Stadtleben

Peinsäcke unter sich

Geltungsbedürftigen Menschen dabei zuzusehen, wie sie großen Ehrgeiz und intellektuellen Furor entwickeln, um sich mit Karacho zu blamieren – ja, das ist immer wieder ein erbaulicher Anblick. Neben Bundestagswahlkämpfen, Redaktionskonferenzen und Talk­show-Therapiesitzungen mit Reinhold Beck­mann ist das Theater immer noch der beste Lieferant solcher Peinlichkeitsperformances. Und das sogar, wenn das Theater gar nicht spielt! Erst zappelten die Herren Hochhuth und Peymann im Sommerloch. Lustigerweise lieben beide die Theaterkunst. Aber die Kunst ist wählerisch, sie erwidert die Liebe der beiden Herren nicht so recht. Also machen es sich Herr H. und Herr P. miteinander nett. Der eine nennt den anderen „wirr“, der andere nennt den einen die „Unredlichkeit in Person“, und wer wollte ihnen widersprechen. Dann steigt das Niveau der Peinlichkeits­hitparade. Salzburg! Festspiele! Große Sache! Der Unterhaltungsschriftsteller Daniel Kehlmann hält eine Rede über das Theater. Und was für eine Rede! Eine Abrechnung! Ein Manifest! Eine Komplettblamage!

Im Prinzip: super. Man denkt eigentlich bei jedem Satz: Das ist so bescheuert, ist das Borat, der Stadelmaier parodiert? Seit wann interessiert sich Uwe Wöllner für Theater? Aber, und jetzt kommt’s: Das ist alles ernst gemeint! Das „Regie­theater“, was immer das sein soll, ist im Prinzip nur eine linke Verschwörung zur Zerstörung des Theaters! Herr Kehlmann hatte auch mal ein schönes Theatererlebnis. Er war vier Jahre alt, und sein Vater, ein Regisseur der alten Schule, machte eine Beleuchtungsprobe. Das war, so Kehlmann, das intensivste Theater­er­lebnis seines Lebens. Schön für ihn. Bewusstloses Staunen – danach hat er Heimweh. Pech für das Gegenwartstheater, dass es ihm diese rührende Sehnsucht nach der Regression nicht erfüllen kann.

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