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Andreas „Spider“ Krenzke – „Oder eben Erkner“

Blog: ?Pieces of Berlin – Stadtansichten und Porträts von Berlinern mit kleinen Interviews über ihre Stadt. Die Bilder sind in limitierter Auflage auch als Druck erhältlich. www.piecesofberlin.com

Berlin ist nicht mehr hip. Ist nicht mehr in. Der Hype ist vorbei. Verflixt aber auch! Wer konnte das ahnen? Dass das so schnell gehen würde? Dass das überhaupt passiert? Wenn ich das vorher gewusst hätte, dann wäre ich doch gleich in einer anderen Stadt zur Welt gekommen! So ein Pech aber auch!

Mir war eine gewisse Hipness schon immer sehr wichtig. Deshalb wohnte ich auch acht Jahre lang in Friedrichshain, und zwar lange, bevor andere auf die Idee kamen. Lange vor Amerikanern, Israelis und Spaniern. Nicht mal Westdeutsche wohnten damals am Boxhagener Platz. Die Mauer stand ja noch.

Wenn ich damals über den dortigen Spielplatz schlenderte, mit dem Buddeleimer in der Hand, oder ihn auf dem Roller umkurvte, dann erblickte ich dieselben Vollbärte in den Gesichtern der Väter anderer Kinder, die ich heute in den Gesichtern anderer Väter sehe, wenn ich mit meinen Kindern auf den Spielplatz gehe. Und solche Brillen, wie ich eine mit fünf Jahren bekam, tragen auch heute alle.

Als ich in die dritte Klasse kam, zogen wir von da weg. Wenn ich richtig verstanden habe, machen mir auch das heute alle nach – 35 Jahre später. Manchmal denke ich, ich selbst bin für Berlin zu trendorientiert.
Im Gegensatz zu all den anderen trendorientierten Menschen kann ich allerdings nicht einfach so aus Berlin weg. Weil ich nicht will. Einen alten Baum kann man nicht mehr verpflanzen. Und eine Berliner Pflanze auch nicht. Vielleicht würde das noch gehen, wenn die Mauer noch stünde. Damals, als wir noch Osten hatten, hatten wir automatisch auch Westen. Da wollten alle hin. Nicht nur nach Berlin (West) – wir wären freiwillig sogar nach Bielefeld gezogen oder Essen. Ich kenne aber nur einen Berliner, der nach dem Ende der DDR freiwillig aus der Stadt fortgezogen ist.

Jetzt, wo der große Berlin-Hype vorbei ist, suchen alle die Nachfolgestadt. Darüber gehen die Meinungen, wie ich festgestellt habe, auseinander. Wenn das jetzt zum Beispiel, nur mal angenommen, Bernau werden könnte, dann würde ich da ja auch gerne mal ab und zu mit der S-Bahn hinfahren. Oder von mir aus auch nach Potsdam. Nach Königs Wusterhausen. Oder Erkner. Alles noch Tarifbereich C. Das wäre mir schon wichtig, dass ich die neue In-Stadt mitpräge. Aber so wichtig nun auch wieder nicht, dass ich bis nach Bielefeld deswegen fahren würde oder Essen. Aber es geht ja gar nicht nur um mich.

Weiterlesen: Berlin ist nicht mehr die cooleste Stadt der Welt? Das behaupten sie zumindest anderswo.

Das ist wohl so ein typisches Problem der Berliner, dass sie denken, es geht immer nur um sie, immer um Berlin. Und eine Weile lang hat das ja auch gestimmt. Aber nun sind wir eben out. Na und? Zum Glück sind wir Berliner echte Berliner und fangen wegen solch einer Lappalie nicht gleich an zu jammern. Nein, wir meckern. Und was bleibt uns auch anderes übrig? Wir werden hinter den abziehenden Trendfolgern aufräumen, die Trümmer zu Rodelbergen zusammenschieben, wie unsere Großeltern nach ’45, und uns einreihen in die Liste der anderen abgesagten Städte. Uns in eine Reihe setzen mit Luxor, Babylon, Troja, Byzanz, Rom. Dann lassen wir uns eine Berliner Weiße mit Schuss servieren und prosten den anderen zu. So wahnsinnig wichtig ist uns das alles nämlich gar nicht.

Andreas ?“Spider“ Krenzke
Gelernter BMSR-Techniker, noch besser aber auf den Lesebühnen, z. B. LSD – Liebe statt Drogen im Schokoladen oder beim Kantinenlesen in der Kulturbrauerei. Gerade ist seine neue Geschichtensammlung „Die letzte WG von Prenzlauer Berg“ bei Voland & Quist erschienen.

Foto: Mirko Tzotschew

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