Kommentar

AstraZeneca-Impfungen ausgesetzt: Berlins Corona-Dilemma

Jens Spahn hat den AstraZeneca-Impfstoff vorläufig aus dem Verkehr gezogen, nach sehr vereinzelten, aber schweren Komplikationen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung. Die Entscheidung ist leider richtig. Und ein Desaster auch für Berlins Impfstrategie. Die Kettenreaktion wirft uns alle zurück in der Pandemie-Bekämpfung. Jetzt kann es nur heißen: Schütze sich, wer kann. Ein Kommentar von Erik Heier.

UPDATE: Laut „Tagesspiegel“ verzichtet der Senat vorerst auf den für den 22. März geplanten nächsten Öffungsschritt. Weitere Beratungen am Freitag.

Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca sind vorerst ausgesetzt (Symbolbild). Foto: Imago/MiSFoto: Imago/C3 Pictures

Das ist eigentlich ein gutes Zeichen. Die verantwortlichen Politiker hören auf die Wissenschaftler. Reagieren auf Warnungen. Schnell, konsequent. Und ziehen den AstraZeneca-Impfstoff nach einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts, der deutschen wissenschaftlichen Instanz für Impfstoffe, aus dem Verkehr.

Es wäre nur schön, wenn die Politik nicht nur beim Impfstoff auf die überwiegende Wissenschaftler*innen-Expertise hören würde. Sondern auch bei der Frage, wann wie gelockert werden kann. Und wann eben besser nicht. Und das ist das eigentliche Problem.

Sieben schwere Komplikationen auf 1,6 Millionen Impfungen

Unter 1,6 Millionen Deutschen, die mit dem Vakzin von AstraZeneca bisher geimpft wurden, sind in sieben Fällen schwere Komplikationen aufgetreten. Die sogenannte Sinusvenenthrombose, das sind Blutgerinnsel im Gehirn, kann tödlich verlaufen. Es sind absolute Ausnahmefälle. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt das Weiterimpfen.

Viele Medikamente können bekanntlich schwere Nebenwirkungen haben. Guckt eigentlich noch jemand auf die Beipackzettel?

Die Nebenwirkungen des Impfstoffs schnell zu prüfen, ist trotzdem verantwortungsvoll und richtig und wichtig. Hoffentlich geht es schneller, als man das so von den Behörden gewohnt ist.

AstraZeneca-Impfungen ausgesetzt: Kettenreaktion mit Ansage

Man möge sich ja mal vorstellen, der Bundesgesundheitsminister hätte am 15. März die Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts ignoriert. Die Schlagzeilen waren vermutlich schon im Stehsatz: „Spahn impft trotz Risiko weiter!“ oder so. Darauf hat der „Welt“-Journalist Robin Alexander am Montag bei „Hart aber fair“ hilfreicherweise hingewiesen. Der gute Mann weiß, wovon er redet. Er arbeitet für Springer.

Die deutsche Notbremse war eine Kettenreaktion mit Ansage. Nach und nach hatten europäische Länder vorher nach Berichten über einzelne Komplikationen den Impstoff vorläufig gestoppt. Man kann nur hoffen, dass die Impfstoff-Prüfung der Wissenschaftler*innen schnell zu einem Resultat kommt. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach, der bestinformierteste Gesundheitspolitiker des Landes, glaubt, es werde einen Zusammenhang zwischen Impfstoff und Komplikationen geben. Er rät trotzdem, dann weiter zu impfen.

Das Einzelfall-Risiko, Impfschäden durch den Piks zu erleiden, scheint, nach allem, was wir wissen, rein zahlenmäßig in keinem Verhältnis zum Risiko zu stehen, an Covid-19 zu erkranken und einen schweren Verlauf zu erleiden.

Umkehrschub bei Berlins Impfstrategie

Auch für Berlins Impfstrategie ist der – wenn auch hoffentlich nur zeitweise – Ausfall des AstraZeneca-Impfstoffs ein schwerer Rückschlag. Denn damit bricht die Strategie, demnächst Hausärzt*innen in die Impfungen mit einzubeziehen, den stotternden Impfmotor endlich in Schwung zu bringen, vorerst zusammen. Im Gegensatz zum Biontech-Impfstoff kann das AstraZeneca-Vakzin bei Kühlschranktemperatur gelagert werden.

Neben Senior*innen sollten jetzt eigentlich auch Lehrer*innen, Pflegekräfte und Obdachlose immunisiert werden. Vorbei, vorläufig. Die Impfzentren Tegel und Tempelhof wurden geschlossen. Menschen mit Impftermin nach Hause geschickt.

Statt Impfschub droht nun der Umkehrschub. Eine mittlere Katastrophe.

Kommunikations-Dilemma um AstraZeneca: Impfstoff zweiter Klasse?

Selbst wenn der AstraZeneca-Impfstoff (hoffentlich schnell!) wieder zugelassen wird: Das Kommunikations-Dilemma um dessen Wirksamkeit ist komplett. Von „wirkt toll“ über „nicht für Über-65-Jährige“ und „70 Prozent Wirksamkeit“ bis zu „Wirkt ja doch super“ bis zu „Stopp“: alles dabei. Man muss kein Impfgegner sein, um dabei zum Impfskeptiker zu werden. Das hässliche und falsche Wort vom „Impfstoff zweiter Klasse“ geht nicht mehr aus den Köpfen raus.

Sieben schwere Komplikationen auf 1,6 Millionen Impfungen in Deutschland, das ist schlimm. Aber jeden Tag sterben mehrere hundert Menschen an oder mit dem Virus. Irgendetwas stimmt da nicht der Risikoabwägung in Politik und Gesellschaft. Großbritannien impft übrigens trotz der Einzelfälle mit voller Kraft weiter.

Aber Scheiß drauf, erst mal in den Flieger nach Malle steigen! Wie groß war noch mal die Thrombose-Gefahr bei Flügen?

AstraZeneca-Impfungen gestoppt: Was wird aus den Lockerungen?

Wer noch an das Impfangebot glaubt, das Angela Merkel und Jens Spahn allen Deutschen bis Ende des Sommers gemacht haben wollten, muss ein ziemlicher Optimist sein.

Würde die Politik beim Thema Lockerungen jetzt so konsequent auf die überwiegende Wissenschaftsmeinung hören wie gerade bei der Impfstoffentscheidung, müsste sie sofort die Lockerungen bis Ostern absagen, und zwar schnell. Dürfte vorerst nicht die Schulen weiter öffnen, müsste den Lockdown eigentlich sogar verschärfen. Das hat zum Beispiel der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, gefordert. Er macht sich große Sorgen um die Belegung der Intensivbetten.

Denn derweil rollt die dritte Welle auf uns zu, unbarmherzig, steigen die Infektionszahlen immer weiter auf die von Bund und Ländern definierte Grenze von 100 Infektionen auf 100.000 Einwohnern zu, ab der auch die jetzigen vorsichtigen Lockerungen eigentlich wieder zurückgenommen werden müssten. Wir sind jetzt bereits Berlin-weit bei über 70.

Und wer weiß, welche Mutation mit den steigenden Zahlen als nächstes um die Ecke kommt.

12 mögliche Ausreden, warum die Lockerungen nicht gecancelt werden

Die Frage ist nun: Werden die politisch Verantwortlichen tatsächlich diese Notbremse ziehen, wenn es so weit ist, die 100er-Grenze überschritten ist? Ist dieser politische Mut überhaupt noch da? Es gibt ja so viele Gegenargumente, die man sich so vorstellen kann:

  • Wir dürfen nicht nur auf die Zahlen schauen!
  • Wir testen jetzt ja viel mehr!
  • Aber das Superwahljahr!
  • Aber die Wirtschaft!
  • Und die Impfungen werden sicher bald weitergehen. Und richtig anlaufen!
  • Die 80-plus-Gruppe ist ja schon geimpft!
  • Das Auf-zu-auf-zu kann man den Leuten nicht mehr vermitteln!
  • Aber Henrik Streeck/Klaus Stöhr/Jonas Schmidt-Chanasit sagt doch…
  • No Covid ist Linksradikalismus!
  • Wir dürfen den Leuten nicht auch noch Ostern/Pfingsten/den Sommer/die Herbstferien verbieten!
  • Man muss den Schnauze-voll-Leuten auch mal zuhören!
  • Wir sind die Pandemie doch auch leid.

Das sieht alles leider gar nicht gut aus.

Die fehlende Konsequenz der Politik

Es ist eine politische Kettenreaktion, die da auf uns zurollt. Eine bittere Folge aus fehlender Konsequenz, dass sich die Politik im Spätherbst, im November, im Februar nicht an die eigenen Vorgaben gehalten hat. Die Grenzwerte von Inzidenzen ständig willkürlich verschoben hat, die selbst ja schon willkürlich waren, 50, 25, dann wieder 50, und 100. Und die weder bei den Produktion der Impfstoffe noch von den Schnell- und Selbsttests im vergangenen Sommer vorausschauend die notwendigen Produktionskapazitäten aufgebaut hat. Man hätte auch da vielleicht mal besser auf Karl Lauterbach gehört.

Jetzt wäre eine richtige Testoffensive sowas von nötig. Nur sind dafür leider Andy Scheuer und Jens Spahn zuständig. Der Verkehrsminister und der Gesundheitsminister. Das Albtraumduo.

Aber es hilft ja alles nichts. Jetzt kommt aus auf uns alle an, jeden einzelnen. Es gilt das alte Seefahrer-Motto in Paraphrase: Schütze sich, wer kann. Abstand halten, verantwortungsvoll sein, mitdenken, Risiken kühl beurteilen. Menschenmengen meiden. Die Auswirkungen auf die eigene Psyche gegen das Infektionsrisiko abwägen. Raus an die frische Luft. Allein. Mit Wegebier oder ohne. Egal.

Und alles tun, um gesund zu bleiben. Noch ein bisschen länger als ohnehin schon. Wir werden diese Pandemie in den Griff kriegen. Es dauert nur halt noch etwas länger.

UPDATE Dienstag, 16.3., 13.30 Uhr: Laut „Tagesspiegel“ hat der Senat auf seiner heutigen Sitzung den nächsten geplanten Öffnungsschritt, der am 22. März erfolgen sollte, ausgesetzt. Danach sollten unter anderem die nächsten Schulklassen in den Präsenzunterricht zurückkehren. Weitere Beratungen seien für den Freitag angesetzt.


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