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Kommentar

Attila Hildmanns Radikalisierung: Erst Ermittlungen, jetzt Demo-Verbot

Erst war der vegane Koch und Unternehmer Attila Hildmann exzentrisch, dann etwas schräg und peinlich, längst ist er unangenehm, wenn nicht sogar gefährlich. Als wortgewaltiger Redner und Verschwörungstheoretiker mischt er die rechte Szene auf. Was hat ihn bloß so ruiniert?

Inzwischen wird gegen ihn ermittelt, Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) hat entsprechend die für Samstag angemeldete Demonstration Hildmanns verboten. Zwar sei Versammlungs- und Meinungsfreiheit ein hohes Gut – mögliche strafbare Äußerungen stünden diesem aber entgegen. Aber wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Die Geschichte einer Radikalisierung.

Der Vegan-Koch Attila Hildmann bei einer Kundgebung im Regierungsviertel.
Der Vegan-Koch Attila Hildmann bei einer Kundgebung im Regierungsviertel. Foto: Imago/Mike Schmidt

Groß wurde Attila Hildmann mit „Vegan for Fun“ – der Spaß ist vorbei

Attila Hildmann tauchte im tip erstmals im Gastro-Ressort auf. Sein Kochbuch „Vegan for Fun“, das 2012 erschien, brachte ihn ins Gespräch. Es folgten Fernsehauftritte, Hildmann wurde zum umtriebigen Lobbyisten der veganen Ernährung. Es gab mehr Bücher, die sich rasend verkauften und dazu eine Produktlinie mit veganen Lebensmitteln. 2017 eröffnete er ein Lokal in Charlottenburg, ein weiteres, mittlerweile wieder geschlossenes, gab es in Kreuzberg.

Er war ein Star der veganen Lebensweise, als Stadtmagazin konnte der tip sich anfangs mit dem 1981 geborenen Berliner gut arrangieren. Seine bizarren Auftritte gehörten irgendwie dazu, doch bald wurden sie peinlich. So kam Hildmann 2017 auf Platz 1 der Liste mit den „Peinlichen Berlinern“, die der tip jährlich veröffentlicht. Anlass war damals ein PR-Stunt, für den er ein Kälbchen vor geladene Journalisten zerrte und seine Kritiker aufforderte, das Tier mit einem Küchenmesser zu schlachten.

Seine Reaktionen auf Kritik wirkten kindisch, er beschimpfte eine „Tagesspiegel“-Redakteurin, drohte, erteilte Hausverbote. Schon damals war Hildmanns Radikalisierung in vollem Gange, aber noch konnte man sie unter Tierschutz und Vegan-Aktivismus abbuchen. So ähnlich vielleicht, wie die extremen Aktionen der Tierschutzorganisation PETA.

Die Welt der Gastronomie reicht Hildmann nicht mehr

Doch die Welt der Gastronomie und Ernährung reichte dem erfolgreichen Koch, Buchautor und Unternehmer nicht. Er verlagerte seinen Fokus auf das Große und Ganze. Er wollte alles. Als ihn 2018 die Polizei abführte, weil er einen Strafzettel wegen Falschparkens bekommen sollte, und er daraufhin ausflippte, verkündete er in den sozialen Medien: „Niemand wird mich brechen. Irgendwann regiere ich dieses Land.“

Hildmann drehte sich immer tiefer in eine krude Gedankenwelt hinein. Seine Ideen wurden verwirrender, er verbreitete Verschwörungstheorien, stilisierte sich zum Anführer einer Protestbewegung und bekam Beifall aus der rechtsradikalen Szene. Er fantasierte von einer Armee, die er aus dem Untergrund anführen wird, zu einer Schlacht an derem siegreichen Ende er, Attila Hildmann, Reichskanzler der Deutschen wird.

Die Corona-Pandemie brachte ihm neue Aufmerksamkeit. Bei den Hygiene-Demos, die sich gegen die Corona-Maßnahmen richteten, wurde Hildmann zum wortgewaltigen Redner. Neben Ken FM und Xavier Naidoo befeuerte er die deutschlandweite Szene von Verschwörungstheoretikern, Corona-Skeptikern, Reichsbürgern und sonstig verwirrten, die meinen, alles besser zu wissen, als die von den gleichgeschalteten Medien betäubten „Schlafschafe“. Also der Rest der Bevölkerung.

Als Reichskanzler würde Hildmann die Todesstrafe verhängen

Zuletzt wütete Hildmann gegen den Grünen-Politiker Volker Beck und erfüllte mit der Aussage: „Wenn ich Reichskanzler wäre, dann würde ich die Todesstrafe für Volker Beck wieder einführen, indem man ihm die Eier zertretet auf einem öffentlichen Platz“, vermeintlich den Tatbestand der Morddrohung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Das ist auch der Grund, warum Berlins Innensenator Andreas Geisel aktuell Demos von Hildmann verbieten lässt: „„Das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit ist ein sehr hohes Gut unserer Demokratie – wer es aber ausnutzt, um mögliche strafbare Äußerungen zu tätigen, und die Würde anderer Menschen mit Füßen tritt, dem wird der Rechtsstaat entschieden entgegentreten“, sagte er laut „B.Z.“.

Was ist da nur passiert und wie kommt es, dass ein türkischstämmiger Junge, der adoptiert und von deutschen Eltern aufgezogen wurde, der Karriere machte und sich seine Träume erfüllte, so hasserfüllt durchs Land zieht und die Grundfesten der Demokratie und auch der Vernunft untergräbt und anzweifelt?

Man könnte mit einer psychologiesierenden Ferndiagnose an die Sache herangehen, ihm Größenwahn, ein fragiles Ego, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und sonstige Psychosen attestieren. Doch das wäre alles Spekulation. Auch wenn es schon spannend wäre zu verstehen, wie aus einem jungen Mann mit migrantischen Wurzeln, der in einer nicht-migrantischen Welt aufgewachsen ist, zunächst ein radikaler Verfechter der veganen Ernährung wurde, der sich dann zum wahnhaften Agitator entwickelt hat.

Der Autor ist der Redaktion bekannt, hat aber keine Lust auf Beschimpfungen und Drohungen und bleibt daher anonym.


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