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Stadtleben

Peter Laudenbach liest wieder mal Beckett

Am 13. Dezember 1936 ist Samuel Beckett nicht besonders glücklich. Er wohnt im offenbar scheußlichen Hotel Deutsche Traube in Berlin. Für seinen ersten Roman „Murphy“ hat er immer noch keinen Verleger gefunden. Insgesamt wird er von 42 Verlagen Absagen erhalten. Der Dreißigjährige ist auf dem besten Weg, vom einstigen Elitestudenten zum hoffnungslos verkrachten Künstler zu werden. Das nationalsozialistische Deutschland, das er für ein paar Monate bereist, vor allem um Museen zu besuchen, deprimiert ihn: „Die Reise erweist sich als Debakel. Deutschland ist grässlich. Das Geld ist knapp. Ich bin ständig müde. Alle modernen Bilder sind in den Kellern. Das körperliche Elend ist trivial im Vergleich zum intellektuellen.“

Dass wir Becketts deprimierten Berliner Brief an seine Vertraute Mary Manning Howe lesen können, verdanken wir dem prächtigen ersten Band einer auf vier Bände angelegten Ausgabe seiner Briefe, der vor Kurzem im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Hier lernen wir einen jungen Beckett kennen, der sich klug, sarkastisch oder voller Bewunderung durch Kunstsammlungen und Bücher arbeitet, der sich beim sow­jetischen Filmregisseur Eisenstein in Moskau bewirbt (er erhält keine Antwort), ein warmherziger, empfindlicher Mann auf der Suche: „Ich glaube, die nächste kleine Verlockung ist das Fliegen“, schreibt er am 26. Juli 1936 an seinen alten Freund McGreevy. „Hoffentlich bin ich nicht zu alt, um es ernsthaft zu betreiben, oder zu dumm für die Maschinen, um mich als kommerzieller Pilot zu qualifizieren. Ich habe keine Lust, für den Rest meines Lebens Bücher zu schreiben, die keiner liest. Es ist ja nicht so, dass ich sie unbedingt schreiben will.“
Für Beckett-Leser ist dieses Buch ein ­Geschenk.

Samuel Beckett: Weitermachen ist mehr, als ich tun kann – Briefe 1929–1940, Suhrkamp Verlag, 856 Seiten, 39,95 Ђ

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