Stadtleben

Neues Buch über Integration in Berlin

Eberhard Seideltip Laut einer neuen Studie sind Türken die am schlechtesten integrierte Zuwanderergruppe. Was sind die Ursachen?
Eberhard Seidel Wissen Sie eigentlich, wie viele der von den deutschen Betrieben angeworbenen türkischen Gastarbeiter damals Analphabeten waren? Und wissen Sie, wie wenig das deutsche Schulsystem darauf vorbereitet war, diesem Milieu Lesen und Schreiben beizubringen oder gar vernünftiges Deutsch? Angesichts dieser kata­strophalen Ausgangslage ist der inzwischen erreichte Grad der Alphabetisierung und Bildung unter Türken fast ein Wunder. Ich habe keine Zweifel daran, dass leis­tungs­willige, bildungshungrige und hoch­qualifizierte Deutschtürken den Alt­deutschen noch mehr als bisher die eine oder andere Führungsposition streitig machen werden.

tip Woran liegt es, dass sich Griechen und Spanier viel besser integrieren als Türken oder Araber?
Seidel Weil man es ihnen leichter macht. Als EU-Bürger haben Griechen und Spanier anders als die Türken und Araber seit Jahrzehnten ganz andere Rechte sowohl im politischen Raum als auch auf dem Arbeitsmarkt. Was die Deutschen auch gerne vergessen: Die überwiegend palästinensischen Flüchtlinge aus dem Libanon durften nach ihrer Ankunft in den 70er und 80er Jahren über lange Jahre nicht arbeiten, und es gab für die Kinder zunächst keine Schulpflicht. Das hat Desintegration und Ansätze von Parallelgesellschaften befördert. Und übrigens halte ich die nationalen Vergleiche für Humbug, da die Einwanderergruppen aus völlig verschiedenen sozialen Schichten stammen.

tip In dem Buch „Stadt der Vielfalt“ schildern Sie mit Sanem Kleff sehr positiv einen Streifzug durch Nordneukölln. Nur, wenn alles so toll wäre, wie Sie es beschreiben, dann zögen integrierte Migranten und Deutsche, die es sich leisten können, nicht aus Neukölln weg.
Seidel Nordneukölln ist natürlich ein hartes Pflaster, es gibt eine Verdichtung von Armut und entsprechend alle Probleme, die damit einhergehen, zum Beispiel Umgangsformen, die nicht immer den bürgerlichen Standards entsprechen. Aber Neukölln ist mehr als das. Man kann hier faszinierende Spuren von Vielfalt entdecken. Darauf machen wir aufmerksam. So ist das sommerliche Treiben im Co­lum­bia­bad nicht nur ein Ärgernis, weil die Hormone der Machojungs ins Kraut schießen. Es ist gleichzeitig die Inkarnation der Vielfalt – sichtbarer Ausdruck von 50 Jahren in­ter­kul­tureller Liebe und der ju­gend­lichen Energie einer Einwanderungsstadt.

Kicken Weddingtip Wie bewerten Sie denn die Brandreden von Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky?
Seidel Herr Buschkowsky gefällt sich in der Rolle des Tabubrechers, der die Probleme einer Einwanderungsgesellschaft endlich offen und klar benennt, die linke Multikulti-Träumer in der Vergangenheit tabuisiert hätten. Das kommt bei Konservativen und den Migrationsfrustrierten gut an, ist aber grober Unfug. Linksliberale Kreise haben bereits vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass die Einwanderungs­gesellschaft viele Probleme schafft. Nachzulesen ist das in vielen Büchern, die allerdings wenig beachtet wurden. Wenn Herr Buschkows­ky nun nach Jahrzehnten des bezirklichen Tiefschlafs Fragen der Integration zu einem zentralen Anliegen Neuköllns macht, ist das nur zu begrüßen. Über seine Lösungsvorschläge muss man allerdings streiten.

tip Gab es denn in den 70er Jahren Vereine, die sich gekümmert haben?

Lesen Sie weiter in tip 04/08

Interview: Britta Geithe

Foto: Sascha Stolzenburg

Eberhard Seidel, Sanem Kleff
: „Stadt der Vielfalt“, Berlin 2008,
200 Seiten, 3 Ђ, zu beziehen über: Beauftragter des Senats von Berlin für Integration und Migration, Straßburger Straße 56, 10405 Berlin, Tel. 90 17-23 57, -22, [email protected]

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