Stadtleben

Party mit Gott

33 Grad im Schatten – wie erschossen liege ich auf meiner Decke am Müggelsee. Ein paar Meter weiter kiffen junge Leute und hören Mixtapes von DJ Das Amt. Ein nasser Dackel verrichtet sein Geschäft an einer zerbröselnden Sandburg, und zwei Mädchen strei­ten im Wasser, wer auf der Luftmatratze liegen darf. Die Welt ist heiß und in Ordnung an diesem Tag, der wie alle Montage im Diens­te der Erholung und Party-Rekon­valeszenz steht.

Drüben unter einer Eiche liegt sich ein Pärchen im Arm. Sie wirken glück­lich und tragen Partnerlook in Weiß – ein Bild perfekter Harmonie, befinde ich noch, dann döse ich weg.

Harinam


Eine Megafonstimme holt mich in die Realität zurück. Bei Augenaufschlag haben sich ca. 80 weitere Personen neben dem Pärchen unter der Eiche versammelt. Alle tragen weiße Leinenhemden oder Bettlaken um die Hüften gebunden. Sie haben sich im Kreis formiert und hören, was ein Mann in der Mitte zu sagen hat. Soeben spricht er durch das Megafon eine gewisse Christine an. Die junge Frau mit burschikosem Haarschnitt und auffallend großen Brüsten steht in der ersten Reihe. Sie bekommt rote Wangen, als der vermutliche Guru sie auffordert: „Tritt nach vorn und erzähle uns, wie du Gott begegnet bist.“


Christines Stimme klingt angenehm sanft, während sie von ihrem ersten Treffen berichtet. Es war an einem Montag, genau an dieser Stelle unter der Eiche. Sie kündigt einen Musikvortrag zur besseren Veranschaulichung an, denn – so erklärt sie weiter – einzig mit Musik könne sie aus­drücken, was da in ihr vorging. „Dit kann ja keener mitanhörn“, protes­tiert ein Berliner Badegast und stopft sich demonstrativ seine Walkmankopfhörer in die Ohren. Vergeb­lich. Auf Chris­tines Stichwort bringen Männer mit Dreadlocks Trommeln und Gitarre herbei – Letztere wird überraschend an eine Subwoofer-Box angeschlossen. Dann greift sie zum Mikrofon. Im nun folgenden, rhythmisch verstärkten Gesang werden neben Mutter Erde die Sonne, die Vögel und auch Gott gewürdigt. Der Sound hallt weit über die Badewiese, während weißbekleidete Menschen, trunken von Sonnenschein und Chris­tines glockenklarer Stimme, tänzerisch frei interpretieren.

Die Party ist im vollen Gange, als auch wir von der Megafonstimme eingeladen werden, teilzunehmen. Ein bulliger Typ mit einem winzigen um die Lenden gewickelten Frotteetuch steht auf und brüllt: „Verzieht euch, ihr Spinner!“ Unbeirrt wird weitergefeiert, bis ein anderer entnervter Atheist unter die Eiche tritt und dem Sprecher „eine aufs Maul“ anbietet. Der gibt sich stur, sagt, man ließe sich so nicht vertreiben. Dann, unerwartet, packt die Partycrowd ihre Sachen zusammen und verlässt den Ort – Ruhe kehrt ein.


Später, beim Schwimmen im See, blinzele ich glücklich in die Sonne. Das Wasser schimmert golden, der Himmel ist wolkenfrei, und nur ein winziges Schiff ist in der Ferne zu sehen. Als es Kurs auf die Badestelle nimmt, kommt mir ein Verdacht. Zuerst sind Trommelklänge zu hören, dann Gesang. Es geht um Mutter Erde, die Sonne und – jetzt höre ich’s genau – auch um Gott.

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