Kommentar

Deutschland sucht ein Atommüll-Endlager. Wie wäre es mit Berlin?

Berlin als Endlager, warum auch nicht, denn wohin nur mit dem radioaktiven Abfall in Deutschland? Gorleben soll nach jahrzehntelangem Streit nun doch kein Endlager werden. Ein neuer Ort muss her. In einem Zwischenbericht der Bundesanstalt für Endlagerung tauchen auch Berlin und Brandenburg auf. Spandau und Reinickendorf würden sich theoretisch eignen, weil sie über günstige geologische Bedingungen verfügen. Nur her mit dem nuklearen Müll! Ein Kommentar von Jacek Slaski.

Endlager Berlin – So könnte es demnächst aussehen. Atommüll vor dem Brandenburger Tor.
Endlager Berlin – So könnte es demnächst aussehen. Atommüll vor dem Brandenburger Tor. Foto: Imago/Hohlfeld

Für eine Million Jahre soll das ganze verseuchte Zeug irgendwo verscharrt werden und im Abgrund vor sich hin strahlen. Die Leute in Gorleben protestierten seit den späten 1970er-Jahren gegen das Endlager, ein Zwischenlager für Atommüll mussten sie dulden. Die Anti-Atom-Proteste bewegten Generationen. Aus Berlin kamen Unterstützung und Solidaritätsbekundungen. Man findet Atomkraft hier blöd, wähnte sich aber selbst weit weg von dem Problem.

Bis jetzt. In einem Bericht, der der Frage nachgeht, wo sich überhaupt so ein Endlager befinden könnte, haben Wissenschaftler zahlreiche Gebiete ausfindig gemacht, die zumindest geologisch geeignet wären. Darunter auch Berlin und Brandenburg. Her damit. Warum denn nicht? Die Berliner verbrauchen eine Menge Strom, die radioaktiven Materialen müssen irgendwo hin. Sie sollen laut offiziellen Angaben sicher gelagert werden und keine Gefahr für die direkte Umgebung darstellen.

Ein Atommüll-Endlager in Berlin ist vermutlich Unsinn, aber warum soll das Zeug woanders hin?

Das ist vermutlich Unsinn, aber warum soll das Zeug woanders hin? Irgendwo anders leben auch Menschen und wenn es irgendwo endgelagert werden soll, wo keine Menschen leben, dann leben dort Wanderfalken, Luchse oder die Ackerhummel. Niemand will ein Endlager in seiner Nachbarschaft haben, ich auch nicht. Atomkraft ist Mist, Atommüll ist Mist. Ganz klar.

Aber die „Not in my backyard“-Haltung nervt. Mir ist schon klar, das Zeug wird nicht nach Berlin kommen. Der Protest wäre ungeheuer, und vermutlich würde es selbst den Leuten von der CDU und FDP, die Atomkraft gar nicht mal so blöd finden, unwohl werden bei dem Gedanken, dass da Brennstäbe unter der Schule ihrer Kinder glimmen.

Deutschland hat lange von der Atomkraft profitiert

Wenn ich sage, her mit dem Atommüll, dann will ich, dass man sich dem Problem stellt. Dass man die gesellschaftlichen Konsequenzen erkennt und Verantwortung übernimmt, statt nur „hier nicht!“ zu schreien. Deutschland hat lange von der Atomkraft profitiert, vor allem die Konzerne, aber auch die Industrie und letztlich auch die Endverbraucher.

Die Politik nahm den AKW-Betreibern die Drecksarbeit ab, ließ sie Milliarden verdienen. Und nun haben wir den nuklearen Salat. Die Devise ist klar: Weg mit dem Müll, möglichst weit weg, irgendwo nach Thüringen am besten oder nach Mecklenburg-Vorpommern, ah nee, da steht ja das Sommerhaus. Also was nun? Klammheimlich denken wahrscheinlich viele, warum nicht ins Ausland verfrachten, nach Afrika oder Asien oder im Ozean versenken? Das ist ethisch zwar unter aller Kanone, doch damit wäre die Sache geritzt. Tja, das geht nicht und das ist auch gut so.

Deshalb sage ich: Endlager Berlin!

Es gibt keine richtige Lösung, es gibt keinen richtigen Ort, gegen den nicht jemand protestieren würde. Gegen den geklagt würde, wo ein Problem nicht auftauchen würde und dann noch eins und dann noch eins. Das Wendland ist im Vergleich zu Berlin dünn besiedelt, und doch fanden sich dort Unmengen an Gründen, weshalb es dort ein Endlager nicht geben durfte.

Deshalb sage ich: Endlager Berlin! Am besten die gelben Fässer irgendwo in Spandau deponieren. Das erhitzt nebenbei noch den alten Zwist zwischen den Spandauern und den Rest-Berlinern. Und wie der Ur-Spandauer mit Anti-Atomkraft-Flagge auf die Barrikaden geht, das würde ich schon gerne sehen. Wäre die ganze Sache nicht so tragisch und verfahren, dann wäre sie irgendwie lustig.


Mehr Politik:

Fridays for Future und der Klimastreik: Warum braucht es all das überhaupt noch? Die Pop-up Radwege in Berlin sind ein Beitrag zu einer klimagerechteren Stadt. Nach einer Klage der AFD stehen sie jetzt aber vor dem Aus. tip-Berlin Autorin Xenia Balzereit fodert: Lasst die Pop-up-Radwege in Ruhe!

Auf der Fridays for Future-Demo hielten sich alle Protestierende an die Abstandsregeln, in vielen Kneipen und Parks sieht das ganz anders aus. Corona ist in Berlin immer egaler und Verbote daher nur eine Frage der Zeit, fürchtet unser Autor Sebastian Scherer.

Mehr über Cookies erfahren