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Berlin blamiert sich mit öffentlichen Toiletten: Sexistisch und voyeuristisch

Berlin könnte die Verzögerungen beim BER ja damit erklären, dass es kompliziert, ist einen Flughafen zu bauen. Aber diese Entschuldigung zieht nicht, wenn man sich die Sache mit den öffentlichen Toiletten anschaut. Denn Toiletten sollten eigentlich nicht so schwer zu bauen sein. Und trotzdem kriegt die Stadt es nicht richtig hin.

Zugucken leicht gemacht: Der Sichtschutz für die öffentlichen Toiletten am Leopoldplatz ist eher albern. Foto: Balzereit

Denn die neuen öffentlichen Toiletten sind sexistisch und nicht mal funktional: Der Sichtschutz an den Pissoirs tut nicht, was er soll, weil er zu klein ist. Obendrein stehen die neuen Toiletten nur dort, wo sich besonders viele Tourist*innen aufhalten — als müssten die Berliner*innen nicht mal aufs Klo, wenn sie unterwegs sind.

Wenn bald das neue Toilettenhäuschen auf dem Leopoldplatz im Wedding öffnet, können die Gäste des Café Leo analysieren, ob die Männer, die dort pinkeln gehen, einen gesunden Strahl haben. Der Eingang des Pissoirs zeigt nämlich in Richtung Café und ist nur wenige Meter davon entfernt. Das wäre kein so großes Problem, wenn jemand vorher an vernünftige Sichtschutzwände gedacht hätte — entweder die Betreiberfirma Wall oder der Senat. Die Wände sind nämlich so niedrig und schmal, das man eigentlich auch ganz auf sie hätte verzichten können.

Das Häuschen ist Teil des Berliner Toilettenkonzepts, nach dem 172 vollautomatische barrierefreie öffentliche WCs aufgebaut werden sollen. Laut einem Bericht des „Tagesspiegel“ besteht das gleiche Problem am Metzer Platz in Spandau und an der Grenzallee/Ecke Sonnenallee und am Boddinplatz in Neukölln. Auch dort können Passant*innen Männer beim Urinieren beobachten. Wer drauf steht, spendet den neuen Toiletten wahrscheinlich Beifall. Alle anderen jedoch denken sich bestimmt: Kein Wunder, dass das mit dem BER jetzt bald 14 Jahre gedauert hat, wenn Berlin nicht mal Toiletten mit Türen aufstellen kann.

Toiletten taugen nichts: Die U-Bahn ist Schuld an der Ausrichtung

Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) erklärt das neue Toilettenhaus am Leopoldplatz und seine Ausrichtung so: Man hätte es wegen der darunter liegenden U-Bahn nicht anders ausrichten können. Die Alternative wäre gewesen, ganz auf das Klo zu verzichten. Einfacher sei es, die Stühle des Cafés anders anzuordnen.

Der eigentliche Witz, oder Skandal, an der ganzen Geschichte ist aber eigentlich auch nicht das Klo auf dem Leo. Auch nicht die unbrauchbaren Sichtschutze, obwohl allein die ein Fall für „Der reale Irrsinn der Woche“ bei extra3 wären, wie ein Twitter-User in Richtung des Bürgrmeisters kritisierte. Sondern, dass Berlin zusammen mit dem Bund-Länder-Förderprogramm nur neue öffentliche Toiletten an Standorten fördert, die „touristisch relevant“ sind. Die Stadt tut so, als müssten nur Tourist*innen aufs Klo. Und verschließt die Augen vor den tausenden Berliner*innen, die regelmäßig in Parks und auf kleine Grünflächen pinkeln, weil es nicht genug öffentliche Toiletten gibt.

Zuletzt hatte sich der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel (SPD), darüber beschwert, dass die Hasenheide nach illegalen Raves voll mit Urin und Fäkalien war. Dabei hat er vollkommen außer Acht gelassen, dass das Problem nicht nur bei illegalen Raves besteht. Wer im Sommer einen Tag in der Hasenheide verbringt, lesend, sich sonnend, Kindergeburtstag feiernd, geht zum Pinkeln in die Büsche. In allen anderen Parks läuft es genauso. Berlin braucht mehr öffentliche Toiletten, für Tourist*innen, aber auch und vor allem: für Obdachlose, für Spaziergänger*innen und für Menschen ohne Garten, die am nun mal in den Park müssen, wenn sie etwas Natur um sich herum genießen wollen.

Besucher*innen des öffentlichen WC am Leopoldplatz können sich den Cafégästen präsentieren. Foto: Balzereit

Die neuen Toiletten sind auch noch sexistisch

Und noch etwas stimmt nicht mit dem Berliner Toilettenkonzept. Wieso, Donnerwetter, gibt es in den neuen Toilettenhäuschen keine Pissoirs für Frauen? Was für eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, was für ein sexistischer Mist ist das denn? Männer dürfen umsonst pinkeln, während Frauen weiterhin 50 Cent für die verschließbaren Toiletten zahlen müssen.

Wer jetzt sagt, Frauen sei es aus anatomischen Gründen unmöglich, ein Pissoir zu benutzen und das sei der Grund, dass es in den neuen Toiletten nur für Männer gibt, der verschließt die Augen vor der Realität. Oder ist eben ein Sexist. Nicht erst seit dem Festival „Fusion“ und den großartigen Urinellas, die wie Trichter funktionieren, urinieren Frauen in andere Toiletten als das herkömmliche Wasserklosett. In Frankreich und vielen anderen Ländern gibt es seit jeher Boden-Klos. „Hocktoilette“ lautet der offizielle Name. Könnte man einbauen, wenn man schon dabei ist und Pissoirs für Männer einrichtet.

Öffentliche Toiletten in Berlin: Eine "Hocktoilette" im Oman: Etwas in dieser Art könnte man in die öffentlichen Klos in Berlin einbauen.
Eine „Hocktoilette“ im Oman: Etwas in dieser Art könnte man in die öffentlichen Klos in Berlin einbauen. Foto: imago images/YAY images

Aber Berlin kann anscheinend keine Klos. Das hat sich schon an dem grottenschlechten Deal gezeigt, den die Stadt bis 2018 mit der Firma Wall hatte. Nach dem Deal hat Wall jahrzehntelang die öffentlichen Toiletten unentgeltlich betrieben (die nicht selten kaputt waren) und hatte im Gegenzug die Hoheit über fast alle Werbeflächen in der Stadt — zum Beispiel die an Bushaltestellen. Niemand wusste, wie viel Wall für die Toiletten ausgibt und über die Werbeflächen einnimmt. Die Differenz aber muss gewaltig gewesen sein — zugunsten von Wall und den Werbeeinnahmen.


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