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Kommentar

Performative Males: Die männlichen Pick-Me-Girls?

Erst kürzlich traten sie in Berlin gegeneinander an: Performative Males. Nicht im Faustkampf, sondern darin, wer am besten das Klischee eines vermeintlich feministischen Mannes verkörpern kann. Realität wird zum Meme, Meme zum Sprachrohr der Kritik. Aber es ist mehr als okay, ein wenig über diese Männer zu lachen.

Wer in der Öffentlichkeit liest, kann schnell als sogenannter Performative Male gelten. Aber es gehört mehr zum Phänomen als ein dickes Buch. Foto: Terrillo Walls/Unsplash

Es tut sich was in der Männerwelt! Laut Social Media sind sie überall: Männer mit Nagellack, Labubu an der Baggie Jeans, feministischer Literatur im Jutebeutel und einem Iced Matcha Latte in der Hand. Ist er endlich da? Der softe Mann? Enttoxiniert und bereit typische Männlichkeitsideale zu hinterfragen? Ups vielleicht doch nicht, so zumindest die Kritik. Alles nur eine Performance. TikTok hat auch einen Namen für das Phänomen parat: Performative Males, performative Männer.

Ein Performative Male ist demnach ein Mann, der sich progressiv gibt, sich für den female Gaze, den weiblichen Blick, kleidet und so tut, als würde er sich mit Feminismus beschäftigen – alles natürlich nur, um Frauen zu gefallen. Ihm ist wichtiger, mit „All About Love“ von Bell Hooks in der Hand gesehen zu werden, als das Buch tatsächlich zu lesen. Diese Männer sind zu einem Klischee geworden, zu einer Karikatur. Bei den Frauen gibt es für ein solches Phänomen schon lange einen Namen. Sind Perfomative Männer also nur die männlichen Pick-Me-Girls?

Das männliche Pendant zum Pick-Me-Girl

Die Bezeichnung für die Männer ist schonmal freundlicher, beschreibender. Die Kritik ist vorsichtiger, sanfter. Man will die Männer ja nicht zu sehr verschrecken. Während Pick-Me-Girls (Sophie Passmann hat das in einem Buch thematisiert) auf offener Straße mit Fragen wie „nenn mir fünf Nirvana-Songs“ überfallen werden, wenn sie ein Shirt der besagten Band tragen, spricht niemand den Männern ihre Liebe zu Indie-Künstlerin Clairo ab. Stattdessen werden sie ins Rampenlicht gestellt und dürfen sich ironisch über sich selbst lustig machen: Kürzlich fand im Weinbergspark ein Performative Male Contest statt.

Dabei ist das Verstellen der Performative Males viel problematischer. Ein Pick-Me-Girl tut so als wäre sie eine von den Bros, als möge sie auch Fußball, Zocken oder Metall und fühlt sich unter Männern wohler, möchte kein Drama. Sie gaukelt Interesse vor, redet schlimmstenfalls andere Frauen klein.

Ein Performative Male flunkert über mehr als nur ein paar Hobbys. Er gibt vor für Gleichberechtigung zu kämpfen, aber tut es nicht. Er tut so, als wäre er aufgeklärt über Consent und Machtdynamiken, nur um dann doch immer wieder Grenzen zu überschreiten. Er ist eine weitere potenzielle Gefahr im Dating- Leben von Frauen.

Wölfe im Labubu-Pelz

Doch sind wir Männer wirklich so Böse? Wölfe im Labubu-Pelz? Ich würde gerne widersprechen, aber um ehrlich zu sein, wird es sie geben, die Männer, denen Feminismus wirklich egal ist und die kein Problem damit haben, eine Rolle zu spielen nur um mit linken Frauen zu schlafen. Womöglich ist es in den meisten Fällen aber komplexer.

Zunächst sind die Merkmale eines Performative Males ja grundsätzlich gute Sachen: Sie sind ein explizites Lossagen vom Machotum und heteronormativer Sicht auf Männlichkeit. Mein 15-jähriges Ich hätte auf jeden Fall ein paar männliche Vorbilder abseits der Serie „Vikings“ gebrauchen können.

Eine Kollegin erzählte mir, sie habe Angst dass mit diesem Trend die Männer verschreckt werden, die tatsächlich etwas ändern möchten. Dass ihnen das Gefühl gegeben wird, sie können gar nichts richtig machen. Und ich teile ihre Angst. Schließlich sind viele Männer im Inneren höchst unsicher. Dabei will meine Kollegin mit den angeprangerten Männern eigentlich kein Mitleid haben.

Denn die Kritik richtet sich ja explizit gegen das Performative. Gerade Wettbewerbe wie der im Weinbergspark stellen das auf humoristische Art an den Pranger. Merkmale wie ein Labubu, ein Crop-Top oder lackierte Fingernägel bleiben nunmal oberflächlich. Und als Mann kann man sie adaptieren, aber wer das nur tut, um auf eine bestimmte Art gesehen zu werden, dem mangelt es an Authentizität.

Wenn du dich mit deiner Kleidung von der cis-männlichen Norm abwenden möchtest, du gerne feministische Literatur liest und Clairo wirklich deine Lieblingsmusikerin ist, dann solltest du dich von diesem Trend gar nicht angegriffen fühlen. Denn worüber sich hier lustig gemacht wird, sind letztendlich Männer ohne Persönlichkeit.

Bare Minimum

Es ist toll, dass alle Geschlechter gemeinsam über dieses neue Klischee lachen können, und es ist gut, dass wir diese Diskussion führen. Und es wäre ja zu hoffen, dass die meisten performativen Männer wirklich hinter dem stehen, was sie darstellen wollen, und wirklich Feministen sind – die in ihrer typischen männlichen Selbstüberschätzung schlichtweg unterschätzt haben, wie tief ihr internalisierter Sexismus doch sitzt.

Doch im Dating, aber auch in Freundschaften, möchten sich Frauen nicht mehr mit dem bare minimum zufrieden geben. Und nur zu sagen, man sei Feminist, egal wie ästhetisch ansprechend man das tut, reicht schlicht nicht aus. Um kein Performative Male zu sein, braucht es echte Mühe. Das geht nicht von heute auf morgen, und nicht für jeden Schritt gibt es Applaus. Aber wer sich aufgrund einer humorvollen Kritik an diesem Phänomen jetzt nicht mehr traut, sich Feminist zu nennen, der war wohl nie einer.


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