• Stadtleben
  • Nord Neukölln: Spielplatz Avantgarde – Teil 2

Stadtleben

Nord Neukölln: Spielplatz Avantgarde – Teil 2

OhrenhochEs sind aber nicht bloß Kunst und Musik, die in kreativen Phasen, wie sie Neukölln gerade erlebt, neu gedacht werden. Parallel zum Experiment mit Klang oder Bild entwickeln sich dort auch Ausdrucksformen, die das Publikum auf subversive Art und Weise einbeziehen. „Ich will Tabus brechen“, fasst Sebastian Backhaus, besser bekannt als Onkel und Betreiber der PoPo Bar in der Tellstraße, seinen Ansatz zusammen. Einmal inszenierte er einen gescheiterten Bankraub, filmte die Aktion und ließ anschließend das Publikum Verbesserungsvorschläge machen. Er ließ zwei Chirurgen ein totes Huhn sezieren und stellte die Hühnerteile aus. Diese ordnete er dann Ländern zu, in denen sie der Tradition nach verspeist werden, von der Kralle bis zum Kamm. Ein anderes Projekt der PoPo Bar, die ausschließlich zu solchen Anlässen geöffnet wird, war das „Terroristencasting“. In der Jury saß eine Soziologieprofessorin der Humboldt-Universität, ein ehemaliges PLO-Mitglied und ein fiktiver Finanzier, die Bewerber mussten sich in einer Psychokammer unter Stroboskopblitzen tiefschürfenden Fragen stellen und weitere Verhörmethoden bestehen, bis der besonders widerstandsfähige Sieger auserkoren wurde.

FreudenreichIm geistesverwandten Freudenreich, einer ehemaligen Alt-Berliner Kegelkneipe an der Ecke Wildenbruch- und Harzer Straße, führt der gelernte Friseur Darius Keller seinen „Spielplatz für Erwachsene“. Er behielt das rustikale Buffet, stellte alte Schirmlampen auf und hängte Kronleuchter an die Decke, eine Atmosphäre des gemütlichen Trashs entstand. Das von einem antiken Allesbrenner beheizte Hinterzimmer hat Keller komplett entkernt und bietet dort Platz für Ausstellungen. Die junge Fotografin Sophie Niepraschk zeigt dort gerade ihre Serie „Kreisteile“. Donnerstags kann man im Freudenreich siebdrucken und sich vom Chef die Haare schneiden lassen, freitags läuft Swing, am Sonntag ist Volksküche, hin und wieder werden Filme gezeigt, manchmal auch gedreht, und wer Aggressionen abbauen will, darf unten auf der desolaten Kegelbahn mit einem Luftdruckgewehr auf Zielscheiben, Flaschen und Luftballons schießen.

Solche Mischkonzepte aus Bar, Atelier, Vergnügungspark, Wohnzimmer und Galerie machen den neuen Charme Neuköllns aus. Auch dem Fotografen Alexander Steffens und der bildenden Künstlerin Elke Graalfs schwebt ein ähnliches Konzept für ihre Frühperle vor. In der Boddinstraße bauten sie vor gut einem Jahr eine alte Rockerkneipe zum multifunktionalen Raum um. „Wir hatten Lesungen, Performances, Theaterstücke, Konzerte und Ausstellungen hier“, sagt Steffens. „Es tut gut, am System vor­beizuarbeiten und spielerische Ansätze zu entwickeln. Die Gegend hat unheimlich viel Potenzial, doch wir stehen erst am Anfang. Jetzt müssen wir beweisen, dass es hier eine substanziell künstlerische Qualität gibt, die auch in Zukunft Bestand haben wird.“Silverfuture
Eine solche Entwicklung mitzuerleben, vielleicht sogar mitzugestalten, ist ein Glück für jede Generation: diese Phasen, in denen alles möglich zu sein scheint, jeder jeden kennt und alle irgendwie kreativ sind. Doch warum jetzt? Und warum gerade Neukölln? Der Stadtbezirk gilt als Problemzone der Republik, der Ausländeranteil ist extrem hoch, gewaltbereite Jugendliche und frustrierte Sozialfälle gehören zum Alltag, Politiker, Soziologen und Lehrer sind hilflos und können die Misere nur noch kommentieren.

Die Bedingungen in Neukölln ähneln der Situation, in der sich Lower East Side in den 80er Jahren befand: Der Bezirk liegt zentral und hat neben den günstigen Mieten und dem Leerstand eine ungestüme Energie und einen spannenden schlechten Ruf zu bieten. Auf den Musiker, Videokünstler und Grafiker Stephane Leonard, der 2006 nach Neukölln zog, wirkte das von Beginn an anziehend: „Ich mochte die Anonymität und das Gefühl, fremd in der eigenen Stadt zu sein. Börek und schwarzer Tee zum Frühstück, gammelige Videotheken, leere Schaufenster, Säufer und Sexshops.“ Leonard spricht in Vergangenheitsform, vielleicht verschwindet das alles tatsächlich irgendwann aus dem Stadtbild oder wird zumindest weniger. „Veränderung ist in Ordnung“, sagt Darius Keller, „aber sie sollte nicht zu schnell erfolgen und menschlich bleiben. Es darf sich nicht alles immer nur ums Geld drehen.“

Die ersten Anzeichen der Veränderung sind bereits da: Es wird in Neukölln zunehmend schwerer, eine bezahlbare Wohnung zu finden, und zwischen den kommerziell wenig erfolgreichen Erwachsenenspielplätzen und Klanglaboren haben sich ungezählte Bars und Cafйs eines anderen Typs angesiedelt, darunter das Super Sonic und die Kachellounge in der Weichselstraße oder das Erik & Hilde in der Elbestraße. Die Weserstraße wiederum ist bereits auf dem bes­ten Wege, zur Kastanienallee Neuköllns zu werden.
Es gibt jedoch einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Orten des künstlerischen und sozialen Experiments und den schicken Bars, die über eine Cocktailkarte verfügen und in denen Hot Chip oder Vampire Weekend gespielt wird. Letztere bringen zwar eine vermeintliche Verbesserung der Lebensqualität mit sich, befriedigen aber bloß die Bedürfnisse derer, die bald alle schönen Wohnungen anmieten, Kinder kriegen und daraufhin private Kindertagesstätten, Modegeschäfte und Bio-Eisdielen eröffnen. Wohin das führt, kann man am Prenzlauer Berg sehen.
Die Lower East Side ist ebenso ein Paradebeispiel für eine solche Entwicklung. Heute gehört der Bezirk zu den beliebtesten Wohngegenden Manhattans und zu den teuersten. Die Miete für ein Einzimmerapartment kostet mehr als 2000 Dollar im Monat, wer eine Vierzimmerwohnung zwischen der Essex Street und dem East Broad­way sein Eigen nennen möchte, muss über drei Millionen Dollar berappen. Die Aufwertung des Stadtteils vertrieb die Künstler nach Brooklyn, die Clubs machten dicht, selbst John Zorn, der ungekrönte König der Lower East Side, musste 2007 das Tonic schließen, seinen Club, der regelmäßig knapp 200 Zuschauern Konzerte bot. Aufgegeben hat Zorn nicht, an der Ecke Avenue C und 2nd Street schwenkt er im The Stone stolz die Fahne der Avantgarde, hat dort aber gerade mal Platz für 30 Gäste.

Auch Neukölln kann sich auf steigende Mieten gefasst machen. Auf der künstlerischen Ebene birgt die Entwicklung des Bezirks allerdings auch eine große Chance: Eine neue Generation von Künstlern und Musikern wird hier geprägt und erfährt Dinge, die man an keiner Universität und an keiner Kunsthochschule lernen kann. Leute wie Rinus van Alebeek, Darius Keller, der Onkel aus der PoPo-Bar oder Alexander Steffens haben in Neukölln eine Ästhetik gefunden, die der Vielfalt der Kulturen und den leeren Bankkonten entspricht. So entsteht eine eigenwillige Kunst jenseits der etablieren Galerien und kommerziellen Plattenlabel. Diese Kunst fungiert als Antrieb und Korrektiv des langsam vor sich hin arbeitenden Kulturbetriebs. Sie kann Zeit überdauern und wichtig werden, vielleicht sogar legendär wie das Vermächtnis der Lower East Side. Beim existentiellen Vabanquespiel der krea­tiven Boheme werden die Regeln in Echtzeit geschrieben. Ob dabei internationale Karrieren oder nur verpfuschte Biografien he­rauskommen, wird die Zukunft zeigen.

Ihren Höhepunkt hat diese Dynamik in Neukölln vielleicht schon erreicht
. Pioniere wie Stephane Leonard werden bereits von Sorgen geplagt: „Ich hoffe, dass niemand auf die Idee kommt, hier sauber zu machen und die nicht immer ganz legalen Veranstaltungsorte und Bars zu schließen, wie das in anderen Stadtteilen bereits geschehen ist.“ Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sich die Geschichte in Neukölln nicht wiederholt, sondern dass eine sanfte Entwicklung möglich ist, die eine Heilung für den geschundenen Bezirk mit sich bringt.

zurück | 1 | 2 |

Text: Jacek Slaski
Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Stützpunkte der Avantgarde, Enklaven des Abenteuers: Neuköllner Adressen

Frühperle Boddinstraße 57a, www.myspace.com/fruehperle
Freudenreich Wildenbruchstraße 68, www.myspace.com/freudenreich_berlin
Fuchs & Elster Cafй Weserstraße 207
Loophole Boddinstraße 60, www.loophole-berlin.com/
NK Projekt Elsenstraße 52, www.nkprojekt.de
Ohrenhoch Weichselstraße 49, www.ohrenhoch.org
PoPo Bar Tellstraße 8, popobar.de
Raum18 Ziegrastraße 11, www.raum18-berlin.com
Schilling Weserstraße 9
Silverfuture Weserstraße 206, silverfuture.net
Shangl hangl Schönstedtstraße 14
Sowieso Weisestraße 24, www.sowieso-neukoelln.de
Staalplaat/Le Petit Mignon Flughafenstraße 38


Territorium
, Harzer Straße 91, www.myspace.com/territorium91
Valentin Stüberl Donaustraße 112

 

NEUKÖLLN UND SEINE KÜCHE

BERLIN – HAUPTSTADT DER DARKROOMS 

 

 

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad