Stadtleben

Müllmänner

„Wenn in unsrer Straße mitten in der Nacht frohes Poltern jäh ertönt, wenn man laut und ausgiebig lacht, wenn ver­­gnügte Unterhaltungen in mein verschlafenes Ohr eindringen, enn es bollert, wenn es rappelt, wenn es scheppert, zischt und röhrt, man ein übermütiges tschick plopp pfitt splonka tschappa hört“ – ja, dann ist in dem Lied „Müllmännerblues“ von Reinhard Mey die großartige Truppe von der BSR unterwegs. „Tschick plopp tschappa“ – dass ich nicht lache; bei mir machen die Müllmänner nur: „KRRRAWUMMMMM, KKKKKRRRRRKK CCCKKK“ und „WAAAAAAMMMMMMM!“

Ich weiß nicht, was den großen Frohnauer Sentimentalisten Mey da geritten hat, dem ja schon seine ständig rasenmähenden Feriennachbarn auf Sylt zu Recht auf die Nerven gehen – aber ich kann mir vorstellen, dass das Lied schon damals von der Berliner Stadtreinigung in Auftrag gebeben wurde, um das ramponierte Image gründlich zu säubern. Heute, gefühlte 100 Werbekampagnen später, ist es porentief rein. Laut einer Umfrage gehören Müllmänner mittlerweile für fast zwei Drittel der Bevölkerung zu den angesehensten Berufsgruppen. In Berlin, wo gerade unter Jüngeren eine besondere Affinität zu Müll besteht, dürfte der Wert bei 100 Prozent liegen. Denn hier lümmelt man im Club gern auf Sofas vom Sperrmüll und trägt Klamotten von Humana, die hier eben nicht mit einem Designerstück kombiniert werden, sondern mit einem Schnäppchen aus einer anderen Humana-Filiale. Von der Modefarbe Orange wollen wir mal gar nicht sprechen. Berlin ist wie der Oskar aus der Mülltonne: Es liebt Müll.

Deswegen will ich hier mal feststellen: Müllmänner sind Störenfriede, darüber können mich die kumpelhaften Werbeplakate, auf denen patente Straßenfeger die Siegessäule abwedeln, nicht hinwegtäuschen. Oder sind es etwa keine Müllmänner, die morgens um sechs ohne Rücksicht auf Schlafende durch den Hinterhof poltern, Türen schlagen und sogar klingeln, wenn die Tür zu ist? Und sind es ebenfalls keine Müllmänner, die ein paar Stunden später mit ihren Riesenlastern die Straßen verstopfen, sich im Schneckentempo vorwärtsbewegen und die es einen feuchten Kehricht interessiert, ob man im Auto hinter ihnen wahnsinnig wird?? Ist es nicht die Berliner Stadtreinigung, die in gemütlichen Bezirken wie dem Westend fast jeden Tag eine grauenhafte Schabgeräusche verbreitende Straßenkehrmaschine um den Block fahren lässt – und zwar so oft, bis jedes gefallene Laubblatt mindestens dreimal aufgewirbelt wurde????

Ich habe nichts dagegen, dass Müllmänner nicht mehr als Bodensatz der Arbeitnehmerschaft gelten. Als Aussätzige, die unseren Schmutz wegmachen. Aber mit der Romantisierung muss jetzt mal Schluss sein.
Und jeder Einspruch dagegen schert mich einen Dreck!

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