Stadtleben

Nichts als Ärger



So sicher wie die Erleichterung darüber, dass sich die Saison ihrem Ende
entgegenschleppt, so sicher kommt kurz vor Spielzeitende auch die jährliche
Kritiker-Umfrage der Zeitschrift „theater heute“. Der Job, die Höhepunkte und
Tiefschläge des Theaterjahres abzuhaken, sorgt zuverlässig für Ratlosigkeit. In
guten Jahren, weil man so viele tolle Inszenierungen und großartige
Schauspieler gesehen hat, dass jede Entscheidung ungerecht ist. In schlechten
Jahren wie diesem, weil man das meiste eh und völlig zu Recht vergessen hat und
einem einzig auf der Frage nach der „Ärgerlichsten Theatererfahrung“ jede Menge
Antworten einfallen. Zum Beispiel die Welle von Etatkürzungen und drohenden
Theater- und Spartenschließungen in kleineren und mittelgroßen Städten als
Folge der Rezession. Oder Ulrich Khuons erste Spielzeit am Deutschen Theater:
Viel kundenorientiertes Wohlfühltheater samt entschlossener intellektueller
Unterforderung der Endverbraucher, reflexionsfreies Kriegenburg-Kunstgewerbe
und ein eher langweiliges Ensemble. Oder war die zwar nicht gemütliche, aber
dafür wieder mal ziemlich trostlose Saison an der dauerkriselnden Volksbühne
das größere Ärgernis? Oder der süße Duft der Korruption, wenn Theaterkritiker
gegen Honorar gerne mal Werbetexte Hauszeitschriften von Theatern beisteuern,
über die sie gleichzeitig, völlig unabhängig natürlich, Theaterkritiken
schreiben? Oder ist der verbissene Karrierismus samt den durchsichtigen
Selbstpositionierungs-Manövern an allen Fronten noch etwas ärgerlicher? Oder
war vielleicht doch das Theatertreffen das größere Ärgernis, das vor allem
demonstrierte, dass das Theater seine zeitdiagnostische Kraft eingebüßt hat und
recht selbstgefällig und erstaunlich saturiert um sich selbst kreist? Oder war
in Wirklichkeit das infantile Spektakel „Die Riesen kommen“, mit dem die
Berliner Festspiele klar stellten, dass Geschmackssicherheit und ein
künstlerischer Minimalanspruch nicht so ihr Ding sind, das größte Ärgernis?
Schwer zu sagen.

Peter Laudenbach

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