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Peaches über Rollenbilder und Frauenquote

Peaches-does-herself_c_DoroTuchFrau Peaches, Sie arbeiten gerade an Ihrer dritten Produktion für das HAU. Nach „Peaches Christ Superstar“ und „Peaches does herself“ singen Sie jetzt Orpheus von Monteverdi. Was macht es mit dem männlichen Helden einer Oper, wenn er von einer Frau verkörpert wird?
Lustig, aber darüber habe ich nie nachgedacht, ob das ein Mann ist oder eine Frau. Ich sehe in der Figur vor allem einen starken Charakter. Nur darum geht es. Ein Held ist er ja nebenbei gar nicht. Ich meine, er scheitert. Es ist zunächst mal ein Mensch, der etwas versucht. Darin ist er im Übrigen der Jesus-Figur ähnlich aus „Jesus Christ Superstar“. Es geht um die Geschichte eines Menschen, der große Ideen hat und damit scheitert. Was für mich eine der Schlüsselgeschichten von politischen Situationen darstellt, vorausgesetzt – hoffentlich – politische Menschen handeln mit guten Intentionen. Beide Geschichten erzählen von Menschen, die missverstanden werden.

Nun werden Sie einem klassischen Libretto folgen, mit Orchester, klassischen Sängern. Was ist mit der Rock-Performerin Peaches?
Aber das hab ich so lange gemacht. Es ist gut, eine Pause einzulegen, nach vier Alben, die ich gemacht habe.

Darunter „Teaches of Peaches“, mit dem Sie eine Art neues Genre erfunden haben.
Das ist ein Klassiker! Es ist ein gutes Gefühl, so ein Album gemacht zu haben. Es ist schon verrückt zu sehen, was für einen Impuls diese Platte gesetzt hat. Eine Platte, die ich in meinem Schlafzimmer aufgenommen hatte, als kleine persönliche „bedroom revolution“, was die Art des Aufnehmens anging, meine Art zu Texten, auch dass ich es selbst produziert hatte. Das war mein Startpunkt, danach hab ich alles gemacht, was ich machen wollte. Ich bin auch genauso stolz auf „I Feel Cream“ (Peaches’ aktuelles Album, veröffentlicht 2009, d. Red.): dass ich darauf singe, nicht nur hart rappe, sondern es eben auch diesen schönen Gesang gibt. Und dass ich für jeden Song ein Video gemacht habe, mit verschiedenen Produzenten zusammen gearbeitet habe. Ich hab es wirklich alles gemacht. Es wird sich zeigen, ob ich dahin wieder zurückkehre.

OrfeoIhre Art, männlich/weibliche Stereotypen umzudrehen, hat viele beeinflusst. Auch der US-Mainstream hat Sie eine Weile heftig umworben, Marilyn Manson etwa oder Pink; und wenn man Lady Gagas Gender-Twists betrachtet, hat sie sicher auch ihre Peaches-Lektion gelernt. Sehen Sie Ihre Vorarbeit bei solchen Performern?
Es gab diese Art von Interesse, das stimmt. Aber ich kann nicht sagen, in welcher Weise meine Impulse aufgenommen worden sind. Denn es ist ja so: Wenn so was erst im Mainstream angekommen ist, funktioniert es nicht mehr auf dieselbe Art. Dann ist es sozusagen nicht mehr in meiner Hand.

Auch im Underground ist Ihr Impuls zu spüren. Mit Devisen wie „Shake your dicks“ gelten Sie etwa als Rollenmodell im queerfeministischen Rap. Verstehen Sie sich als Teil dieser Bewegung?
Ich bin Teil einer Community, das auf jeden Fall. Und die ist absolut queer, wenn man so will. Was Feminismus angeht, würde ich am liebsten ein neues Wort dafür finden, irgendwas anderes. Es ist ein starkes Wort, und ich liebe es auch. Meine Art ist auch all das: queer, feministisch, politisch korrekt. Aber so was sage ich einfach nicht. Das verschließt Leute eher. Ich versuche, dass es mit meiner Musik und Kunst anders funktioniert, dass es jemand hört und denkt: „Hm, das ist queer, aber mir gefällt es“ oder „Moment, das ist Feminismus, aber es ist gut!“ Ich hoffe, dass ich so was reingebracht habe.

Denken Sie, feministische und queere Proteste sind heute noch dringlich?
Wie dringlich das ist, sieht man zurzeit auf eindrückliche und auf schreckliche Weise, wenn man sich ansieht, was zum Beispiel in Moskau geschieht. Wo es gerade verboten wurde, öffentliche queere Events zu machen. Es ist krass, wie weit die anti-queere Reaktion dort geht. Oder als dort diese feministische Punkband – Pussy Riot heißt sie, glaube ich – kürzlich ins Gefängnis gesteckt wurde. Diese Leute sind die Helden der politischen Bewegung, sie lehnen sich auf. Wir sind dagegen in einer glücklichen Situation.

In einer so glücklichen Situation, dass viele Angehörige der 30er-Generation heute wenig mit feministischen Grundsätzen am Hut haben, teils sogar die Rollenmodelle der Eltern oder Großeltern neu beleben?
Sie meinen, ob es einen konservativen Backlash gibt? Ich denke, dass viele feministische Forderungen in der Tat Teil unseres Selbstverständnisses geworden sind. Unter den Leuten, mit denen ich zu tun habe, ist es jedenfalls so. Gut, ich lebe selbst im Prenzlauer Berg, aber ich meine, man darf nicht alle über einen Kamm scheren, die hier ihre Familien gegründet haben, ihre Jobs haben. Ich hoffe jedenfalls, dass Frauen, die denken, dass feministische Forderungen für sie selbstverständlich sind, dass sie es auch wirklich so meinen und dafür einstehen, wenn es darauf ankommt. Es lässt sich heute nicht mehr so einschätzen. Die Grenze zwischen liberalem und konservativem Denken ist nicht so leicht zu ziehen: Das ist verwischt, eine Grauzone. Eigentlich passt da auch Orfeo gut rein. Das ist kein Held, hinter dem man sich sammeln kann. Das ist schon eine moderne Figur. Vielleicht agiert er auch egoistisch. Er passt in unsere Zeit, in der wir zum Protestieren auf die Straße gehen und nicht genau wissen, was es bringt.

Ganz direkt gefragt: Braucht Berlin eine Frauenquote für Spitzenpositionen?
Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich traurig, dass wir überhaupt darüber nachdenken müssen, eine Frauenquote einzuführen. Wenn es aber nun mal so weit ist, dann sollten wir die Bedingungen schaffen, damit Veränderungen geschehen.

Interview: Ulrike Rechel
Foto: Doro Tuch, William Minke

L’Orpheo von Claudio Monteverdi
Premiere am Di 1. Mai, 19.30 Uhr
im HAU 1

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