einer blauen Werkhalle, der die Sei­tenwände fehlen und deren Dach nur von nackten Stahlträgern gestützt wird. Es ist das Firmen­gelände, auf dem sein Vater einst eine florierende Baustahlmattenproduktion aufbaute, wo er bis zu 200.000 Tonnen Stahl jährlich verarbeitete. An der Hallenfront liest man noch in weißen Lettern: „Crampe Drahtverarbeitung“. Das Unternehmen ist schon lange insolvent, der Vater 2006 darüber gestorben. Der 44-jährige Mann mit der Ray-Ban-Brille, Tho­mas Crampe, zerrt eine Faust aus der Manteltasche, deutet auf das Hallenskelett: „Da steht das Unternehmen meines Vaters, das vom Senat in den Ruin getrieben wurde.“

Es sind zwei Spandauer Firmen, die das Pech hatten, Anfang der 90er Jahre ihr Gelände in den Planungsunterlagen eines der ambitioniertesten Großbauvorhaben Berlins wiederzufinden: der Wasserstadt Spandau. Das 1992 förmlich festgelegte Stadtentwicklungsprojekt nördlich der Spandauer Altstadt, Ende September vergangenen Jahres vorfristig beendet, hat den Steuerzahler bis jetzt bereits knapp eine halbe Milliarde Euro gekostet. Die letzte Rechnung steht vielleicht noch aus. Denn beide Firmen streiten seit einer halben Ewigkeit mit dem Senat. Sie ziehen nun vor das Landgericht, Abteilung Baulandkammer. Die Vereinigten Molkereizentralen (VMZ) sind am 17. Februar dran, Crampe Drahtverarbeitung am 16. Juni. Das sind nach derzeitigem Stand die Termine. Es geht um möglichen Schadenersatz in zweistelliger Millio­nen­höhe, um die jahrelange Untätigkeit der Behörden, um die Verschleppung von Verwaltungsverfahren. So lauten die Vorwürfe.

Wasserstadt Spandau
Fragt man die Unternehmen und ihre jeweiligen Anwälte, ist es ein handfester Behördenskandal. Glaubt man der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, sind es „sehr komplexe Vorgänge“, die „sehr sorgfältig und genau geprüft werden“ müssten: „Das nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch.“ Wie lange ist eine „gewisse Zeit“? Crampe hat für die behördliche Entscheidung achteinhalb Jahre ausharren müssen. Die VMZ wartet immer noch. Die Gerichtsentscheidungen könn­ten das vorläufig finale Kapitel in der Entwicklungsgeschichte markieren, die reich an Fehleinschätzungen und Geldverschwendungen ist. Und an teils seltsamen Resultaten.

Zum Beispiel führen in der Wasserstadt Spandau nun im Abstand von einem Kilometer gleich zwei neue Brücken über die Havel, die insgesamt knapp 50 Mil­lio­nen Euro kosteten. Ein Angelsteg wurde zwei Millionen Euro teuer. Indus­trieruinen finden sich neben ambitionierten, etwas sterilen, dicht bebauten Wohnvierteln. Schräg ge­genüber vom Crampe-Grundstück beginnt auf einem Siemens-Gelände das Havelspitze-Quartier. An der Rauchstraße sind von neun Läden ganze zwei belegt: einer von einem Anfutter- und Ködergeschäft, der andere vom Bürgeramt.
Weitaus bizarrer sieht es auf der anderen Flussseite aus. Am Haveleck wurde bis Kriegsende ein arsenhaltiger Kampfstoff produziert, später befanden sich dort zwei Öllager. Nun steht eine einsame Reihenhauszeile mit acht Eigenheimen allein auf sehr weiter Flur herum, wie ein Versehen in der Steppe.
Das Büro, das die „Berlin Terraces“ einem Schild zufolge vermarktet, soll sich davon wieder zurückgezogen haben. Trotz Sanierung sei der Boden immer noch derart kontaminiert, dass man einen Verkauf nicht vertreten könne, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

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Text: Erik Heier

Fotos: Jens Berger/ Harry Schnitger

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