Stadtleben

Motorrad Saison: Touren ins Umland

„Es geht um das Gefühl von Freiheit und Abenteuer.“ Oder: „Man erlebt echte Naturgewalten.“ Fragt man Motorradfahrer, warum sie sich für die Fortbewegung auf den motorisierten zwei Rädern entschieden haben, wird ihr Blick meist versonnen und die Sprache lyrisch. Vom Fahrtwind ist da die Rede und den Fliehkräften, die einen in die Kurve drücken. Sie schwärmen von der Unmittelbarkeit der vibrierenden Kraft des Motors oder dem knurrenden Sound, der für andere Krach sein mag, in ihren Ohren aber nach schönster Musik klingt.

Es sind starke Emotionen, die die Ritter der Straße bewegen. Emotionen und ein Lebensgefühl, das geteilt werden will. „Motorradfahrer sind sehr kommunikative Leute“, sagt Marco Hantsche, 32, eigentlich ein Autoverkäufer. Bis November 2011 waren es rund 15 Gleichgesinnte, mit denen sich der Besitzer einer Honda CBR Fireblade regelmäßig austauschte, über Ersatzteile fachsimpelte und gemeinsame Touren in Berlins Umgebung plante. Man telefonierte sich zusammen, traf sich auch mal zufällig in Werkstätten, wo man sich schnell in „Benzingespräche“ vertiefte, und zeigte sich auch an der legendären Spinnerbrücke an der Avus in Zehlendorf, dem bekanntesten Treff im Hier und Jetzt der Berliner Motorradszene.

Doch da die meisten Betreiber „dieses nicht ganz billigen Hobbys“, so Hantsche, beruflich stark eingespannt sind, verlagert sich auch in der Motorradszene der Austausch zunehmend zeitsparend ins Internet. „Im November 2011 habe ich meine Facebook-Seite Motorradtouren Berlin Brandenburg gestartet, damit ich mich mit meinen Motorradfreunden schneller und unkomplizierter zum Beispiel über gemeinsame Touren verständigen kann“, sagt Marco Han­tsche. Rasch verbreitete sich die Kenntnis von der für jedermann offenen Seite vor allem in der Berliner und Brandenburger Motorradszene.
Statt nun ewig herumzutelefonieren, wer sein „Baby“ am Wochenende auf die Landstraße ausführen möchte, postet nun einer der Beteiligten Tourenvorschläge nebst Treffpunkten. „Wir warnen uns aber auch gegenseitig vor Blitzern, empfehlen uns fähige und faire Werkstätten oder nennen Termine von Fahrsicherheitstrainings“, sagt Marco Hantsche.

1?364 „Gefällt mir“-Angaben hat die Seite mittlerweile. Was durchaus Auswirkungen auf die analoge Welt hat: Wer sich Mitte A­pril etwa über einen Riesenpulk von rund 400 röhrenden Motorrädern in Berlin und Umgebung wunderte, muss nicht befürchten, die Hauptstadt sei in die Hände von Rockern gefallen. Stattdessen hatte Motorradtouren Berlin Brandenburg lediglich zum Saison­auftakt geblasen.

Während bei den Nutzern von Motorradtouren Berlin Brandenburg vor allem große und sehr schnelle Feuerstühle im Renn­maschinen-Look gefeiert werden, haben sich die rund 1?000 Follower der ähnlich klingenden, 2010 ins Netz gestellten Facebook-Seite Motorrad-Ausfahrten Berlin-Brandenburg (MABB) vornehmlich dem entspannten Cruisen über abgelegene Landstraßen verschrieben. Optisch kommt die Gemeinschaft mit ihren schweren Maschinen im amerikanischen Chopper-Stil, den gerne getragenen Lederjacken nebst „Kutten“ (bestickte Jeans- oder Lederwesten) zwar im Rocker-Style daher. Der Webseiten-Betreiber Jürgen Meurer – übrigens ein langjähriger tip-Mitarbeiter – verwahrt sich jedoch gegen jede Art von Hierarchiedenken, abgrenzendem Klüngel und vor allem natürlich gegen Gewalt. Auch bei Motorrad-Ausfahrten geht es um den Austausch untereinander. Etwa zu kommenden Veranstaltungen wie der Motor­cycle Jamboree im Juli in Jüterbog, um Werkstätten und natürlich um gemeinsame Ausfahrten.

„Jeder, der Bock hat, kann bei uns mitfahren“, sagt Jürgen Meurer. „Allerdings sollte man wissen, dass wir nicht durch die Gegend rasen, sondern lieber bei rund 80 Stundenkilometer die Landschaft auf uns wirken lassen.“ Laut dem Besitzer einer Kawasaki VN 800 Classic schließt sich zu den Touren, die häufig in verwunschene polnische Provinzen führen, vom Malocher bis zum Arzt oder Ingenieur ein breites Spektrum an Motorrad-Fans an. „Es sind auch viele Anfänger dabei, die gerade erst ihren Führerschein gemacht haben. Die lassen wir dann vorne fahren, damit sie das Tempo bestimmen können und sich nicht genötigt fühlen, den Gashahn mehr zu kitzeln, als sie sich eigentlich zutrauen.“

Dass auch die Motorradtreffs im Internet vornehmlich eine Männerdomäne sind, verrät nicht nur die Sprache der Posts, in denen es schon mal deftig hergeht. Zahlenmäßig bleiben Frauen sowohl bei Motorradtouren Berlin Brandenburg als auch bei Motorrad-Ausfahrten Berlin-Brandenburg Exoten. Beziehungsweise tauchen vor allem als gepostete Bilder auf, als Motorradmiezen, deren üppige Kurven nur knapp von der engen Leder-Combi gebändigt werden. Dabei sind „Bräute mit Karren“ hoch respektiert und bei den Ausfahrten gerne gesehen. Selbst wenn sie in der Realität natürlich nicht so aussehen wie lebendig gewordene U-Comic-Amazonen. Ohnehin nehmen die wenigen Bikerinnen das recht antiquierte Frauenbild in der Szene mit Humor oder betrachten es gar mit einer gewissen archäologischen Neugier.

Es liegt wohl eher an den abweichenden Interessen der meisten Ladys, dass die Motorradszene so männerlastig ist. Denn spätestens nach Beendigung der Tour, beim Absacker in der Kneipe, kommt bei Frauen schnell Langeweile auf: In den gefühlt stundenlangen Benzingesprächen geht es im Wesentlichen um – gähn – oben liegende Nockenwellen, Zündspulen, Kreiselkräfte oder, auch nicht besser, Radlastverteilung. 

Text: Eva Apraku

Fotos: Jürgen Meurer

 

Motorrad-Ausfahrten Berlin-Brandenburg
www.facebook.com/home.php#!/pages/MABB-The-Cruiser/474169889298415?fref=ts

Motorradtouren Berlin Brandenburg
www.facebook.com/home.php#!/MotorradtourenBerlinBrandenburg?fref=ts

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