Stadtleben

Mützen

Nirgendwo ist die Dichte der Wollmützenträger in geschlossenen Räumen so groß wie in Berlin. Es gibt Clubbesucher, die den ganzen Abend ihre Kopfbedeckung anbehalten, ja, sogar sichtbar stolz darunter schwitzen – als sichtbares Zeichen ihrer Bereitschaft, jederzeit Wind und Wetter zu trotzen, und vor allem den eisigen Lüften, die hier im Winter durch die Straßen wehen. Die Mütze zeigt: Hier ist jemand, der über die Weicheier, die nur im Sommer nach Berlin kommen und die Stadt im Winter grau und trist finden, nur lächeln kann. Es sind natürlich vor allem Männer, die dieser hemingway-haften Poserei anheimfallen, und die vielen Berliner Frauen, die ein bisschen wie Männer sind oder sein wollen. Diese passionierten Mützenträger fühlen sich den ganzen Abend wie die Protagonisten in einem Kaurismäki-Film, in dem es ja oft noch trüber aussieht als in Berlin.

Berlin hat schon lange einen an der Mütze, war es doch früher in der Tat mal ein windiges Pflas­ter – zu Mauerzeiten etwa, als noch nicht jeder Abiturient aus Restdeutschland hierherziehen wollte. Nun ist es hier im Grunde so kommod wie in Stuttgart oder München –, aber die Mützen sind als letztes Distinktionsmerkmal geblieben, mit dem man so tun kann, als wäre Berlin immer noch besser mit Schutzkleidung zu ertragen. Hier kommen sich die Mützenträger als hartgesottene Miglieder des Frontstadtmilieus vor, die sich mit dieser textilen Endmoräne ihrer eigenen Rest-Jugendlichkeit versichern.
Man muss allerdings einräumen, dass der Kopf hier in der Tat gut geschützt werden muss, auch wenn gar nicht viel drin ist. Von den etlichen Baustellengerüsten fallen Baumaterialien, am 1. Mai werden Steine geworfen, an der Oberbaumbrücke auch schon mal faules Gemüse. Das alles mag zur besonderen Hinwendung zu Kopfbedeckungen geführt haben: Es gibt Hasskappen, Sturmhauben, Jet-Helme im Design der 70er Jahre, alberne Ska-Hütchen – und auf den Wochenmärkten immer noch diese Scheußlichkeiten aus Filz, die aus ihren Trägerinnen hexenhafte Lesben machen. Und klar: Nur in Berlin können Modedesigner mit Hutmoden richtig prominent werden wie Fiona Bennett.

Ich möchte hier abschließend mal ganz ketzerisch die Frage stellen, ob es nicht ein Zeichen extremer Verweichlichung ist, wenn man ständig was auf dem Kopf hat. Und außerdem ist erwiesen, dass im erwärmten Kopf schneller der IQ sinkt. Fragen Sie mal den Mann mit der Mütze, der da hinten am Tresen sitzt.

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