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Interview

Obdachlosigkeit und Weihnachten: Das empfiehlt die Berliner Kältehilfe

Das Leben auf der Straße ist hart, zur Winterzeit noch härter. Obdachlosigkeit nimmt viele von uns zu Weihnachten mehr mit. Wir haben die Sozialarbeiterin Sabrina Niemietz von der Berliner Kältehilfe gefragt, wie man helfen kann. Plätzchen anbieten? Eher nicht. Im Interview erfahrt ihr, was wirklich gebraucht wird – und wie wichtig es ist, auf die Bedürfnisse der Menschen zu achten.

Laut einer diesjährigen Zählung gibt es 2.000 Obdachlose in Berlin. Schätzungen gehen jedoch von bis zu 10.000 aus. Foto: Imago Images/ Emmanuele Contini
Laut einer diesjährigen Zählung gibt es 2000 Obdachlose in Berlin. Schätzungen gehen jedoch von bis zu 10.000 aus. Foto: Imago Images/Emmanuele Contini

tipBerlin Inwiefern hat die Weihnachtszeit eine Auswirkung auf Ihre Arbeit?

Sabrina Niemitz Wir bemerken eine erhöhte Aufmerksamkeit der Bevölkerung. Abgesehen von der Kälte ist es eine Zeit, in der man nicht gerne alleine ist, und Menschen wird stärker bewusst, dass andere alleine sind. Wir freuen uns über die vielen Anrufe von Privatpersonen, aber auch von Firmen, die spenden oder sich engagieren wollen.

tipBerlin Wenn man nicht Geld, sondern Sachen spenden möchte – was wird gebraucht?

Sabrina Niemietz Grundsätzlich empfehlen wir, direkt bei Einrichtungen der Berliner Kältehilfe nachzufragen. Die Kollegen vor Ort können besser einschätzen, was gerade benötigt wird und wie die Lagerungsmöglichkeiten sind. Schlafsäcke, Isomatten und warme Kleidung werden immer wieder gebraucht. Auch warme Kleidung und Schuhe für Männer. Denn es ist oft so, dass eher Frauen ihre Kleidung aussortieren und spenden. Außerdem fehlen Socken und Unterwäsche.

tipBerlin Müssen Sachen wie Schlafsäcke oder Unterwäsche neu sein?

Sabrina Niemitz Nein, aber natürlich sauber und gut erhalten. Und vor allem frisch gewaschen. Das gilt für Kleidung generell, auch wenn sie zwar gewaschen ist, aber sehr lange im Keller gelagert wurde.

Sabrina Niemietz arbeitet bei der Koordinierungsstelle der Berliner Kältehilfe, einem Zusammenschluss zahlreicher karitativer Einrichtungen. Sie erzählt, was der richtige Umgang mit Obdachlosigkeit an Weihnachten ist. Foto: Berliner Kältehilfe/GEBEWOpro gGmbH
Sabrina Niemietz arbeitet bei der Koordinierungsstelle der Berliner Kältehilfe, einem Zusammenschluss zahlreicher karitativer Einrichtungen. Sie erzählt, was der richtige Umgang mit Obdachlosigkeit an Weihnachten ist. Foto: Berliner Kältehilfe/GEBEWOpro gGmbH

tipBerlin Ist es besser, zu einer Spendenstelle zu gehen oder kann ich auch einem einzelnen Menschen auf der Straße etwa eine Decke oder einen Schlafsack anbieten?

Sabrina Niemietz Auf jeden Fall! Wenn man sich um eine Person Sorgen macht oder ihr etwas anbieten möchte, ist es immer eine gute Idee, sie anzusprechen und zu fragen, was sie brauchen könnte. Falls die Person das nicht mag, holt man sich eben eine Abfuhr. Ich bekomme von Obdachlosen aber eher zu hören, dass es eine schlimme Situation ist, auf der Straße zwar in der Öffentlichkeit zu sein, aber nicht wahrgenommen zu werden.

tipBerlin Wie vermeide ich Fettnäpfchen?

Sabrina Niemietz Die Menschen halten sich in der Öffentlichkeit auf, trotzdem gilt es, beim Ansprechen Höflichkeit zu bewahren. Also nicht gleich in ein Gespräch verwickeln und nach der Lebensgeschichte fragen, sondern schauen, was die Situation ergibt und was gewünscht ist. Und man sollte nicht voraussetzen, dass das, was ich unter Hilfe verstehe, auch von der anderen Person gewollt ist. Wenn jemand nach Geld fragt, weil er sich vielleicht Alkohol kaufen möchte, freut er sich nicht unbedingt über Essen. Für Alkoholabhängige ist ein kalter Entzug auf der Straße mitunter lebensgefährlich.

Schnell und einfach Helfen mit der Kältehilfe-App

tipBerlin Auch eine Übernachtung im Freien kann im Winter lebensgefährlich sein. Was tun, wenn jemand droht, zu erfrieren?

Sabrina Niemietz Wenn sich aus dem Gespräch ergibt, dass der Mensch Hilfe wünscht, kann man abends die Kältebusse anrufen. Ein hilfreiches Tool ist auch unsere Kältehilfe-App. Da findet man die Nummern der Busse und Hilfseinrichtungen in der Nähe. Sollte die Person überhaupt nicht mehr ansprechbar sein, dann rufen Sie die 112.

tipBerlin Ist es eine gute Idee, wenn ich Aufmerksamkeiten wie Desinfektionsmittel, Wollsocken oder selbstgebackene Plätzchen verschenken möchte? Oder ist das übergriffig?

Sabrina Niemietz Manchmal kennt man Menschen vielleicht auch schon, weil man sie öfters in der Nachbarschaft sieht. Da jemandem eine kleine Freude zu machen, ist sicherlich eine gute Idee, wenn auch nicht unbedingt mit selbst gebackenen Plätzchen, so köstlich sie auch sein mögen. Man hat gelernt: „Nimm nichts von Fremden an“ – da kommt eine gekaufte, noch ungeöffnete Kekspackung vielleicht besser an. Oder man bietet ein warmes Getränk vom Bäcker an. Man kann aber auch über Einrichtungen kleine Geschenkpakete zu Weihnachten zusammenstellen.


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