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Moabit soll neuer Kulturstandort werden -Teil 2

An den beiden nächsten Straßen lassen sich die Pole der möglichen Auswirkungen festmachen. In der Heidestraße wird alles anders, als es ist. Und die Lehrter Straße will bleiben, was sie einmal war. Die Heidestraße: zugige Durchfahrtsgasse am ehemaligen Container-Bahnhof, aus dem Tiergartentunnel brechen die Autos hervor wie wilde Tiere. Wer zu schnell fährt, siehtnur Abholmärkte, Werkstätten, alte Hallen, Brachen. Auf einem Schild steht: „Zu vermieten, provisionsfrei vom Eigentümer“. Schönen Gruß von Vivico Real Estate. Die Verwertungsgesellschaft, von der Deutschen Bahn gegründet und Ende 2007 an einen österreichischen Immobilienfonds verkauft, vermarktet viele Grundstücke am Hauptbahnhof. Die Heidestraße ist eines von fünf Arealen des Senatsförderprogramms „Stadtumbau West“. 2023 wird dort kaum ein Stein mehr auf dem anderen sein.

Das wissen auch die Galeristen, die die alten Hallen vor gut zwei Jahren nach und nach entdeckten: die Galerien Haunch of Venison, Edition Block, Hamish Morrison, Nolan Judin Berlin, Fruehsorge Galerie für Zeichnung, das Designstudio Aisslinger. Galerist Jan-Philipp Frühsorge sagt: „Berlin hatoftdie Chance gehabt, etwas neu zu schaffen. Und dann kam Mittelmäßigkeitwie am Potsdamer bau in der Lücke neben der indonesischen Botschaftfür 800 Betten, eine öde Einerleifassade. Die Einschläge kommen näher. Susanne Torka sagt: „Die ganze Stadtmuss doch nichtso werden wie Prenzlauer Berg.“
Ein paar Kilometer nach Nordwesten reichen, um zu sehen, wie fragil diese Hoffnung ist. Der Stephankiez, bis 2006 mehr als ein Jahrzehntlang saniert, istein pittoreskes Gründerzeitviertel mitzu 90 Prozent historischer Altbausubstanz. Jüngsthätten im Kiezmehrere Häuser neue Eigentümer bekommen, sagtStephan la Barrй. „Dass hier 30 Schlipsträger aus dem Bus krabbeln und sich Häuser angucken, ist seit 20 Jahren nichtpassiert.“ La Barrй istder Vorsitzender des Vereins BürSte – Bürger für den Stephankiez. Nach der Sanierung hatte der Bezirkden Bürgern 100.000 Euro in die Hand gegeben, für soziale Projekte in Eigenregie, das kommt selten vor. Eine Bürgerjuryverteilte Gelder, der Verein entstand, 48 Mitglieder. Jetztsitztla Barrй in Fleece-Jacke in einer weiträumigen Etage einer ehemaligen Filzfabrik. „Istnichtso mollig, wir heizen mit Holz.“ In der Mitte des Raums bollertein Stahlofen. La Barrй arbeitet als Energieberater. Früher machte sich hier die Kommune 1 das Leben locker. Tradition verpflichtet. „Auf der einen Seite haben wir den Hauptbahnhof, der dortwie ein Raumschiff gelandetist“, sagter. „Da könnte man doch auf der anderen Seite das alternative, das kreative Berlin schaffen. Moabitals Gegenüber zum teuren Prestige-Berlin.“

Moabit Antikladen fotografiert von Harry SchnitgerEs ist a nichtso, dass Moabitein ambitionsfreier Raum wäre. Nur hatte die Glücksgöttin Fortuna meistens woanders zu tun. Für Pech ist dort oben offenbar niemand zuständig. Damitmusste Moabitallein fertig werden. Von Anfang an. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte der preußische König Friedrich Wilhelm I. zwischen der heutigen Straße Alt-Moabit und der Spree Hugenotten angesiedelt, französische Glaubensflüchtlinge: „Terre de moab“. So kam womöglich Moabit, 50 Jahre vor der Eingemeindung nach Berlin, zu seinem alttestamentarischen Platzheraus.“ Seine Galerie war eine der ersten hier. „Wenn die ersten Touristenbusse hier halten, wird es nicht mehr so nett.“

Auf der gegenüberliegenden Seite des Bahndamms, der andere Pol: die Lehrter Straße, bis letztes Jahr Sanierungsgebiet. In einem prachtvollen, 1887/88 im Auftrag der Berliner Granit- und Marmorwerke M.L. Schleicher errichteten Haus mit Säulen und Renaissance-Giebeln sitzt Susanne Torka, 55. Es ist der B-Laden des Bürgervereins. Der gründete sich, als Ende der 80er Jahre die Sanierung begann. Eine alte Dame erfand seinen Namen: Verein für eine billige Prachtstraße – Lehrter Straße. Diese Dame, Klara Franke hieß sie, hatte von der Vorkriegszeitgeschwärmt. Damals gab es in der Lehrter noch 40 Kneipen und viele kleine Werkstätten. Danach schlummerte sie so weg. „Als wir anfingen“, sagt Susanne Torka, „sollten es wieder eine Prachtstraße werden und die Mieten billig bleiben. Hatnichtganzgeklappt. Aber einige Mieten sind ja noch rechtgünstig.“ Sie schwingt sich auf ihr Fahrrad, fährtvorbei am Amtsgericht, am Zellengefängnis, am Poststadion. Dann biegtsie in eine rustikale Einfahrt. Neben einer riesigen Bretterbude kauertein langhaariger Mann in einem Büro an einem alten Computer. Die Zeit, die um ihn herum rast, hier stehtsie still. Wolfram Liebchen sortiertauf dem Gelände unzählige alte Türen, Geländer, Türklinken, Stuckelemente. Und was man sonst so aus Abrisshäusern ausbauen kann. Das arbeiteter auf und verkauftes wieder. „Moabit ist der Brennpunkt Berlins“, grinst der 52-Jährige. „Du kannst hier alles haben. Problemviertel, Snobviertel, Knast. Einfach alles.“ Seiteinem Vierteljahrhundertister hier, sein Vertrag mit der DDR-Reichsbahn gilt immer noch. Bis irgendwann. Im Flächennutzungsplan istfür sein Areal eine Wohnbebauung vorgesehen.

Noch wirkt der Lehrter Kiezintakt. Aber manche fürchten hier längst um ihre Straße, um die Mieten. „Man weiß nicht, ob das hier das rotte Bahnhofsviertel wird oder doch alles in Richtung Aufwertung geht“, zweifelt Susanne Torka. Da istzum Beispiel ein geplanter Hostel-Neu-klingenden Namen – nach dem Moabiter Land, in dem die Israeliten nach ihrem Auszug aus Ägypten Zufluchtfanden. Die Hugenotten sollten Maulbeerbäume anpflanzen und Seidenraupen züchten. Dummerweise spielte der sandige Boden nichtmit. Dann schlug auch noch das kurzzeitig warme Klima um. Die Raupen bibberten und verschwanden, die Bäume dann auch. Nach Moabitkam der einfache Berliner fortan nicht für Seide, sondern um sich zu besaufen. 1848 schrieb der Groschenheftpoet Adolf Glaßbrenner: „Moabit, das kleine Land mit kleinen Eichen, sandigen Wegen und zahllosen Wirtshäusern.“

Jetzt steht Jochen-Dieter Oesterreich breitbeinig in einem Garten hinter der mehr als 100 Jahre alten Heilandskirche an Berlins kleinster Allee, der Thusnelda-Allee, 50 Meter zwischen Turmstraße und Alt-Moabit. Dortsorgtsich der Gärtner, 64, um drei Maulbeerbäume. Diesmal muss es klappen. 300 Jahre Verspätung sind genug. Als vor drei Jahren BUND und Gartenbauamtder Kirche die Bäume verehrten, gab es keinen Zaun hinter der Kirche, nur vergrabene Kriegstrümmer unter der Erde. Darüber drückten sich Junkies herum. Gärtner Oesterreich sagt: „Hier stecktdas gesamte soziale Umfeld der letzten 60 Jahre.“ Beim ersten Buddeln haute er sich gleich mal eine Spritze in die Hand. Jetzt bleiben die Drücker draußen. Und die Bäume gedeihen. Und wie sie gedeihen. Die reine Pracht. Rentner Oesterreich ist seitdem nichtmehr zu halten, so rastlos wie seine Dauerfeuersätze, die kein „Sie“ kennen, nur „Du“. Zum GlückfunktioniertAtmen automatisch. Er würde es sonstvergessen. Maulbeerbaum, Tradition, Moabit. Dem Bundespräsidenten hater neulich auch einen Baum angedient. Anfang August kam die Antwort. Danke, gern. Ihr Horst Köhler. Oesterreich schnaubt ergriffen, wenn er an den Brief denkt: „Ich sag dir, Wir haben uns auf’m Arsch gesetzt. Ihr Horst Köhler.“

Das kann Moabit gebrauchen: Enthusiasmus. In der Turmstraße ist das Regierungsviertel ansonsten Welten entfernt. „Wir können nicht sagen, dass die Diplomatenautos massenhaftbei uns halten“, ätzt Herbert Rabe, Geschäftsführer der Ladenbesitzer-Interessengemeinschaft Wir für die Turmstraße. Zwar soll nun bis 2013 der Boulevard für Arme aufgehübschtwerden, im Bund-Länder-Wettbewerb Aktive Stadtzentren wurde der Standort gemeinsam mit vier anderen Berliner Stadtteilzentren für die Gesamtausschüttung von neun Millionen Euro
ausgewählt. Aber Rabe mag nichtzu sehr frohlocken: „Uns wurden schon so oftMillionen versprochen. Wir glauben es erstbeim ersten Spatenstich.“ Dennoch glaubter: „Das Tal der Tränen istvorbei. Die Geschäftsleute sehen erste winzige Schimmer am Horizont.“ Apropos Schimmer. Am westlichen Ende der Straße Alt-Moabit gibt’s einen einsamen Kultur-Exoten: das Theater Engelbrotund Spiele. Dort ging Jahre zuvor das Hansa-Theater mitvolkstümlichem Boulevard-Repertoire baden. Die neuen Macher kamen aus München, HP Trauschke und Ludo Vici. Sie haben viel vor und eine große Klappe. Vielleicht geht es in Moabit nicht anders.

Als sie das Engelbrot 2007 eröffneten, fuhren sie mitRolf Eden im Royce-Royce beim Theatertreffen vor, luden forsch ein paar Gäste in einen Shuttle-Bus und entführten sie in ihr eigenes Theater. Krach muss laut sein, sonst bringt er nichts. Moabiter Motto. Früher, in den guten Zeiten, erfreuten Harald Juhnke und Edith Hancke im Haus das Volk. Jetzt stehen Ionesco, Kafka oder Pasolini auf dem Spielplan. Hochkultur im Niemandsland. Aber auch: Heidi-Abende oder Fremdvermietungen für Events. „Es istdas Bedürfnis klar, diesen Bezirkzum Leben zu bringen“, sagtVici. „Die, die hier jetztinvestieren, wissen, dass in zehn bis 15 Jahren große Margen möglich sind.“ So lange muss man einfach überwintern. Und hoffen. An einem Freitagabend machtsich HPTrauschke vor genau sieben Leuten zum Affen. Zu Kafkas „Affen“, auf der Bühne. Im Saal: eine Mutter mitzwei Kindern, zwei Schweizer, eine ältere Dame, ein Journalist. Trauschke spielt den Bericht der Menschwerdung eines Affen schon ewig, immer wieder anders. Seine langen Haare hängen ihm wirr ins Gesicht, er schreitund rauntund sabbertsich die Seele aus dem Leib. Als wären die 450 Plätze im Theater voll besetzt. Hinterher kommt die ältere Dame raus zum Cafй-Tresen. „Ich habe nur zehn Euro für die Karte gezahlt“, sagt sie. „Aber dieses Stückwar viel mehr wert.“ Dann knallt sie einen Zehner extra auf den Tisch, grüßt fröhlich und geht. Vielleicht ist es das, was Moabitausmacht. Dass es mehr wert ist, als man gemeinhin denkt.

Text: Erik Heier
Fotos: Harry Schnitger

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