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Zwischen Disko und Dispo, Folge 109: Paso Doble! – Feiern ab fünfzig

 


Sonntag, sieben Uhr, Wecker klingelt, Fuckfuckfuck!

SMS an Silke schicken (feiert seit gestern bei der Bar-25-Closing-Party), Text: „Komme später“, anschließend duschen und in ein Kleid mit Perlmuttknöpfen schlüpfen, Schuhe mit Absatz einpacken und los. Anreise mit Straßenbahn, S-Bahn, U-Bahn bis Platz der Luftbrücke. Tanzschule „Traumtänzer“ nach einer Stunde und vierzig Minuten erreicht. Erster Eindruck: nichts für Traumtänzer. Optik wie Haftanstalt Moabit: vergitterte Fenster, graue Fassade. Rechercheauftrag steht, Rückzug unmöglich, eintreten zur Veranstaltung „Walzerfrühstück“ …

„Paso Doble!“ – schnörkelos werden die Fakten von Dj Petra ins Mikrofon moderiert , Paare preschen durch den Saal. Neun Uhr fünfundvierzig, die Stimmung ist aufgeweckt bis stürmisch, brauche sofort Kaffee.


„Samba!“ – In einer Ecke sitzen und Eindrücke sortieren. Links Tanzsaal mit Rotlicht und Discokugel, rechts mallorquinisches Finca-Ambiente mit terrakottafarbenem Barbereich, Gipslöwenkopf und Stern­zeichenrelief an der Wand, Frühstücksbüfett ‚All You can Eat‘ – Rühr­ei dampft.


„Wiener Walzer!“ – Wieso läuft jetzt ein Stück von Truck Stop? „Country Roads, Take Me Home, West Virginia“ – grübeln beim Filterkaffee.


„Tango!“ – Wow. Offenbar ist ein Profitanzpaar aus Asien anwesend.


„Slowfox!“ – Habe durchgezählt, dreißig Paare sind dabei, sowie zwei auffallend unattraktive Singlemänner, der eine guckt übrigens gerade rüber.


„Jive!“ – Hinter einer BZ verstecken und lesen: „Didi Hallervorden, alles Gute zum 75ten!“ Nebenbei Kommunikation am Nachbartisch verfolgen. Er: „Immer noch Salsa?“ Sie: „Nee, Rumba.“


„Foxtrott!“ – Braune Herrenslipper treten heran: „Sollen wir?“ – stummes Nicken und in den Ballsaal folgen.


„Ein bisschen Pop!“ – Schwofen unter der Discokugel, er führt, Musik mit einfachem Beat und direktem Text: „Über uns ist nur der Himmel und den schenk’ ich dir heut’ Nacht, mit der Achterbahn zur Sonne, unser Bett ist schon gemacht.


„Cha Cha!“ – Tanzfläche leert sich, einzelnes Paar bleibt hartnäckig, wegschauen unmöglich: akkurates Neben-dem-Beat-Tanzen, vermutlich so nur in Deutschland möglich.

„Eine Rumba!“ – Verschmitztes Lächeln unter grauen Locken, alter Mann führt alte Frau zur Tanzfläche, sie strahlt. So schön, wenn man nach Jahrzehnten noch Spaß miteinander haben kann.

„Quickstep!“ – Erschrocken auf die Uhr gucken, Mist. DJ Set Dirty Doering hat angefangen, Tasche schnappen und los zur Bar 25.Plötz­liches Innehalten, dann langsam zum Platz zurück. SMS an Silke schi­cken, Text: „Schaffs nicht mehr“, danach einen Cafй Cointreau bestellen und heimlich aufs nächste Jahrzehnt freuen.

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