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Onkel Toms Hütte: Kiezleben, Küchen und Kontroversen

Der Kiez rund um die U-Bahnstation „Onkel Toms Hütte“ im Südwesten Berlins ist einer der lebendigsten Berlins. Es gibt unter anderem einen Wochenmarkt, viele Einkaufs- und Speisemöglichkeiten in der sich im U-Bahnhof befindenden Ladenstraße, sowie die nicht nur Architektur-Fans faszinierende Papageiensiedlung. Wir geben euch einen Überblick über die lange Geschichte, den einzigartigen wie umstrittenen Namen und über die besten Geschäfte und Restaurants im Kiez.

Die Papageiensiedlung – Studienobjekt für Architekturstudenten

Neben den rund 1100 Geschosswohnungen gehören auch 800 Einfamilienhäuser zu der "Papageinsiedlung". Foto: Caspar Lamborelle
Neben den rund 1100 Geschosswohnungen gehören auch 800 Einfamilienhäuser zu der „Papageinsiedlung“. Foto: Caspar Lamborelle

Die zwischen 1926 und 1931 im Stil des „Neuen Bauens“ rund um den U-Bahnhof Onkel-Toms Hütte erbaute Siedlung hat viele Namen. Ob formal „Die Siedlung Onkel-Toms-Hütte“ oder aufgrund der hier schon bei der Planung beabsichtigen Verschmelzung von Architektur und Natur „Waldsiedlung“ genannt, der schönste Name bleibt für uns „Papageiensiedlung“.

Nett gemeint war dieser Name allerdings erstmal gar nicht. Die Nationalsozialisten gaben der Siedlung nämlich diesen aus ihrer Perspektive diffamierenden Namen, um sich über die farbenfrohe Siedlung lustig zu machen. Doch viele Anwohner trugen den Namen mit Stolz, und auch wir finden, der Name spiegelt die Diversität und Offenheit der Siedlung hervorragend wider. Gibt es überhaupt schönere Tiere als Papageien?

Die Zehlendorfer Politik konnte dem auf sozialen Wohnungsbau ausgelegten Konzept zuerst wenig abgewinnen, in dem Berliner Villenvorort präferierte man vornehme Unterkünfte für ein steuerkräftiges, bürgerliches Publikum. Schließlich lenkte der Bezirk aber ein und heute ist er sicherlich ziemlich stolz auf die Papageiensiedlung, durch die immer wieder Architekturstudenten mit Notizblock und Kamera ziehen.


Der Name „Onkel Toms Hütte“ – und die Kontroverse um ihn

Foto; imago images/tagesspiegel
Der Basketballer Moses Pölking startete eine vielbeachtete Petition zur Umbenennung der U-Bahn-Haltestelle Onkel Toms Hütte. Foto: imago images/tagesspiegel

Der offizielle Name „Siedlung Onkel-Toms-Hütte“, nach der auch der U-Bahnhof benannt wurde, geht auf ein bis 1979 existierendes Lokal zurück. In dem Biergarten des 1885 erbauten Restaurants errichtete der Wirt Thomas mehrere Hütten als Witterungsschutz. Schnell nannte der Volksmund sie „Toms Hütten“, woraufhin der Wirt wiederum sein Restarant in Anlehnung an das einige Jahre vorher erschienene Buch „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher-Stowe benannte.

Der Roman spielt um 1840 in den Vereinigten Staaten von Amerika und handelt von der Geschichte des Sklaven Tom. Dabei kritisiert der Roman eindringlich die Sklavenhaltung und die Rassenpolitik in den Staaten und auch die Autorin war erklärte Gegnerin der Sklaverei. Legenden zufolge soll Abraham Lincoln sogar während des amerikanischen Bürgerkriegs die Bedeutung Beecher-Stowes für die Anti-Sklaverei-Bewegung betont haben: „So this is the little lady who started this big war“.

Trotzdem hat der Berliner Basketballspieler Moses Pölking eine Petition zur Umbenennung der Siedlung und des U-Bahnhofs initiiert, die großes Aufsehen erregt hat. Was viele nicht wissen – „Onkel Tom“ ist auch eine Beleidigung für schwarze Menschen, die sich gegen die schwarze Community stellen. Außerdem gibt es in der Psychologie, zurückgehend auf den Roman von Beecher-Stowe, das sogenannte „Onkel-Tom-Syndrom“, das unterwürfiges Verhalten schwarzer Menschen gegenüber Weißen beschreibt.


Toms Kaffeerösterei

Toms Kafferösterei am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte
Hie gibt es auch direkt gehandelten Kaffee aus Lateinamerika. Foto: Benedikt Kendler

Viele U-Bahnhöfe in Berlin zeichnen sich durch ihre markanten Gerüche aus. Zumeist leider wenig angenehme. An der U-Bahnstation Onkel Toms Hütte ist das anders. Hier lässt sich oft ein wohliger Kaffeegeruch erschnuppern, zu manchen Zeiten sogar auch ohne feine Nase im gesamten Bahnhof. Dann wurde in Toms Kaffeerösterei gerade wieder in einem sogenannten Trommelröstverfahren frischer Kaffee bei besonders niedrigen Temperaturen geröstet. Der so besonders säurearme Kaffee ist bei den Anwohnern und auch Passanten überaus beliebt, oft sieht man sie in der Kaffeerösterei leckere Kaffeespezialitäten genießen oder sich für Zuhause mit den exquisiten Röstungen eindecken.

Wer sich um Produktionsbedingungen in den Anbauländern sorgt, hat die Möglichkeit, direkt gehandelte Kaffeesorten, bei deren Verarbeitung soziale Mindeststandards eingehalten werden, zu erwerben. Jeder Kaffeeliebhaber wird sich in Toms Kaffeerösterei gut aufgehoben fühlen und für uns steht fest:  Dank dieses Geschäfts ist der U-Bahnhof Onkel Toms Hütte die bestriechende Station in der gesamten Stadt!

  • Toms Kaffeerösterei Ladenstraße 25-26, Zehlendorf, Mo–Fr 9–18 Uhr und Sa 9–16 Uhr

Frisch und nachhaltig einkaufen auf Onkel Toms Wochenmarkt

Auf Onkel Toms Wochenmarkt gibt es neben frischem Gemüse noch einiges mehr zu entdecken. Foto: Caspar Lamborelle

Ein besonderes Highlight im Kiez ist der jeden Donnerstag von 12.30 bis 18 Uhr auf dem Vorplatz des U-Bahnhofs stattfindende Wochenmarkt. Hier trifft man sich zum entspannten Einkauf, dem Verzehr von kulinarischen Köstlichkeiten oder auf ein Glas Wein oder Bier. Das Angebot ist so vielfältig wie exquisit. Ob frisches Obst und Gemüse, hausgemachte Pasta, leckerer Fisch, französische Salami oder schmackhafte Pasten, es bleibt kaum ein Wunsch offen. Zum sofortigen Genuss überzeugt der Wochenmarkt mit seinem diversen Ständen. Ob leckere mediterrane Spezialitäten oder Wildbratwurst und Burger – der Wochenmarkt am U-Bahnhof Onkel-Toms Hütte lohnt sich auch für Feinschmecker!

  • Onkel Toms Wochenmarkt Onkel-Tom-Straße, Zehlendorf, Jeden Donnerstag 12.30–18 Uhr

Onkel Toms‘ Burger

Onkel Toms‘ Burger in der Ladenstraße 30. Foto: Caspar Lamborelle

Das Burger-Restaurant ist vor etwas mehr als zwei Jahren in die Ladenstraße gezogen und hat wohl eine gewisse vorher existierende Nische geschlossen. Denn Onkel-Toms-Hütte ist ein Kiez ohne Dönerimbiss. Wer einen will, muss eine U-Bahnstation weiter fahren – und wird auch dann nicht zu schmackhaft essen. So scheint es fast ein wenig, als sei Onkel Toms‘ Burger mit seinem Fastfood-Angebot das Äquivalent der Dönerimbisse im Rest der Stadt. Und das auf eine speziell Zehlendorfer Art.

Denn anders als die angesagten Burgerläden in der Innenstadt ist sich Onkel Toms‘ Burger nicht zu schade, auch Pizza, Hot Dogs und Wraps im Angebot zu haben. Doch, dem ökobewussten Publikum angepasst, gibt es das meiste hier auch fleischlos – sogar die Currywurst! Unwahrscheinlich, dass dem unprätentiösen Burgerladen demnächst ein Michelin-Stern verliehen wird, vielleicht schmeckt einem der Burger hier ja deshalb so gut.

  • Onkel Toms‘ Burger  Ladenstraße 30, Zehlendorf, So–Do 12–22 Uhr und Fr–Sa 12-23         

Der „Verein Papageiensiedlung” und ihr Bruno Taut Laden

Büchertausch vor dem Burno Taut Laden
Büchertausch vor dem Bruno Taut Laden. Aufgrund von Corona im Moment nur eingeschränkt möglich. Foto: Caspar Lamborelle

Wie lebendig der Kiez rund um den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte ist, zeigt auch die 2007 gegründete Nachbarschaftsinitiative. Engagierte Anwohner hatten sich damals zusammengeschlossen, um den Denkmal- und Umweltschutz in der Siedlung zu stärken. 2010 ging aus der Initiative der „Verein Papageiensiedlung“ hervor, der sich ein Geschäft in der Ladenstraße anmietete und dort seitdem Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Vorträge veranstaltet. In dem Nachbarschaftstreff, dessen Name „Bruno Taut Laden“ auf den Architekten der Papageiensiedlung zurückgeht, können auch Bücher getauscht oder gegen Spende erworben werden.

Der Verein bietet zusätzlich einige Projekte an, in denen sich Anwohner engagieren können. So beschäftigt sich zum Beispiel eine Initiative mit klimafreundlicher Mobilität, eine mit Gartenbau und noch eine andere mit Möglichkeiten der CO2-Einsparung durch Solarmodule auf den Flachdächern der Häuser. Ansonsten gibt es auch Gruppen, in denen sich die Anwohner zum lockeren Austausch zusammenschließen, und die schon aufgrund ihrer originellen Namen („Literarisches Quatschtett“) Sympathien wecken.

  • Bruno Taut Laden Ladenstraße 36, Zehlendorf, Di–Fr 14.30–18.30 + Sa 10–14 Uhr (Aufgrund von Corona z. Z. noch eingeschränkt)

Anspruchsvolle, griechische Küche im Kretaner

Das dem U-Bahnhof Onkel Toms Hütte direkt gegenüber gelegene Restaurant ist für seine griechische Küche stadtbekannt. Die Speisekarte ist überlegt und umfasst eine gute Auswahl an leckeren Gerichten. Nur Vegetarier haben bei nur drei fleisch- und fischlosen Gerichten auf der Karte eine reichlich begrenzte Auswahl.

Die Gerichte munden aber ausgezeichnet, viele der Zutaten kommen frisch aus Griechenland. Das gehobene Restaurant ist stilvoll mit weiß eingedeckten Tischen, edlem Mobiliar und einem besonders im Winter für einen gemütlichen Flair sorgenden Kamin eingerichtet. Im Weinkeller finden nicht nur rund 700 Flaschen, sondern auch bis zu 60 Personen bei privaten Feiern Platz. Und wer länger bleiben möchte oder Besuch erwartet, kann ein Zimmer in der hauseigenen Pension mieten. 

  • Der Kretaner Riemeisterstraße 129, Zehlendorf, Di-Fr 14-23 Uhr und Sa+So 12-23 Uhr

Buchhandlung Born in der Ladenstraße

Buchhandlung Born in der Ladenstraße 17/18
Hier lässt es sich gut stöbern. Foto: Caspar Lamborelle

Eine gut sortierte Buchhandlung schlägt doch immer noch jeden Online-Versandhändler. Und die Buchhandlung Born ist eine genau solche. Ob Kinder- oder Jugendliteratur, Reise- oder Lebensratgeber, Sach- oder Bilderbücher, hier findet ihr das meiste. Und den Rest könnt ihr ganz einfach bestellen und zumeist schon am nächsten Tag abholen. Und ganz nebenbei bekommt ihr, wenn gewünscht, noch eine fachkundige Beratung oder stöbert in den Regalen. Welche Schätzte es da wohl alles noch zu entdecken gibt?

  • Buchhandlung Born Ladenstraße 17/18, Zehlendorf, Mo-Fr 9-18 Uhr + Sa 9- 14 Uhr

Foto-Schreib-Spielwaren

Foto-Schreib-Spielwaren in der Ladenstraße 13
Unspektakulär aber praktisch: Foto-Schreib-Spielwaren in der Ladenstraß Foto: Caspar Lamborelle

Was es hier zu kaufen gibt, macht schon der Geschäftsname eindringlich klar. Dieser kleine Schreibwarenladen ist nicht wirklich etwas Besonderes, zeichnet sich aber durch nettes Personal und eine langjährige Geschichte in der Ladenstraße aus. Schon einige Generationen von Schulkindern kauften hier ihre Hefte, Stifte, Tintenkiller und Radiergummi – und wahrscheinlich auch einige der erhältlichen Spielzeuge. Aber auch Erwachsene schätzten das Geschäft, das recht unauffällig in der Ladenstraße liegt.

  • Foto-Schreib-Spielwaren Ladenstraße 13, Zehlendorf, Mo-Fr 10-18 Sa. 9-14 Uhr

Mehr Berliner Kieze:

Nicht nur der U-Bahnhof Onkel Toms Hütte ist im Fokus von Umbennungsdebatten. Wir geben euch einen Überblick über die umstrittensten Straßennamen. Wenn euch der Südosten Berlins gerade zu weit weg ist: Im Prenzlauer Berg ist es auch ganz schön und interessant. Oder ihr wollt gern mal wieder in Kreuzberg essen gehen, dann hätten wir hier ein paar gute Ideen für die besten Restaurants und Geschäfte im Bergmannkiez.

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