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Kommentar

Novemberpogrome 1938: Das stille Gedenken muss in Corona-Zeiten lauter werden

In Leipzig demonstrierten am Wochenende Systemkritiker und Corona-Leugner Hand in Hand mit gewaltbereiten Neonazis. Und die ganze Republik schaut unvermittelt zu. Unterdessen wird den Opfern der Novemberpogrome – und so der Shoah – in aller Stille gedacht. Unter Autor findet: Das stille Gedenken der Vernünftigen an die Novemberpogrome von 1938 muss lauter werden, gerade in Pandemiezeiten. Ein Kommentar.

Novemberpogrome: Zum stillen Gedenken gehört das Reinigen der Stolpersteine. Foto: Imago Images/Steinert
Novemberpogrome: Zum stillen Gedenken gehört das Reinigen der Stolpersteine. Foto: Imago Images/Steinert

Eigentlich hätten in Berlin aktuell die Jüdischen Kulturtage stattgefunden. Eigentlich wären heute überall in Deutschland Menschen auf die Straße gegangen, um an die Novemberpogrome von 1938 und so auch an die Opfer der Shoah zu erinnern. Doch Pandemie-bedingt wurden die großen, öffentlichkeitswirksamen Gedenkveranstaltungen abgesagt. Die Vernünftigen haben sich selbst das stille Gedenken verordnet: Kranzniederlegungen, das Putzen von Stolpersteinen.

Das stille Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 ist gut, muss aber lauter werden

Das ist richtig, das ist wichtig und das ist gut. Und doch bleibt ein Beigeschmack. Denn nach außen wirkt das alles wenig. Die Dummen, die Unverbesserlichen und die offensichtlich Rechten haben in Leipzig energisch versucht, den Tag zu kapern. Und es scheint ihnen, angesichts des medialen Rummels, zumindest partiell gelungen zu sein, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Höhnischer wirkt da nur die Nachricht, dass Pegida mitsamt des geschassten brandenburgischen AfD-Vorsitzenden Adreas Kalbitz in Dresden aufmarschieren darf, während eine Gedenkfeier ebendort abgesagt wurde. Dabei sollte die Aufmerksamkeit allein denen gelten, die sich heute nicht mehr wehren können. Sechs Millionen.

Es ist so wichtig, dass das Gedenken eben nicht still ist, nicht intim und schon gar keine vermeintlich moralische Verpflichtung, der man sich eben annimmt, weil es erwartet wird. 1938 ist nicht Geschichte, Auschwitz ist nicht Geschichte. Die Anschläge in Halle und Hanau sollten doch schmerzlich genug daran erinnert haben, dass Antisemitismus und Rassismus noch immer tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelt sind.

Allein deswegen darf das Gedenken nicht in aller Stille stattfinden. Wir müssen darauf aufmerksam machen, in sozialen Netzwerken und in unseren Bekannten- und Freundeskreisen. Ohne Betroffenheit, sondern mit einem ehrlichen Bekenntnis für die offene, tolerante, aufgeklärte Gesellschaft. Die Vernünftigen sind jetzt gefragt. Make some Noise. Und die Geschichte wird nicht vergessen.


Berlin hat eine lange jüdische Tradition, wenngleich gezeichnet durch viele Brüche. Und den Holocaust. Wir zeigen historische und aktuelle Orte jüdischen Lebens in Berlin. Jüdische Ärzte, Handwerker und Händler lebten und arbeiteten in Kreuzberg Seite an Seite mit ihren deutschen Nachbarn. Bis sie vernichtet wurden. An sie, wie an die vielen, vielen anderen Opfer der Shoah erinnert das Stolpersteine-Projekt von Gunter Demnig. In Brandenburg gibt es eine Vielzahl von Gedenkstätten und zeithistorischen Museen, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

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