Stadtleben

Pankows Boom, Pankows Pleite

Pankow_AbrissflaecheDie Kräne, die Bagger, die Gerüste. Der Lärm, der Staub. Die Baustellen, sie sind schier überall. Bau auf, bau auf. Früher sang man das hier bei der FDJ. Jetzt wird es gemacht. Pankow, das alte Pankow. Teil des gleich­namigen Großbezirks. Es ist, als wäre ein ganzer Stadtteil im Renovierungszustand. Allein im Dreieck zwischen S- und U-Bahnhof Pankow, S-Bahnhof Wollankstraße und Schloss Schönhausen sind gefühlt alle paar Schritte oft hochpreisige Wohnkomplexe im Werden. Oder schon im Sein. Apartments, Townhäuser, Lofts. Mit Tiefgaragen. Dazu mehrere Baugruppen mittendrin. Zum Beispiel im Florakiez. In der Flora-, der Gaillard-, der Görschstraße. Aber auch weiter südlich, kurz vor der Grenze zu Prenzlauer Berg. Am Eschengraben belegen sieben Baugruppenhäuser eine ganze Straßenseite.

URBAN IM GRÜNEN

Auf der mit Holz ausgelegten Dachterrasse eines fünfstöckigen Wohnhauses in der Görschstraße liegt Lutz Nitsche der Boom regelrecht zu Füßen. „Manchmal stehen wir hier und fragen uns: Hey, stand dieser Kran letzte Woche eigentlich schon?“, sagt er. Dieser moderne Bau, 3XGrün, war eines der ersten Baugruppenprojekte im Florakiez. 2009 geplant, 2011 fertig. Nitsche, 43, ist Referent in der Kulturstiftung des Bundes. Ein Flugzeug dröhnt über seinen Kopf hinweg. „Noch 96 Tage!“ Im Juni macht der Flughafen Tegel dicht. Wieder ein Punkt für Pankow.

Pankow_Drei_Mal_Gruen_Baugruppe3XGrün ist der erste Prototyp für ein vorgefertigtes Holzhaus, entwickelt an der Technischen Universität Braunschweig. Die Deckenkonstruktionen, fast 20 Zentimeter dickes Massivholz, ziehen sich über die ganze Hausbreite. Das Credo heißt „urbanes Wohnen im Grünen“. 13 Familien leben hier. Juristen, Architekten, Journalisten.
„Als wir anfingen, war die Schließung Tegels noch nicht ganz klar“, sagt Daniel Rozynski, 39, einer der Architekten des Hauses, drei Büros waren daran beteiligt. Koch, Roe­dig, Rozynski. Der gebürtige Düsseldorfer, seit 13 Jahren Berliner, zog aus Kreuzberg nach Pankow. Nitsche dagegen hatte vorher am Helmholtzplatz gewohnt. In Prenzlauer Berg. Dann kam sein zweites Kind. Die Wohnung war zu eng. Eine größere zu teuer. Von einem Garten am Haus ganz zu schweigen.
Den haben sie jetzt auf dem Hof. Von dort laufen die Kinder direkt rüber zur Schule. Für einen Quadratmeterpreis von 2200 Euro kriegt man so was in Prenzlauer Berg längst nicht. Aber auch in Pankow kaum noch.

Überall hört man ja, dass das ursprüngliche Pankow das neue Prenzlauer Berg sei. Ohne die Szene, die Clubs zwar, die dort aber auch längst Geschichte sind. Aber mit den Familien. Weil Pankow billiger ist, bei den Mieten, bei Wohneigentum. Noch jedenfalls. Grüner obendrein. Bürger-, Schlosspark, Schönholzer Heide. Alles ganz in der Nähe. Der Boom ist nicht nur gefühlt. Es gibt viele Statistiken dafür. Viele Zahlen. Aber etwas passt da nicht zusammen.
In Pankow, dem Großbezirk, zu dem neben Alt-Pankow auch Prenzlauer Berg und Weißensee gehören, wurden 2011 die meisten Baugenehmigungen aller zwölf Bezirke für Wohnungen erteilt, 1470 insgesamt von berlinweit 7358, das ist fast jede fünfte Wohnung. Davon 1072 für Neubauten.

Im Sanierungsgebiet Wollankstraße beispielsweise, das 2011 nach 16 Jahren aufgehoben wurde und von der Wollankstraße bis zum Zentrum um den alten Dorfanger reicht, stieg die Einwohnerzahl in dieser Zeit um ein Viertel. Vor allem Familien mit Kindern zogen her. Gut verdienende Selbstständige auch. Aber es gab keinen Austausch der Bevölkerung, wie man ihn aus Prenzlauer Berg kennt. 40 Prozent der Haushalte, deren Wohnungen saniert wurden, blieben. Die sozialen Probleme sind im Bezirk eher überschaubar. Das sind die guten Nachrichten. Doch dann gibt es auch die ganz üblen.
Denn der Großbezirk Pankow ist chronisch knapp bei Kasse. Immer am Limit. Für seinen Doppelhaushalt 2012/13 muss Pankow noch rund zwei Millionen einsparen. Geld, das überall fehlt. Für Straßen, Schulen, Kitas, Bibliotheken, Galerien.

Kürzlich schlug der Kulturstadtrat Torsten Kühne (CDU) deshalb drastische Einschnitte bei der Kultur vor. Und dann sind da noch die Altschulden Pankows. Fast 30 Millionen Euro. Das ist der Rekord aller Berliner Bezirke. Es sieht so aus, als habe der Großbezirk nicht viel von seinem Bauboom. Als nehme dieser Boom Wege vorbei an der öffentlichen Hand. Privater Reichtum, kommunale Armut. So ist es in vielen Bezirken. Fast überall klaffen riesige Löcher im Haushalt. Das Beispiel Pankow zeigt, was alles im Argen liegt.

Eckhardt_KruegerFABRIKEN ZU LOFTWOHNUNGEN
Eckhard Krüger kennt im Kiez jedes Haus, jede Straße. Jede Geschichte dahinter auch. Und die Leute dazu. Ein Urpankower, für den das Wort „Ruhestand“ komplett seine Bedeutung verfehlt. Das Haus in der Görschstraße, wo Krüger vor 70 Jahren geboren wurde, steht noch, im Hinterhof, er nennt es Gartenhaus. „In Pankow heißen die Hinterhäuser eben Gartenhäuser. Klingt schöner.“
Es ist ein kalter Montagmorgen Ende Februar, als man den grauhaarigen Mann mit dem beachtlich forschen Schritt am Bahnhof Pankow trifft. Krüger, einst Diplomingenieur für Bauwesen, zu DDR-Zeiten beschäftigt in einem Büro für Baureparaturen und Rekonstruktion, saß in der Betroffenenvertretung des Sanierungsgebietes Wollankstraße.
„Frau Junge-Reyer“ – die damalige Stadtentwicklungssenatorin – „hat unsere Betroffenenvertretung ja gelobt“, sagt er. „Weil wir nicht alles einfach nur verhindern wollten.“

In den folgenden drei Stunden, in denen man an diesem Morgen mit Krüger durch Pankow geht, bekommt man ein Gefühl dafür, wie rasend schnell sich das doch so ruhige, gemütliche Pankow weiter urbanisiert. Wie in der alten Garbбty-Zigarettenfabrik nahe des Bahnhofs, wo in den 90er-Jahren Technopartys stattfanden und auch mal die Ernst-Busch-Schauspielschule einziehen wollte. Jetzt baut ein Würzburger Entwickler 160 exklusive Wohnungen in den imposanten Industriebau hinein, mit Quadratmeterpreisen jenseits von 3?000 Euro. Während man mit Krüger Alt-Pankow abschreitet, wundert man sich fast, dass nicht die Hälfte der Passanten mit Schippe und Blaumann herumläuft. Was da alles passiert:
– ein überdimensionales Schuttfeld gegenüber der Kirche, wo jahrelang eine leere Kaufhalle verrottete und ein Arnsberger Immobilienbüro Handel, Dienstleistungen und Wohnungen im gehobenen Segment plant.
– eine Baugrube kurz vor dem Schloss Schönhausen, wo zu DDR-Zeiten ein Flachbau mit einem „Jugendmode“-Laden stand und nun ein Wiesbadener Grundstücksentwickler 26 Wohnungen plant, unten auch Gewerbe, 90 Prozent sind schon verkauft.
– das ostmoderne Gästehaus der DDR-Regierung direkt neben dem Schloss, das das Nürnberger Unternehmen Terraplan derzeit zu rund 40 Lofts, Suiten und Stadthäusern umbaut für zwölf Millionen Euro. Quadratmeterpreis: 3?600 Euro. Alles verkauft. Die ersten Bewohner sollen im April einziehen.

Ein anderes Industriedenkmal, die Alte Mälzerei der einstigen Schultheiss-Brauerei nahe des Pankower Rathauses, ist schon runderneuert. Auch ein Terraplan-Projekt. Die Nürnberger steckte 40 Millionen Euro hinein, für 140 Wohnungen. „Die haben sich wirklich Mühe gegeben“, lobt Krüger davor. An der Zufahrt an der Neuen Schönholzer Straße warnt jetzt ein Schild: „Private Wohnanlage! Lärmbelästigungen und sonstige Aktivitäten nach 22 Uhr sind verboten!“ Was auch immer „sonstige Aktivitäten“ sind.
Die Eigentumswohnungen gingen schließlich für rund 3?150 Euro pro Quadratmeter weg, die Mietwohnungen kosten neun bis zehn Euro kalt. Gepflegte Nachtruhe ist da für die Neubewohner quasi mit eingepreist. Eckhard Krüger findet viele dieser Bauprojekte einfach gut, man sieht ihm manchmal regelrechte Begeisterung an. Dass etwas passiert in seinem Sanierungsgebiet. Seinem Kiez. Seinem Bezirk. In seinem Pankow.

Vor der Reinhold-Burger-Schule neben der Alten Mälzerei fragt Krüger: „Reinhold Burger, der Name sagt Ihnen was? Der Erfinder der Thermoskanne. Auch ein Pankower.“ Sein Blick ist bedeutungsheischend dabei.

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