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Moderne Vaterfiguren im deutschen HipHop

Ja, auch ich habe mittlerweile das Video zu Sidos neuesten Atomschlag „Augen Auf“ gesehen und fühle mich nur wieder einmal in meinen Thesen bestätigt. Wie es schon in der allwissenden Müllhalde des Internets geschrieben stand, munkelt die Welt, dass Sido Abitur gemacht haben soll. Und nicht nur das, sondern er soll auch noch (wie bei dem demnächst abgewickelten rbb-Produkt „Polylux“ getratscht und bei Radio Fritz im O-Ton von Sido bestätigt wurde) eine Erzieherausbildung (oder war es eine zum Kinderpfleger…?) abgebrochen haben. Und er hat einen – mittlerweile wohl schulpflichtigen – Sohn, über den er auf seinem zweiten Album eine herzzerreißende Ballade getextet hat, die sogar Grundschülern Pipi in die Augen treibt. Und jetzt das: „Augen Auf“ appelliert Sido und gibt damit den Schwarzen Peter des vermeintlichen Deutsche-Jugend-Verderbers weiter an eine wunderschön disperse Gruppe dieser Gesellschaft, die in ihrer Vielfalt sich garantiert nicht dazu äußern wird: die liebenden Eltern, zu denen nun ja auch Sido zählt. Das ist straighter „pädagogischer Straßendiskurs“ und zeugt von praktischen Wissen über die deutsche Blitzableitermentalität.


SidoAber was hat das zu bedeuten? Hat Sido einfach keinen Bock mehr darauf, im gesamtgesellschaftlichen Raum als Role Model für den deutschen „White Trash“ zu gelten? – Schon möglich. Hat sein heutiges Leben nahezu nichts mehr mit dem des postpubertären Drogen-Snacker von 2004 zu tun, der eine Maske trägt, wie MF DOOM schon im Jahre des Herren 1997? – Naheliegend. Gibt es Anzeichen, dass die Figur des „Sido“ ihren popkulturellen Zenit überschritten hat und auf das Rentenalter zuschreitet? – Offensichtlich. Erzähl‘ mir einer, dass zur Produktionszeit von „Maske“ anno 2003 schon klar war, dass uns in den folgenden Jahren ein akustisches Tryptichon erwartet, welches Max Beckmann nicht hätte besser malen können. Respekt an Aggro Berlin, aber eine solche Voraussicht grenzt schon an den Blick in die Kristallkugel oder die Genialität eines sozialistischen Fünf-Jahres-Plans.

Von „Maske“ über „Ich“ zum genial-inspirierten Albumtitel „Ich und meine Maske“, auf dass es auch dem letzten Nonchecker im Dipset-Wix einleuchte: Sido geht! Und wäscht seine Hände in Desinfektionsmittel bevor er in die bundesdeutschen Pop-Analen Einzug nimmt. Die Trilogie ist vollendet, die silberne Maske wird medienwirksam auf dem Reinickendorfer Friedhof verscharrt und deutscher Gangsterrap kann endgültig den Arsch zumachen. Ich glaube, Sido in jüngster Zeit vermehrt als Produzent auf diversen VÖs verzeichnet gesehen zu haben… Willkommen in der Welt der Verantwortung tragenden Vollzeiterwachsenen!

Im Gegensatz zu vielen seiner gleichaltrigen Geschäftskollegen, hätte es Sido meiner Meinung nach dann endgültig richtig gemacht – Es gibt nichts Neues mehr zu sagen. Das Leben verläuft (schon rein genetisch determiniert) in immer ruhigeren Bahnen und langsam nervt es, aus dem Koffer zu leben und die Erwartungen von hormonüberschwemmten Teenies in mit Schweißnebel getränkten Konzerthallen zu erfüllen, egal wie Scheiße man sich gerade fühlt. Also Scheinwerfer aus und runter von der Bühne und die eigenen Resourcen noch einmal gewinnbringend konvertieren. Ab hinter’s Mischpult und die persönlichen Erfahrungen doppelt vergolden, ohne sich die Nächte um die Ohren schlagen zu müssen. So hat es Theresa Orlowski auch gemacht, allerdings mit ihrer Rosette, falls Ihr wisst, was ich meine. Und jetzt behaupte noch irgendjemand, der Mann hätte nicht die Qualität zum Abitur gehabt… Ich werde Sidos drittes Album käuflich erwerben. Es könnte ja sein letztes sein.

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