Stadtleben

Neukölln im Aufbruch

„Doch mittlerweile“, sagt Holm, „hat der Handel mit den Häusern begonnen.“ Neukölln steht ein Generationswechsel bevor. Die Privatleute, West-Berliner, denen hier viele Immobilien gehören, die vielleicht noch so etwas wie eine emotionale Bindung an den Kiez haben, werden alt. Ob ihre Erben die Häuser behalten werden? Oder verkaufen an Investoren? Fest steht: Das alte Modell ist unter Druck.

„In meiner Straße fahren ständig die Robben & Wientjes-Wagen vor“, sagt Ralf. Er ist gerade zur Tür reingekommen, als Helmut im Sandmann das erste Bier an diesem ruhigen Dienstagabend anzapft. Ralf stellt schnaufend einen Sack Kartoffeln auf einen Barhocker. „Mach mir doch bitte einen Spezi!“ – „Ohne Zitrone?“ Ralf nickt. „Mindestens einmal in der Woche zieht jemand um. Das ist vielleicht ein Rein und Raus!“ Es sind diese neuen Neuköllner, die mal ein paar Monate hier wohnen wollen, Aufbruchsstimmung schnuppern, und dann wieder gehen. Bei jedem Neubezug kann der Vermieter, still und heimlich, die Miete erhöhen. Vor allem, weil sich mittlerweile immer jemand findet, der sie zahlt, denn in Neukölln ist es immer noch günstiger als anderswo in der Stadt, ganz zu schweigen von anderswo in Europa.

Wegen der günstigen Mieten zog auch Bauingenieur Ahmet Sözen vor zehn Jahren in die Nansenstraße, 440 Euro für vier Zimmer. Klar habe er Zweifel gehabt, seine eigenen Kinder in einer Gegend aufwachsen zu lassen, durch die er selbst einst mit geballter Faust in der Tasche lief. „Aber ich dachte mir: Wenn ich immer ganz nah bei ihnen bin, dann funktioniert es.“ Immer mitgehen auf die Spielplätze und rein in die Elternvertretungen. Heute dauert es ein paar Minuten, ehe Ahmet alle Ehrenämter aufgezählt hat, die er innehält: „Zweiter Vorsitzender in der Arielle-Kita, Zweiter Vorsitzender beim Fußballverein NFC Rot-Weiß Berlin am Maybachufer, Beiratsmitglied im türkischen Ringerverein, Elternvertreter im Albert-Schweitzer-Gymnasium, davor sieben Jahre lang Elternvertreter in der Franz-Schubert-Schule, da habe ich die Fußball-AG gegründet und die Ringer-AG“, er bricht ab, fährt sich mit der Hand durchs Haar, er ist sich nicht ganz sicher, ob er etwas vergessen hat. „Ich mag es, Dinge anzuschubsen“, sagt er.

WerkstadtAn jedem ersten Montag im Monat geht Ahmet zum Treffen der Elterninitiative. Sie sitzen dann bei Früchtetee in der Rütli-Straße, wo im März 2006 tagelang Ausnahmezustand herrschte: Kamerateams kampierten in ihren Übertragungswagen und warteten darauf, dass die gemeingefährlichen Rütli-Schüler Stühle aus den Fenstern schmissen oder zumindest einen Stein über den Zaun. Mittlerweile haben sich die Schulen und Kitas im Umkreis unter dem Namen „Campus-Rütli“ zusammengeschlossen, ein 24-Millionen-Euro-Projekt, das „der heranwachsenden Generation ein umfassendes und integriertes Sozialisations- und Bildungsangebot“ bereitstellen will. Sozialarbeiter, Polizisten und neue Lehrer haben das randalierende Klassenzimmer gebändigt. Jetzt wird hier moderne Schule geprobt.

Man muss vielleicht nicht anklagen, man muss vielleicht die richtigen Fragen stellen. „Was wollen wir eigentlich von Berlin? Warum wollen wir hier leben?“, sagt Merkle, ehe er wieder in die Küche seiner Bar Freies Neukölln muss. Die Antworten können dann nach dem Ausschlussprinzip gegeben werden. „Zumindest nicht, weil es überall Starbucks gibt.“

Und noch gibt es ihn in Neukölln, den ganz normalen Kiez. Man muss nur zwei U-Bahnstationen vom Hermannplatz aus Richtung Süden fahren. Nadine, 31 Jahre alt, sitzt an einem Tisch am Fenster im Cafй der Werkstadt, blickt hinaus auf die Emserstraße. In den hinteren Räumen liegen Ateliers, die sie an Künstler vermieten. „Viele kennen ja nur den Reuterkiez“, sagt Nadine. Und eigentlich weiß sie selbst nicht so richtig, ob das nun gut oder schlecht ist. Gut, weil es in den kleinen Straßen rund um den Körnerpark noch so ist wie in der Weserstraße vor sieben Jahren.

Damals zog Nadine, die in Treptow an der Grenze zu Neukölln aufgewachsen war, von ihrer Studenten-WG in Friedrichshain in den Reuterkiez. „In der Wühlischstraße wurde ich das Gefühl nicht los, nicht cool genug zu sein zwischen all den hippen Leuten und schicken Läden“, sagt sie und erzählt dann gerne von ihrem ersten Ausflug zum Supermarkt in Neukölln. „Da stand eine Oma mit ihrem Hund auf der Pannierstraße und ging spazieren.“ Sie macht eine Pause, als läge die Tragweite dieser Beobachtung auf der Hand. „Hier bin ich genau richtig“, dachte Nadine in diesem Moment. Jetzt ist sie sich nicht mehr so sicher. Das Dorfgefühl, das sie und so viele in den Großstadtkiezen suchen, spürt sie nicht mehr im Norden Neuköllns, wo sie lebt. Das Dorfgefühl sucht sie jetzt hier im Körnerkiez.

Die Räume vermittelte Maria Richarz von Coopolis und pinnte damit eine weitere blaue Stecknadel in den Stadtplan. „Hier steht so viel leer“, sagt Nadine, „hier kann man noch so viel machen.“ Sie will, dass die Menschen in den Körnerkiez kommen, dass sie hier bei ihnen Kaffee trinken, dass sie die Arbeiten der Künstler anschauen, dass sie sehen, wie schön es in ihrem Kiez ist. Das wollen auch die anderen, die hier leben und arbeiten. „Ich kann ja auch nicht sagen, du darfst das hier nicht machen, aber ich, weil ich zuerst da war“, sagt sie, überlegt. „Das wäre arrogant.“ Sie hat sich mit den anderen Ladeninhabern im Kiez zu den Körnerkomplizen zusammengeschlossen, die regelmäßig eine Schnitzeljagd organisieren, eine Art Tag der offenen Tür, bei dem auch die Autowerkstatt um die Ecke mitmacht und der Bäcker, der Friseur und der Schneider.

„Der Zusammenhalt ist wichtig“, sagt Nadine. Die Nachbarn kamen zur Tür rein, als sie renovierten. Einer brachte einen alten Stuhl vorbei, ein anderer Ölfarbe aus dem Keller. „Könnt ihr das gebrauchen?“ Sie gestalten ihr Dorf. Das ist ihre Chance. Und eigentlich haben sie auch andere Probleme als die Gentrifizierung. Die Spielhallen zum Beispiel, von denen gibt es viel zu viele in der Gegend. Oder Trickbetrüger, die versuchen Geld zu klauen, vor denen sie und die anderen sich dann gegenseitig warnen.

Ralf hat unten in der Reuterstraße inzwischen seinen Kartoffelsack geschultert, ist nach Hause gegangen, und Helmut steht wieder alleine im Sandmann. „Natürlich schaut man da mit einem weinenden Auge drauf, wenn sich der Kiez verändert“, sagt Helmut. „Aber vorher hatte ich hier auch ein weinendes Auge. Dass es hier nicht bleiben konnte wie früher, war klar.“       

Text: Anne Lena Mösken

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