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Spaziergang am Planufer: Kreuzberger Kontraste unterm Brennglas

Das Planufer in Kreuzberg ist rund 600 Meter lang, auf der kurzen Strecke erlebt man entdeckt man Geschichte, verschiedenste Geisteshaltungen und Lebensentwürfe. Während die Gentrifizierung voranschreitet, bleiben alte und kommen neue Menschen – sie formen den Kiez rund um die Admiralbrücke zu einem Mikrokosmos zwischen Bourgeoisie und Brennpunkt. Ein Spaziergang.

Schwäne auf dem Landwehrkanal vor dem Vivantes Klinikum Am Urban: Rund 100 Meter östlich beginnt das Planufer.
Schwäne auf dem Landwehrkanal vor dem Urban-Krankenhaus: Rund 100 Meter östlich beginnt das Planufer. Foto: privat

Friedlich liegt er da, der Landwehrkanal am Urban-Krankenhaus. Schwäne gleiten lautlos über das Wasser, während ich das schwimmende Restaurant Van Loon hinter mir lasse. Vor mir steht eine Eiche, deren orangebraune Blätter müde auf den Schotterweg fallen. Wie Schneeflocken segeln sie leise zu Boden. Auf der Wiese stolzieren einige große, weiße Vögel umher, erwartungsvoll, als wollten sie mich auffordern, in meine Manteltasche zu greifen und mein Frühstück mit ihnen zu teilen.

Nur selten bleibt dieser Abschnitt des Kanalufers, kurz vor der Admiralbrücke, menschenleer. Meist sitzt jemand am Ufer und füttert die Tiere mit Dingen, die ihnen nur vermeintlich guttun. Auch der Wasserqualität helfen die Brotreste kaum. Doch das Schwanenfüttern gehört hier einfach zum Gefühl: ein Ritual, das diese seltsam romantisch-morbide Stimmung erzeugt, zwischen der Eleganz und Anmut der Schwäne und dem wuchtigen Brutalismusbau des Krankenhauses, vor dem die blauen Lichter der Rettungswagen nervös blinken.

Wenig Müll und eine fast selbstverständlich wirkende Ruhe

Auf der Kreuzberger Seite geht das Planufer von der Dieffenbachstraße ab, wo sich der besonders ruhige Teil des nur gut 600 Meter langen Uferabschitts befindet.
Auf der Kreuzberger Seite geht das Planufer von der Dieffenbachstraße ab, wo sich der besonders ruhige Teil des nur gut 600 Meter langen Uferabschitts befindet. Foto: privat

Ich habe leider nur heißen Kaffee dabei. Schwarze Knopfaugen folgen mir aufmerksam, als ich den Uferweg verlasse, um meinen Spaziergang an der Straßenseite des Planufers fortzusetzen. Leuchtend hängt eine Esche über mir, die Sonne macht aus den Baumkronen einen goldenen Bogen, durch den hindurchgehe und dann an der Ecke Dieffenbachstraße stehe, wo das Planufer beginnt.

Mir fällt eine alte Dame mit Rollator auf. Als ich sie anspreche, schaut sie mich leicht erschrocken an, doch ihre Gesichtszüge entspannen sich relativ schnell. Ja, sie wohne am Planufer, sagt sie. Schon lange. Der Ruhe wegen. Zu einem weiterführenden Gespräch habe sie leider keine Zeit.

Jetzt nehme auch ich die Ruhe wahr. Es ist selten, dass ein Ort in Kreuzberg so still und selbstverständlich wirkt. Gegen das Rauschen des Windes in den Bäumen klingt die 112-Sirene in einiger Entfernung fast wie ein Flüstern.

Zudem scheinen die Bewohner:innen hinter den sechsstöckigen, stuckverzierten Gründerzeitfassaden zu wissen, dass es keine nachhaltig kluge Entscheidung ist, seinen Sperrmüll der Einfachheit halber auf den Gehweg zu schmeißen. Ein paar plattgetretene Zigarettenstummel fallen mir auf, und neben der parkenden Vespa am Bordstein: ein paar Glasscherben. Ich will mich gerade freuen, als die Hacke meines Lederstiefels irgendwie abrutscht und leicht in den Boden zu sinken scheint. Verdammt. Es gibt offensichtlich auch Hunde, die sich am Planufer entspannen können.

Gemäß dem Berliner Bezirkslexikon leitet sich der Name „Planufer" von „der Plan“ oder „Wiesenplan“ ab – einer Bezeichnung für eine Wiese, auf der früher Vieh weidete.
Gemäß dem Berliner Bezirkslexikon leitet sich der Name Planufer“ von „der Plan“ oder „Wiesenplan“ ab – einer Bezeichnung für eine Wiese, auf der früher Vieh weidete. Foto: privat

In rund einer Gehminute passiere ich zwei Kindergärten und die Melanchthonkirche. Der protestantische Gottesbau mit hellem Putz und markantem, rechteckigen Turm mit Kreuz wirkt sehr rational und fast ein bisschen zu ernst in der gelösten, schönen Herbststimmung dieses Donnerstags.

Gegenüber der Kirche am Kanal verläuft ein kunstvoll verschlungener, gusseiserner Zaun, der bis zur Admiralbrücke führt. Eine junge Frau mit Kinderwagen spaziert an mir vorbei, ein Mann ohne Jacke mit schwarzen Locken scheint es eilig zu haben. Sein Gesichtsausdruck wirkt angespannt, der schneeweiße Samojede an seiner Seite hingegen läuft betont unangestrengt, leinenlos in einem fast doppelt so schnellen Tempo wie er. Die Schnauze zu einem breiten Hundelächeln verzogen. Im Augenwinkel sehe ich zwei Männer, die sich über die offene Motorhaube einer silbernen Mercedes-S-Klasse beugen. Ich wische die glatte Sohle meines Stiefels an einem Grasbüschel ab, der eine der gusseisernen, alten Straßenlaternen umwuchert.

In diesem Teil von Kreuzberg 36 ist der Protest still und grün geworden

Das Planufer, mit seinem nostalgischen, historischen Flair, begleitet den Landwehrkanal, der im 19. Jahrhundert angelegt wurde, um die Spree zu entlasten. Von der Dieffenbachstraße führt das gerade einmal gut 600 Meter lange Planufer über die Admiral- zur Kottbusserbrücke, wo die Ampel nie lange genug grün bleibt, um ohne Eile hinüberzukommen. Am Maybachufer beginnt dann Neukölln.

Im Straßenabschnitt zwischen Admiral- und Kottbusser Brücke wird das Planufer von Mietshäusern aus der Gründerzeit charakterisiert, die aufgrund ihrer historischen Fassaden teilweise denkmalgeschützt sind. Für diesen optisch „schönen“ Teil und natürlich für die Admiralbrücke, die während warmer Abende Begegnungsort und Kultstätte zugleich ist, ist das Planufer in Berlin bekannt.

Gemäß dem Berliner Bezirkslexikon Friedrichshain-Kreuzberg leitet sich der Name „Planufer“ von „der Plan“ oder „Wiesenplan“ ab – einer Bezeichnung für eine Wiese, auf der früher Vieh weidete.

Hier, zwischen Kreuzberg und Neukölln, begegnen sich Vergangenheit und Zukunft: Zwischen Altbauten der Gründerzeit und sichtbarer Gentrifizierung, in Form hipper Restaurants und gepflegter Vorgärten, neben einer öffentlichen Toilette, die eher als Konsumraum dient, existieren viele Welten nebeneinander. Kreuzberg, einst Arbeiterbezirk und Symbolort für Gegenkultur, Protest, Hausbesetzungen und Subkultur, ist heute ein Bezirk der Kontraste. Am Planufer zeigt sich das besonders deutlich.

Weniger Party People, mehr Familien

Auf halber Strecke, an der Admiralbrücke, liegt an der vierspurigen Kreuzung, wo Admiral-, Böckh- und Grimmstraße auf das Planufer treffen, eine größere Rasenfläche mit Sitzbänken. Ein Infoschild mit dem Titel „Die Wildbiene im Jahresverlauf“ weist sie als gemeinsames Projekt der Deutschen Wildtier Stiftung und der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU) aus. Zwischen Stadtbienen und Urban Gardening ist die Rebellin in diesem Teil von Kreuzberg still und grün geworden.

Wildbienenreservat mitten in Kreuzberg 36: An der vierspurigen Straßenkreuzung, wo vom Planufer die Admiral-, die Böckh- und die Grimmstraße lebt der Mensch mit der Stadtnatur im Einklang.
Im Einklang: An der Böckh- und Grimmstraße befindet sich ein Wildbienenreservat. Foto: privat

Die Stille fällt auch Silvia auf. Die gebürtige Kalabrierin mit dem offenen Lachen und den strahlenden Augen betreibt das Restaurant Terra – Italian Craft Kitchen am Planufer, Ecke Grimmstraße. Ihr Konzept, frische Zutaten aus dem Umland und von kleinen italienischen Betrieben zu Pizza, Pasta und Paninis zu verarbeiten, passt gut zum Kiez. Für das Terra ist es das mittlerweile zwölfte Jahr am Planufer. Silvia erzählt, dass es ihr finanziell gut gehe. „Aber es ist anders geworden seit Corona und insbesondere nochmal innerhalb der letzten zwei Jahre“, sagt sie. „Ruhiger.“ Espressobohnen rasseln laut durch den Trichter der Siebdruckmaschine.

Es gebe mehr Familien im Kiez und junge Leute, „die Geld haben“. Die neue Klientel helfe dem Terra aber nur bedingt. „Familien, die früher drei, vier Mal in der Woche bei mir gegessen haben, kommen jetzt, wenn es hochkommt, vielleicht noch ein- bis zweimal im Monat“, erzählt Silvia. Im Sommer sei die benachbarte Admiralbrücke immer noch ein Ort des Berliner Nachtlebens, erzählt die Gastronomin. „Doch die Party People verschwinden langsam. Früher war es hier wilder, lauter, bis spät in die Nacht.“ Ich frage Silvia nach ihrer Gewerbemiete in dieser beliebten Lage Kreuzbergs. „Meine Staffelmiete ist explodiert, noch geht es, aber mal sehen, wie lange noch“, erzählt sie.

Neben dem Terra steht seit ein paar Jahren ein Toilettenhäuschen auf dem Gehweg. „Geht da überhaupt jemand aufs Klo?“, fragt Silvia, während sie einen italienischen Mandelkeks aus einer Dose nimmt und auf eine Untertasse platziert. „Ich sehe dort nur Menschen, die Drogen konsumieren.“

Eine offene Drogenkabine an der historischen Admiralbrücke, ein paar Meter daneben essen Silvias Gäste ihre Sauerteig-Pizza mit Bio-Burrata.

Das Planufer ist ein Spiegel zweier Welten

Die Admiralbrücke ist eine der berühmtesten Brücken in Berlin. Wenn die Luft lau wird, erwacht am Übergang zwischen zwischen Plan- und Fraenkelufer das Leben und man wähnt sich am schmuddeligen Kanal zwischen musizierenden, feiernden und lachenden Menschen fast an der Pariser Seine. Seit 1882 gibt es die schmiedeeiserne Brücke, die an eine Zeit erinnert, als Ingenieurbauten noch den Anspruch hatten, schön zu sein. An diesem kühlen Herbstdonnerstag ist die „Bierbrücke“, wie Einheimische sie nennen, fast menschenleer. Mit dem Cappuccino von Silvia in der Hand bleibe ich am Rand der Brücke stehen und lasse die Sonnenstrahlen in mich hineinfließen. Zwei Männer fallen mir auf. Einer, in schlichter schwarzer Jacke, steht mit seinem Fahrrad und einer Flasche Bier ein paar Meter von mir entfernt auf der Brücke, den Blick starr Richtung Kotti gerichtet. Der andere schläft am Brückenrand, den Kopf an das Steingeländer gelehnt, neben ein paar Laubsäcken.

Hinter mir bauen ein paar junge Aktivist:innen einen Infostand zum Thema „unbürokratische und kostenlose Einbürgerung und Wahlrecht für alle“ auf. Das politisch Kreuzberg: Da ist es.

Ich unterhalte mich mit einer der Aktivist:innen der Kampagne „PasstunsAllen“ über die Aktion, erzähle ihr von meinem geplanten Artikel, wir tauschen uns über die Stimmung im Kiez um das Planufer aus. Ich erzähle ihr, dass ich im Bergmannkiez wohne und das Gefühl habe, dass mich die schmucken Altbaufassaden hier mehr an Kreuzberg 61 erinnern, zugleich aber der Kotti, arm und roh, so nah ist und diese Wahrnehmung irgendwie abschwächt. „Du hast recht“, sagt die junge Frau türkischer Abstammung. „Es ist krass geworden hier. Auch die Mieten. Aber ich glaube, das Thema Eigentumswohnungen ist hier noch nicht so angekommen wie im Bergmannkiez.“

Horrende Mieten, Verdrängung, Unsicherheit: all das greift ineinander. Am Planufer in Kreuzberg spiegeln sich zwei Welten: jene der Bourgeoisie, die mit der Zeit geht, ohne es böse zu meinen, und jene derer, die womöglich gerne mitgehen würden, aber nicht können.

Die Sonne scheint auf der anderen Seite

Mein Weg führt vorbei am Il Casolare, einem gemütlichen Kiezitaliener, der mit seinen Preisen noch auf dem Boden geblieben ist, und dann weiter entlang dem architektonisch homogeneren Teil des Planufers, in dem man weniger Widersprüche und dafür umso eindrucksvollere Häuserfronten entdeckt.

Ich darf einen Blick hinter die Fassade eines fünfgeschossigen Hauses mit hell verputzter Fassade werfen. Über den Fenstern sehe ich aufwendig gestaltete Stuckverzierungen, florale Ornamente und maskenartige Gesichter. Im Inneren des Gebäudes befindet sich eine Kita, die ich mir anschaue, da die Kita meines Sohnes im Bergmannkiez zum Jahreswechsel leider schließen muss. Wir besichtigen auch den großzügigen, grünen Hinterhof mit Feuerstelle und Trampolin. Die Kitaleitung zeigt auf das Hinterhaus, das dem Spielplatz zu dieser Zeit des Tages großzügigen Schatten spendet. „Hier wird bald Baustelle sein, das sollen teure Eigentumswohnungen werden. Das müssen wir allen interessierten Eltern sagen, denn wir wissen nicht, wie wir den Hof dann noch nutzen und wie krass die Einschränkungen sein werden.“ Die Kita selber befindet sich seit fast 40 Jahren mit altem Mietvertrag im Haus.

Sonnige Stunden sind am Planufer rarer als am gegenüber verlaufenden Fraenkelufer.
Sonnige Stunden sind am Planufer rarer als am gegenüber verlaufenden Fraenkelufer. Foto: Imago/Schöning

Im Petit Paris am Planufer genehmige ich mir einen Café au lait und einen Croque Monsieur mit Camembert und Walnüssen und lerne Magnus kennen. Bis vor einigen Monaten betrieb er nebenan die Bäckerei Brodstätte. Es waren nicht die horrenden Gewerbemieten am Planufer, die dem 47-jährigen unternehmerisch zum Verhängnis wurden, erzählt er mir. Diese seien nämlich gar nicht so horrend. Julien, der Inhaber des Petit Paris, bestätigt mir, dass er mit seiner Miete für Quadratmeterzahl und Lage ganz zufrieden sei. „Geschäfte auf dieser Seite des Ufers und in diesem Abschnitt haben es schwer. Denn die Laufkundschaft fehlt. Die Sonne scheint auf der anderen Seite des Kanals“, erzählt Magnus. Die Stühle vor Juliens gemütlichem Café mit französischem Charme sind an diesem frühlingshaften, sonnigen Mittag schattig und leer.

Das Café Mugrabi, ehemals in der Nähe des Görlitzer Parks beheimatet, will es trotzdem hier versuchen. Das Kultrestaurant mit israelisch-levantinisch inspirierter Küche hat seinen Standort an das Planufer verlegt. Magnus’ Brodstätte ist leider Geschichte, jetzt „hilft er seinen Freunden vom Mugrabi dafür bei der Renovierung.“ Am 9. November wurde die Eröffnung gefeiert.

Am östlichen Ende des Planufers befindet sich der Fuchsbau, eine beliebte Kreuzberger Café-Kneipe, in der die Nächte oft lang werden. Danach hat man die Wahl: Scharf rechts und lieber schick und schön in der Graefestraße oder lieber sozial durchmischt, schmuddelig, aber sympathisch, am Kottbusser Damm? Ich entscheide mich für keines von beidem und will mich gerade auf dem Absatz umdrehen, als mein Blick aber noch für einige Sekunden an der Kottbusser Brücke hängen bleibt. Romantisch-morbide ist dieser Anblick allemal. Das melodische Geschrei der Möwen, die aufgeregt über der Ankerklause kreisen, mischt sich in das gleichmäßige Surren der Automotoren. Magnus hat Recht behalten: Ich habe mehr Lust, meinen Rückweg auf der anderen Seite, dem Fraenkelufer, anzutreten. Schön waren sie, diese zweieinhalb Stunden am Planufer. Aber die Sonne fehlt mir.


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