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Philipp Oswalt über das neue Bikini-Haus

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Herr Oswalt, wie ist es denn nun geworden, das neue Bikini-Haus?
Auch wenn das namensgebende Freigeschoss nicht in letzter Konsequenz rekonstruiert worden ist, dieser offene Durchblick in den Zoo, denke ich, dass es eine aufrichtige denkmalpflegerische Sanierung geworden ist. Da bin ich erst einmal dankbar, weil ich das ganze Ensemble vom Zoo-Palast bis einschließlich zum Hotel Interconti für eine sensible, sehr hochwertige Nachkriegsarchitektur halte. Das hat eine hohe Qualität, sowohl der einzelnen Gebäude als auch ihres ­Zusammenspiels. Absolut gelungener Städtebau, gerade darin, wie es dem Fußgänger erfahrbare Räume schafft.

Seit 1967 schiebt sich noch das Europa-Center in diese Achse.
Und es ist lustig, dass das Europa-Center jetzt auch auf Retro macht, mit einer quietschbunten Werbekampagne. Aber das ist bereits ein ganz anderes Gebäude mit ganz anderen Images. Da war die Leichtigkeit schon wieder raus aus der westdeutschen Nachkriegsarchitektur.

Woher hatte das Zoo-Ensemble diesen luftig-leichten Habitus?
Es ist eine der deutschen Geschichte geschuldete Leichtigkeit. Zehn, fünfzehn Jahre zuvor war Berlin ja noch die Stadt Albert Speers. Nun entstehen Gebäude, die vordergründig wenig Präsenz haben, bloß nichts Monumentales, kein lautes „Hallo, hier bin ich“. Wenn man aber genau guckt, wenn man sich in diese Räume begibt, ist das eine urbane Erfahrung. Die Zoorandbebauung vermittelt ganz unmittelbar die Stimmung einer Metropole. Damit knüpft sie auch wieder an den Metropolgedanken der Weimarer Zeit an …

… in der es ja auch eine Moderne gab. Warum gilt diese Bauhaus-Moderne längst kanonisierte Klassik, während es die Nachkriegsmoderne noch immer schwer hat?
Die Moderne der Weimarer Republik ist ein bisschen geheiligt, auch weil sie politisches Opfer war. Zudem war ihre Ära kurz. Da ist ein überschaubarer Fundus an Gebäuden geblieben. Die Nachkriegsmoderne hat sich vielschichtig und disparat in den Stadtraum eingeschrieben. Das verlangt vom Betrachter, Qualität von Quantität zu unterscheiden. Das verlangt Auseinandersetzung.

Weiterlesen: Am Donnerstag, den 3. April öffnet Bikini Berlin. Aus Berlin werden neben Andreas Murkudis etwa das Modelabel Umasan, die Brillenmanufaktur Mykita, der Schufilialist Riccardo Cartillone und der Kreuzberger Gestalten-Verlag mit eigenen Läden vertreten sein.

In Berlin verweist man da gerne auf das zeitgleich mit dem Bikini-Haus entstandene Hansa-Viertel und darauf, dass danach nicht mehr wirklich viel gekommen sei.
Dem muss ich natürlich widersprechen. Obwohl ich das Gesamtensemble am Ernst-Reuter-Platz für schwierig halte, ist beispielsweise das Telefunkenhochhaus ein großartiges, ikonografisches Gebäude. Auch das ICC ist eine tolle, konsequent durchgezogene und absolut schlüssige Architektur.

Schlüssig für wen? Zeigt sich gelungene ­Architektur nicht erst in ihrer Benutzung?
Es ist vielleicht eine Architektenkrankheit, dass man immer nur die Idealform eines ungebrauchten Gebäudes sieht. Letztlich muss Architektur im Alltag bestehen können. Um auf das Zoo-Ensemble zurückzukommen: Bei allen Umwidmungen und Bedeutungsverlusten, die der Breitscheidplatz und die Zoorandbebauung gerade nach 1990 erfahren hat – als städtischer Raum hat sie immer funktioniert. Und das sage ich aus meiner eigenen städtischen Praxis heraus. Auch ich halte mich durchaus gelegentlich dort auf.

Waldorf Astoria, Zoo Palast, Bikini-Haus: Das Areal wird gerade mit sehr viel Geld auf- und umgewertet. Stand Berlin nicht eben noch für eine kreative, aber chronisch unterfinanzierte Zwischennutzungskultur?
Das waren Momente der Anarchie und der Freiheit, die ja für ganz Osteuropa signifikant waren. Für eine spezifische Zeit gab es extreme Spielräume, gerade im Stadtraum. Es ist nur so, dass wir in einer anderen Zeit angekommen sind. Das ist auch eine paradoxe Folge der Finanzmarktkrise: Das ganze Geld wird jetzt in Immobilienentwicklungen gesteckt. Interessant ist, dass Projekte wie Bikini-Berlin an ein kreatives Image anknüpfen, das Berlin in dieser improvisierten Epoche entwickelt hat. Die Logik dahinter ist aber eine andere.

Interview: Clemens Niedenthal

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Philipp Oswalt ist Architekt und ­Architekturhistoriker. Er hat eine Professur an der Universität Kassel und ein Büro in Berlin. Bis Februar 2014 war er Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau.

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