Stadtleben

Perser

Eben noch haben wir von unserer Fußballnationalmannschaft geschwärmt, dieser Truppe aus lauter Migrantenkindern, die zeigt, wie unsere Kultur vielfältiger, reicher geworden ist. Nur wenige Wochen danach liest man, dass laut Umfragen die Hälfte aller Deutschen der Meinung ist, wir hätten zu viele Ausländer im Land. Das fühlt sich an wie ein 4:5 nach einer 4:0-Führung.
Da haben wir uns also möglicherweise ein bisschen viel vorgemacht mit der Fähnchenschwenkerei und mit dem Glauben, wir seien bereit für ein neues National­gefühl, ganz ohne Ressentiments gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen und Andersaussehenden. Stattdessen sind wir ein Land auf der Reise in die Vergangenheit, in dem die Parolen von gestern durch die Nichtraucherlokale wabern: Man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen.

Insofern dürfte auch der Zustand des Asylrechts auf breite Zustimmung in der Bevölkerung treffen – denn das gibt es ja de facto nicht mehr. Gerade sitzen 4?000 Iraner in der Türkei fest, die vor den Schergen Ahmadinedschads geflohen sind und von denen Deutschland nicht mehr als 50 aufnimmt. Und das, obwohl doch gerade die deutschen Politiker an­gesichts der getürkten Wahlen in Iran über die Ver­letzungen der Menschenrechte geklagt haben, für die diese Iraner auf die Straße und manche von ihnen in die Folterkeller gegangen sind. Und obwohl dieses Land angesichts seiner Vergangenheit eigentlich
eine besondere Ver­antwortung für politisch Verfolgte spüren sollte.

Vielleicht kommt es in Zeiten der Islamphobie nicht gut, Perser aufzunehmen, auch wenn es sich bei ihnen nicht um Terroristen, sondern um Bürgerrechtler handelt. Dabei verbindet gerade Berliner und Perser eine ganz besondere Geschichte. Noch immer sind viele von ihnen in der Stadt, die in den 1950er-Jahren nach Deutschland zum Studieren kamen. Eigentlich sollten sie wieder zurück, doch viele fanden deutsche Frauen und blieben – manche als Taxifahrer, viel mehr als Ärzte. Sie demonstrierten auch gemeinsam mit den Deutschen gegen den Schah – an dem Abend, als Benno Ohnesorg starb. In Berlin verfasste Ulrike Meinhof nach Gesprächen mit Exiliranern ihren Brief an Farah Diba, in dem sie die ärmlichen Lebensverhältnisse der meisten Iraner anprangerte. Nach der Revolution kamen ebenfalls viele Dissidenten nach Deutschland – darunter auch iranische Kurden. Vier von ihnen wurden 1992 vom iranischen Nachrichtendienst im griechischen Restaurant Mykonos in der Prager Straße umgebracht. Es war der Vollzug der Fatwa, die Khomeini gegen ihre Partei verhängt hatte.
Heute brauchen wir Khomeini dafür nicht mehr. Die Fatwa gegen Perser verhängen wir lieber selbst, indem wir die Grenze für sie dichtmachen.

Mehr über Cookies erfahren