Stadtleben

Österreich in Berlin: Von Kulturforum bis Kulinarik

Österreich prägt Berlin, auch wenn die Wiener Straße in Kreuzberg die womöglich am wenigsten österreichische Gegend in der Stadt ist. Dafür gibt es von Kaffeehauskultur über Kunst bis zu Literatur zahlreiche Orte in Berlin, die sich nach Deutschlands Nachbarland anfühlen: wegen der Gastfreundschaft, des Geschmacks oder einfach wegen des wienerischen Zungenschlags. Unsere Tipps.


Österreichische Botschaft und Kulturforum

Das offizielle Österreich in Berlin findet ihr in der Botschaft des Landes. Foto: Imago/Schöning

Das Schöne daran, in Berlin zu leben, abgesehen von allem anderen: Die Stadt ist das politische Zentrum Deutschlands, so ziemlich jedes Land unterhält hier eine diplomatische Vertretung. In manchen findet man höchstens ein paar nützliche Infos für Visa, Österreich hingegen hat in dem postmodernen Bau des vielfach ausgezeichneten Wiener Architekten Hans Hollein gleich noch das Österreichische Kulturforum untergebracht. Das ist mehr als ein Netzwerk-Büro für Kulturschaffende aus dem Süden: Das Forum bietet einen hervorragend kuratierten Kalender mit Veranstaltungen aus Kunst, Literatur und Musik. Wer persönlich vorbeischauen will, muss aufpassen: Geschlossen ist die Botschaft auch an österreichischen Feiertagen. Das katholische Land hat da ein paar mehr als das preußisch-protestantisch geprägte Berlin. Weitere interessante Botschaften in Berlin stellen wir hier vor.

  • Österreichische Botschaft Berlin Stauffenbergstraße 1, Tiergarten, online
  • Österrreichisches Kulturforum Berlin online

Österreichpark

Aus einer Brache ist ein Idyll entstanden. Der Österreichpark in Charlottenburg ist besonders hübsch. Foto: Lienhard Schulz/CC BY-SA 3.0

Ein Unternehmen mit dem recht eindeutigen Namen „Österreich Werbung“ hat Berlin reich beschenkt: In Charlottenburg ist so eine kleine Naturlandschaft entstanden, die Lust machen soll auf alles, was es in Österreich gibt. Die sinnvollerweise Österreichpark genannte Grünfläche wartet mit typischen Pflanzen von Alpen bis Donauufer auf und vermittelt so ganz nebenher Wissen über das, was Berliner Österreich-Besucher:innen dort erwarten wird. Die einzelnen Stationen sind von den österreichischen Bundesländern gestaltet, man findet einen alpinen Steingarten, eine Allee steirischer Apfelzierbäume, eine Blumenwiese und einen (wie patriotisch!) rot-weiß-roten Rosengarten. Auch Donauliegen und ein Fernrohr mit Alpenmotiv stehen bereit. Mehr Parks in Charlottenburg zeigen wir euch übrigens hier.


Andraschko Kaffeemanufaktur

Willy und Elisabeth Andraschko bringen österreichische Kaffeekultur nach Berlin. Foto: Imago/Annemarie Blohm/HiPi

Die Assoziationskette ist kurz: Österreichs Hauptstadt Wien ist für Kaffeehauskultur berühmt, und so ist es kein Wunder, auf den Spuren Österreichs in Berlin nach dem Heißgetränk zu suchen. In Preußen war man vergleichsweise spät dran mit der Café-Kultur, auf die wir hier zurückblicken. Dafür hat man in der jüngeren Vergangenheit Nachhilfe von den Besten bekommen.

Einer von ihnen: Willy Andraschko, der einst zum Team des Einstein an der Kurfürstenstraße gehörte und Berlins Café-Szene seit den 1970er-Jahren prägt. Seit 2006 aber röstet er gemeinsam mit Elisabeth Andraschko selbst. Die Andraschko Kaffeemanufaktur arbeitet mit Kaffeeplantagen in Mittelamerika, Brasilien, Afrika und Indien zusammen, verfolgt den Prozess „from crop to cup“, vom Anbau bis zur Tasse. Und die kommt sowohl in Berlin als auch Wien an vielen Orten gefüllt mit den Andraschko-Sorten daher. Mehr über Kaffeeröstereien in Berlin lest ihr hier.

  • Andraschko Kaffeemanufaktur Industriestr. 18, Tempelhof, Ullsteinstraße, Tel. 030/69 59 86 87, Mo–Fr 9–12 Uhr + 13–16.30 Uhr, www.andraschkokaffee.de

Österreichische Klassik in Berlin: Mehr als Wiener Walzer

Die Philharmonie ist musikalisch und architektonisch auf Zack. Ihr langjähriger Chef Herbert von Karajan war einer der berühmtesten Österreicher in Berlin. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Man könnte es als Wettbewerb betrachten, welche Stadt sich mehr um die Würdigung des bedeutenden Dirigenten Herbert von Karajan bemüht: Salzburg, Wien oder Berlin. In Deutschland jedenfalls war der österreichische Komponist vor allem in der Nachkriegszeit bedeutend: Die Berliner Philharmoniker prägte er jahrzehntelang, er dirigierte das Orchester bereits in der NS-Zeit und stand ihm ab 1955 in West-Berlin vor.

Die mit einer Aufführung von Beethovens Neunter unter Karajans Leitung eröffnete Philharmonie ist das musikalische Herz Berlins, die Anschrift würdigt den Dirigenten: Herbert-von-Karajan-Straße 1. Mehr über die Philharmonie Berlin lest ihr hier. Die Chancen, klassische Musik aus Österreich dort zu hören, stehen gut bis sehr gut, und manchmal sind auch die Wiener Philharmoniker für Konzerte eingeladen. Von Schubert über Mozart bis Léhar steht Musik aus Österreich oft genug in den Spielplänen dieser Orte für klassische Konzerte in Berlin.

  • Philharmonie Berlin Herbert-von-Karajan-Straße 1, Tiergarten, Spielplan und Tickets hier

Horváth

Österreich in Berlin bedeutet auch: hervorragende Küche wie im Horváth am Landwehrkanal. Foto: White Kitchen/Horváth

Die Gastronomiekultur von Österreich in Berlin ist nicht leicht zu überblicken, ist aber auf jeden Fall mehr als Wiener Schnitzel – auch wenn wir für da eine Menge Empfehlungen haben. Wo die österreichische Küche auf ein neues Niveau gehoben wird, ist das Horváth. Hinter dem mittlerweile mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurant am Paul-Lincke-Ufer stand lange die Österreicherin Edith Berlinger, die die Leitung aber längst abgegeben hat: Seit 2014 sind Sebastian Frank und Jeannine Kessler für das Restaurant verantwortlich, dessen gehobene Küche nach wie vor tief in Österreich verwurzelt ist.

Wie ernst Frank es mit der Regionalität meint, erfährt das nicht nur bei ihm am Tisch, sondern kann das auch nachlesen: Sein Buch „kuk [cook]“, dessen Titel schon als Anspielung auf Österreich und das k.u.k.-Erbe der einstigen Habsburger-Monarchie verstanden werden könnte, entdeckt die Küche des Landes auf aufregende Weise neu.

  • Restaurant Horváth Paul-Lincke-Ufer 44a, Kreuzberg, Tel. 030/61 28 99 92, online

Nußbaumerin

Österreichische Küche in Berlin findet man im Restaurant Nußbaumerin, das auch einen Heurigen betreibt. Foto: White Kitchen

Junger Wein und kalte Speisen, das ist in Österreich das Konzept der Heurigen, die man an Weinbergen findet. In Berlin nimmt man es nicht ganz so genau mit den Abgrenzungen aus dem Nachbarland, der Übergang zum Biergarten ist fließend. Aber es gibt einige Orte, die sich lohnen. So etwa das Restaurant Nußbaumerin, betrieben von Johanna Nußbaumer aus Salzburg, die sich der traditionellen österreichischen Küche verschrieben hat. Neben dem gastronomischen Hauptsitz an der Leibnizstraße wird auch ein Heurigenlokal betrieben und bietet Wein, Snacks und deftigere Speisen unter freiem Himmel – nur auf die bergige Aussicht muss man hier verzichten. Dafür ist es im Restaurant selbst edel und gemütlich.

  • Nußbaumerin Leibnizstraße 55, Charlottenburg, Mo–Fr 17–24 Uhr, Tel. 030/50 17 80 33, online
  • Zum Heurigen Breitenbachplatz 12, Charlottenburg, Winter: Mi–Fr 16–23 Uhr, Tel. 030/98 40 93 57, online

Österreichisches Restaurant Jolesch

Stürmisch, aber doch gemütlich: das Restaurant Jolesch. Foto: Nils Hasenau

Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ besitzt in Österreich ähnlichen Kultstatus wie das Wiener Schnitzel im Jolesch in Berlin. Denn in diesem Kreuzberger Traditionsrestaurant kocht man klassisch und modern österreichisch. Gulasch und Schnitzel sind hervorragend, Kaiserschmarrn, Apfel-Topfenstrudel und Marillenknödel zeigen, warum Austria als Mehlspeisenland unerreicht ist. Mehr Tipps für alpenländische Küche findet ihr übrigens in unserer Berlin Food App.

  • Restaurant Jolesch Muskauer Straße 1, Kreuzberg, tägl. ab 17 Uhr, Tel. 030/612 35 81, online

Paris Bar

Die Paris Bar an der Kantstraße ist Promitreff, Kunst-Szenelokal und eine feste Institution in Charlottenburg. Foto: Imago/F. Anthea Schaap

Ein gutes Stück Österreich in Berlin ist aus der Stadtgeschichte nicht wegzudenken: die Paris Bar, eins der großen Lokale der Berliner Kunstszene. Die Küche und das Flair sind pariserisch, aber der gute Ruf des Ladens liegt nicht am Essen, sondern an den Gästen. Obwohl die Künstler:innen mit den Jahren weniger geworden sind, ist das Lokal noch immer Promi-Magnet. Einer ihrer Erfinder ist Michel Würthle, gebürtiger Österreicher und selbst Künstler, unter anderem ausgebildet in Wien. Die über und über mit Kunst ausstaffierte Bar an der Kantstraße ist nicht sein einziger Beitrag zu einem österreichischeren Berlin. Zunächst betrieb er mit dem Exil am Paul-Lincke-Ufer den erfolgreichen Vorgänger des heutigen Horváth – gemeinsam mit Oswald Wiener aus Österreich, dessen Tochter Sarah gleichermaßen mit Restaurants und Fernsehauftritten berühmt wurde.

  • Paris Bar Kantstraße 152, Charlottenburg, tgl. ab 12 Uhr, online

Österreichisches Teigglück bei Gragger Brot

Ein Prachtstück von einem Brot bei Gragger Brot. Foto: Gragger Brot

Die Zeiten sind zum Glück vorbei, als wir noch jeden ehrlich-handwerklichen Brotkrumen ausgehungert aufgehoben haben. Mittlerweile gibt es ja so einige wunderbare Handwerksbäckerei in dieser Stadt. Über den Brotkulturimport aus Wien freuen wir uns aber dennoch außerordentlich. Schon allein, weil hier ausschließlich Sauerteigbrote gebacken werden, in einem mit Brandenburger Robinien befeuerten Holzofen. Einpacken sollte man auch die saisonal (oder mit Leberwurst) belegten Stullen, die fluffigen Buchteln und Kardamomschnecken. Mehr Tipps für gute Bäckereien haben wir hier.

  • Gragger Potsdamer Straße 107, Tiergarten, Mo-Fr 7-19 Uhr, Sa 8-16 Uhr, Tel. 030/81 86 64 77, online

Kunst zwischen Österreich und Berlin

Die Kirche St. Agnes ist als Galerie König zum Ort für Kunst geworden. Und Galerist Johann König ist mitterweile auch in Wien vertreten. Foto: Imago/Schöning

Wer das große Glück hatte, 2013 in Berlin zu sein, hat die wunderbare Ausstellung „Wien – Berlin“ in der Berlinischen Galerie hoffentlich nicht verpasst. Den produktiven Austausch zwischen den Städten und ihren Spielarten der Moderne von Secession bis Expressionismus hat man selten so gut aufbereitet gesehen. Und in der Tat sind von Schiele über Klimt bis George Grosz die Linien unübersehbar, die beiden Städte waren trotz der Distanz von 600 Kilometern fast nachbarschaftlich verbunden.

Wer Pech hatte und die Schau verpasst hat, findet mit unseren Ausstellungstipps sowieso guten Ersatz. Und die Achse Wien-Berlin hält nach wie vor, was sich vor allem an Berliner Galerien zeigt. Da wäre etwa die Galerie Crone, die in Berlin und Wien vertreten ist, und die Galerie König, die in Berlin die Räume der brutalistischen Kirche St. Agnes der Kunst gewidmet hat. Galerist Johann König hat nicht nur familiäre Verbindungen nach Österreich und vertritt mit Erwin Wurm einen der berühmtesten österreichischen Kunstschaffenden, sondern hat im November 2021 auch eine Galerie in Wien eröffnet.


Psychoanalyse lernen: Sigmund-Freud-Privatuniversität Berlin

Die Sigmund-Freud-Privatuniversität ist eine österrreichische Hochschule und hat im Flughafen Tempelhof einen Ableger. Foto: Imago/Joko

Neben Wiener Würstchen und dem modernen Rechtspopulismus ist die Psychoanalyse wohl einer der größten Exportschlager Österreichs. Die von Sigmund Freud geprägte und bisweilen als unwissenschaftlich verschmähte Herangehensweise an die Aufarbeitung seelischer Leiden ist üblicherweise keine Kassenleistung und erfordert neben Ehrlichkeit auch einiges an Geduld. Wer sich berufen fühlt, nicht auf der Couch zu liegen, sondern selbst zu analysieren, hat in Berlin seit einiger Zeit eine Anlaufstelle dafür: die Sigmund-Freud-Hochschule im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Die Studiengänge umfassen Psychotherapiewissenschaft und Psychologie, aber auch journalistische Fächer stehen auf dem Lehrplan.

  • Sigmund-Freud-Privatuniversität Columbiadamm 10, Tempelhof, Studienangebot, Veranstaltungen und weitere Informationen hier

Joseph-Roth-Diele

Joseph Roth, Schriftsteller aus Österreich, hat in Berlin gelebt und gearbeitet. Eine Gaststube in Schöneberg ist ihm gewidmet. Foto: Steffen Roth/Agentur Focus

Nicht nur Künstler:innen und Menschen mit generellem Hang zum Hedonismus haben von Wien aus Berlin erobert. Auch die Literaturszene der einen Hauptstadt hat auf die andere abgefärbt. Zahlreiche Literat:innen kommen immer wieder für Lesungen aus Österreich nach Berlin, schließlich ist die Dichte an preisgekrönten Autor:innen in Österreich sehr hoch. Manche bleiben dabei aber auch noch ein bisschen länger als andere. Ein berühmtes Beispiel: Joseph Roth, Autor des berühmten „Radetzkymarsch“ über eine österreichische Familie, deren Schicksal eng ans Ende der Herrschaft der Habsburger geknüpft ist. Dass Roth den Roman größtenteils in einer Berliner Gastwirtschaft geschrieben haben soll, kann als Marketinggag betrachtet werden, aber in Berlin lebte und arbeitete der Autor dennoch. Und entsprechend gibt es mit der Joseph-Roth-Diele einen Ort, der zwischen Kulturhaus und Gaststätte angesiedelt ist und das Erbe des Österreichers in Berlin bewahrt.

  • Joseph-Roth-Diele Potsdamer Str. 75, Schöneberg, Mo–Fr 10–22 Uhr, Tel. 030/26 36 98 84, online

Mehr Berlin international

Pizza, Pasta, la dolce vita: Hier findet ihr Italien in Berlin. Von Geschichte bis zu Delikatessen berichten wir hier über Polen und Berlin. Von Hugenotten bis Alliierten spüren wir Frankreich in Berlin nach. Royals, Rockstars und Rosinenbomber: So britisch ist Berlin. Sogar einen Hauch der grünen Insel findet man, wenn man nach Irland in Berlin sucht. Und neben Österrreich ist auch die Schweiz in Berlin vertreten: mit Fondue, Alphörnern und mehr.

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