Stadtleben

Neukölln im Aufbruch

Das war mal anders. Der 39-jährige Ahmet Sözen kennt die Weserstraße noch aus einer Zeit, in der man dort besser etwas schneller ging. „Es war dunkel“, sagt er. Als er zwölf Jahre alt war, zog seine Familie an den Kottbusser Damm. Und Ahmet kam auf die Heinrich-Heine-Schule in der Rütli-Straße. Ahmets Eltern schickten ihren Sohn in den Ringerverein, damit er stark würde, sich verteidigen könne. Als er älter war, ging er einmal mit den 36Boys mit. Aber er brauchte keine Bande. Vielleicht hatte er auch ein bisschen Glück, dass er zumindest in Kreuzberg wohnte und nicht im Reuterkiez. Deswegen schaffte er es vielleicht, Bauingenieur zu werden und einen Job zu finden.

Als der kleine Ahmet Anfang der 80er-Jahre mit eingezogenem Kopf die dunkle Weserstraße entlangschlich, machte Helmut in der Reuterstraße eine Kneipe auf. „Ja“, sagt er, legt den Kopf schief und grinst, „es war wirklich etwas dunkler hier.“ Er trägt ein ausgewaschenes Eric-Clapton-Shirt, dazu einen Dreitagebart und das graue Haar zerzaust. Er ist blass, wie einer eben blass ist, der nachts arbeitet. Helmut breitet die Arme aus. „Das hier ist mein Zuhause, hier sind die Leute, die ich kenne, einige ziehen weg.“ Er zuckt mit den Achseln. „Neue kommen dazu.“ Und im Moment kommen eine Menge neuer Leute in den Sandmann. Studenten zum Beispiel, die für ihre Forschungsarbeiten mit ihm über Gentrifizierung sprechen wollen.

Seit 15 Jahren macht Helmut am Montag eine Jazz-Jam-Session, seit etwa zwei Jahren kommen die neuen Neuköllner, dann ist die kleine Kneipe hoffnungslos überfüllt. Helmut verdient gut an diesen Montagen. Wenn man ihn an einem anderen Tag hinter dem leeren Tresen stehen sieht, liegt die Vermutung nahe, dass es ohne den Montag den Sandmann vielleicht gar nicht mehr gäbe. Es macht Helmut nichts, dass es nicht die Stammgäste sind, die montags in den Sandmann kommen. „Ich versuche halt, die zu welchen zu machen.“

Helmut hat gerade die Aschenbecher vom Vorabend gespült, stapelt sie jetzt zum Trocknen zu Pyramiden aufeinander und erklärt dabei mal kurz das mit der Gentrifizierung: „Meine These ist die“, sagt er und atmet einmal tief durch, „ein Kiez muss erst mal richtig unten sein, ehe sich da jemand für interessiert. Dann traut sich die Polizei nicht mehr rein und die Leute ziehen da hin, weil sie Freiräume haben, die sie sonst nirgends finden. Weil man da nachts auch mal mehr Lärm machen kann. Dann werden die Kreativen irgendwann älter, wollen ihre Ruhe, und die Jungen suchen sich neue Orte.“ Helmut sagt das, wie man diesen Satz sagt: So ist er halt, der Lauf der Dinge. „Das zerstörte Schöneberg nach dem Krieg, Kreuzberg 36, das in den 70er-Jahren zum Ghetto der Gastarbeiter wurde, Mitte und Prenzlauer Berg nach der Wende“, Helmut stapelt den letzten Aschenbecher, „und jetzt ist halt Neukölln dran.“

Der bekannte Künstler Phil Collins hat zusammen mit Barry Burns von der noch bekannteren Band Mogwai, dessen Frau Rachel Burns und Sinisa Mitrovic die Eckkneipe Das Gift aufgemacht. Hier lässt sich zwischen holzgetäfelten Wänden vielleicht ein wenig exzessiver feiern, auch wenn man Jackett zur Hornbrille trägt. Andere Lokalitäten machen es nicht viel anders als die Bars in Kreuzberg, aber genauso gut. In der Walpurgisnacht eröffnete der Damensalon, der, und das ist noch selten im Reuterkiez, auch ein Club ist. Junge Leute mit Hüten, Vollbärten, zerschlissenen Shirts drängten sich in dem dunklen Keller unter der Bar, tanzten zu bodenständigem Elektro in den Mai.

Doch längst schon werden im Norden Neuköllns die Freiräume nicht mehr nur entdeckt, sie drohen auch schon wieder zu verschwinden. Denn nach den Pionieren kommt der Mainstream. Im Silver Future hängt Audrey Hepburn mit aufgeklebtem Schnurrbart an der Wand. Die Wände sind pink, die Sofas grün. Queer soll die Bar sein. Jetzt sitzt draußen eine Art Türsteher und passt auf, dass nicht mehr so viele von denen reinkommen, die nur Voyeure sind.

Matthias Merkle hat nachmittags viel Zeit zwischen den paar Bestellungen im Freien Neukölln. Es gibt WLAN. Im Dunklen sitzen an den Tischen junge Leute vor Macbooks und halten sich stundenlang an einem Cappuccino fest. Es sieht aus wie die Neuköllner Version des St. Oberholz. Aber was soll Merkle tun? Er ist einer, der an die Zukunft des Internets glaubt. Er und Mitbetreiberin Antje sind selbst in der Webszene aktiv, sie bloggen. Wie könnten sie dann das WLAN abdrehen? Merkle sitzt draußen, an dem Tisch, der schräg steht auf dem unebenen Bürgersteig. Immer öfter fahren Fahrradrischkas an ihm vorbei und Reisebusse. „Ich würde ja gerne mal in so einem sitzen“, sagt er, „und hören, was da erzählt wird.“

Die Weserstraße ist ein Zoo. Doch noch ist nicht entschieden, wer im Käfig sitzt und wer die Gaffer sind. Bisher beäugen sie sich gleichermaßen, die Touristen, die Neukölln im Reiseführer gefunden haben, und die, die hier wohnen. „Uns wurde schon oft vorgeworfen, wir seien schuld an der Gentrifizierung“, sagt Maria Richarz. Es fällt auf den ersten Blick schwer, diesen Satz mit ihr – Leinenhosen, Kapuzenjacke, kurzes Schnittlauchhaar – in Einklang zu bringen. Sie kommt aus der Hausbesetzerszene, das passt, wenn man sie so sieht. Vor sechs Jahren aber gründete sie die Zwischennutzungsagentur, die mittlerweile Coopolis heißt. Die Agentur vermittelt leer stehende Räume in Neukölln an kreative Nutzer, handelt mit den Vermietern günstige Preise aus und hilft den Neuen bei der Vernetzung.

neukoelln
Angefangen haben sie damit 2005 im Reuterkiez. In Richarz‘ Büro in der Lenaustraße hängt ein Stadtplan, unzählige Stecknadeln sind in die Straßen gepinnt, rot, wo etwas frei ist, blau heißt: vermittelt. Im Reuterkiez stecken viele blaue Nadeln. „Ein Haus ist zum Nutzen da“, sagt Richarz. „Wir haben nichts verdrängt hier, sondern in Läden, die leer stehen, Nutzer reingebracht.“ Sie unterstreicht das Wort „leer“ mit einer resoluten Handbewegung. Dann erklärt sie ein paar städteplanerische Grundweisheiten: dass Leerstand nämlich ein Zeichen dafür ist, dass eine Stadt verkommt; dass es Kriminalität gibt, wo niemand da ist und hinschaut. Eine andere Grundweisheit aber ist: Wenn Leerstand verschwindet, ist das ein erstes Zeichen für Gentrifizierung – wenn die neuen Nutzer dort das anbieten, was das zugezogene Klientel braucht: schicke Boutiquen, Biosupermärkte, teure Cafйs. Aber findet man solche Läden in Neukölln?

In Tashas und Dianas Sing Blackbird gibt es ein T-Shirt für neun Euro, der Milchkaffee kostet zwei Euro. Die steigenden Preise findet man woanders. Bei Immobilienscout 24 zum Beispiel. Das Wohnungsportal wertete seine Daten aus: 6,30 Euro kostet der Qua­dratmeter mittlerweile durchschnittlich im Norden von Neukölln: 14 Prozent mehr als im Jahr davor. Noch werden nur ein paar Pinselstriche gemacht, auch um die neuen Mieten zu rechtfertigen. „Typisch für die Anfangsphase“, sagt Gentrifizierungsexperte Holm. Dass Besitzer ihre Häuser zu Luxuskomplexen aufpimpen, passiert bisher nur in Einzelfällen. Noch baut hier niemand Tiefgaragen und vollautomatische Aufzüge. Noch streiten sich bei den immer voller werdenden Wohnungsbesichtigungen relativ arme Leute mit den noch ärmeren.

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