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Karl Marx: Warum er heute in Berlin für viele noch Idol ist

Im Deutschen Historischen Museum hat die Schau „Karl Marx und der Kapitalismus“ begonnen, die den Philosophen vor der Kulisse des 19. Jahrhunderts betrachtet. Aber was sagt er den heutigen Menschen? Begegnungen mit einem Wissenschaftler, einer Fahrradkurierin und einem ehemaligen DDR-Oppositionellen.

Sozialistische Nostalgie: das Marx-Engels-Forum in Berlin-Mitte – mit der Kuppel des Berliner Doms im H. Foto: Imago/ YorkBerlin/Shotshop

Im Deutschen Historischen Museum wird Marx’ Vermächtnis zugänglich

Sein Vermächtnis wird vom einstigen Parteiverlag der SED herausgegeben. Dort wird ein Objekt gepflegt, das Grundinventar der DDR war. Die Rede ist von der 45-bändigen Studienausgabe des Werks von Karl Marx. Ergänzt um die Schriften seines Busenfreunds und Mäzens, des Industriellensohns Friedrich Engels.

„MEW“ heißt das Ganze im kennerhaften Kürzel, „Marx-Engels-Werke“ lautet der Buchtitel für Menschen mit Geduld – herausgegeben vom Karl Dietz Verlag, der einmal im sozialistischen Staatsbesitz war. Zu bestaunen sind darin Ideen, die den Weltlauf verändert haben. Jeweils knapp 1,90 Regalmeter misst eine Gesamtausgabe, sie kostet 900 Euro.

Drei Millionen Bände dieses Kompendiums gab es weltweit allein vor dem Zusammenbruch des Ostblocks. In der DDR waren diese Heiligen Schriften in Parteibüros, volkseigenen Betrieben und Bibliotheken aufgestellt.

Heute ist diese Publikation vor allem Symbol für ein Erbe, um dessen Deutung heftig gestritten wird. Fest steht: Karl Marx ist Beispiel dafür, wie Theorien eine neue Realität hervorbringen. Die Arbeiterbewegung, den Sozialismus – aber auch Gewaltherrschaften in der Sowjetunion, oder, zwischen 1949 und 1990, im Osten Deutschlands.

Marx war Philosoph, Ökonom und Salonlöwe. Im Jahr 1818 erblickte er in Trier das Licht einer Gesellschaft, deren Motor die Industrialisierung war. Was sagt uns dieses Fossil, das das kapitalistische System stürzen wollte, heute noch?

2018 jährte sich sein Geburtstag zum 200. Mal. In der Republik wurden dabei allerlei Festspiele gegeben, von TV-Dokus bis zur Enthüllung einer tonnenschweren Bronzestatue in seiner Geburtsstadt. Nun rückt der Chefdenker mit dem ikonischen Bart erneut in den Fokus. Im Deutschen Historischen Museum startet die Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ – eine Schau, die Marx fürs große Publikum zugänglich macht.

Karl Marx und seine unverwüstliche Prominenz

Die Heilige Schift der DDR: die Marx-Engels-Werke. Foto: Dietz Verlag

Ingo Stützle, 46, betreut ebenjene „Marx-Engels-Werke“, die das Schaffen des Gesellschaftskritikers kompilieren – und deren Verkaufszahlen Pegelstände dafür sind, wie angesagt Marx ist. Stützle, ein Politikwissenschaftler mit Doktorgrad, sagt über die öffentliche Wahrnehmung: „Immer wenn es Krisen gibt, wird Marx hervorgeholt.“

So sind die Auflagen der „Marx-Engels-Werke“ nach dem Börsencrash 2008/09 gestiegen, nachdem der Klassiker zuvor Staub fing. Der herausgebende Karl Dietz Verlag residiert am Sitz des „Neuen Deutschlands“, diesem modernistischen Nachkriegsbau, wo auch immer noch die einstige Kaderzeitung „ND“ hergestellt wird – heute Leitmedium für Wähler der Linken, herausgegeben von einer Genossenschaft.

Das Marx-Revival dauert seither an. Zwischen 2.500 und 3.000 Bände der „Kapital“-Ausgabe aus den „Marx-Engels-Werken“ werden jährlich verkauft. Für wissenschaftliche Hardcore-Kost sind das beachtliche Zahlen.

Stützle selbst, aufgewachsen in Stuttgart, war in den 90ern ein Antifa-Aktivist, außerdem studierte er an der FU in Berlin. Irgendwann hat er angefangen, Texte des berühmten Zausels zu lesen. Später wurde er Redakteur der linken Monatszeitung „ak – Analyse & Kritik“. Dieser Bergarbeiter im Steinbruch des Marxismus sagt: „Marx liefert noch immer die besten Erklärungen dafür, warum die kapitalistische Wirtschaftsweise rücksichtslos gegenüber Mensch und Natur ist.“

Karl Marx und der linke Gesellschaftstrend

Solche Gedanken kommen an in einer Zeit, deren Weltlage das Gefühl verbreitet, dass die herrschende Wirtschaftsordnung an ihre Grenzen stößt. Ob es nun um Oligopole von Internetkonzernen wie Amazon oder Google geht, den Klimawandel oder rechtspopulistische Bewegungen.

In Lesezirkeln flirten Marx-Entdecker:innen deshalb mit der Revolution – etwa in Zoom-Konferenzen der Rosa-Luxemburg-Stiftung, deren Teilnehmer:innen sich unter professioneller Anleitung über das Opus Magnum „Das Kapital“ beugen. Mehr als ein halbes Dutzend solcher Kurse laufen dort. Dutzende harren auf Wartelisten aus.

Solche Empirie illustriert das akademische Interesse an Marx. Hinzukommt sein Stellenwert in Deutschland als museale Figur und ewiges Denkmal. In der ZDF-Aktion „Unsere Besten“ ist Karl Marx schon 2003 auf Platz drei hinter Konrad Adenauer und Martin Luther gewählt worden. Eine repräsentative Umfrage hat vor Kurzem ergeben, dass 62 Prozent der 16- bis 24-Jährigen finden, dass Marx heutzutage noch relevant ist.

In den USA, deren wilde Marktwirtschaft der Gegenpol zu kommunistischer Utopie ist, verströmen Popstars klassenkämpferischen Geist. So zirkulierten im Frühjahr 2020 von Britney Spears vielsagende Memes; auf den Bildern schwenkt die Mainstream-Sängerin eine rote Fahne oder schmökert im „Kapital“. Zuvor hatte sie auf Instagram einen Beitrag mit einem linken Zitat veröffentlicht.

Stützle, der Fachmann, bringt Teile der „Marx-Engels-Werke“ auf einen zeitgemäßen Stand. Er bereinige Publikationen um stalinistische Inhalte. So ist 2018 ein runderneuerter Band 44 erschienen – etwa mit einem Vorwort, das kein Propaganda-Sprech mehr ist. Zurzeit überarbeitet er Band 21 und 45. Ergänzt wird dieses traditionelle Programm um Epigonentum aus demselben Verlag – versehen mit knalligen Covern. Darunter sind didaktische Begleitbücher aus der Reihe „PolyluxMarx“ oder Kapitalismuskritik à la „Marx und die Roboter“. Denn in der Arbeitswelt 4.0 stellt sich die soziale Frage neu.

Die Arbeiterklasse der digitalen Epoche in Berlin

Wer den Zorn des Proletariats erleben will, spricht deshalb am besten mit Menschen, die die Arbeiterklasse der digitalen Epoche passgenau verkörpern. Die Werktätigen des industriellen Zeitalters haben noch in stickigen Fertigungshallen geschuftet, erst an den Webstühlen der Textilmanufakturen, später an den Fließbändern der Fabriken.

Wer heute ausgebeutet wird, macht oft Kärrnerarbeit für Internetkonzerne und Share-Economy-Firmen.

Ein Sinnbild dafür war 2021 der Arbeitskampf von Ridern des Lieferdienstes Gorillas – jenem Berliner Startup, dessen radelnde Kolonnen den Leuten im Eiltempo frische Lebensmittel vor die Tür liefern. Der Streik von Kurier:innen endete dort mit deren Entlassung. Mittlerweile hat sich ein Betriebsrat gebildet, dessen Existenz der CEO Kağan Sümer dulden muss, nachdem er vergeblich vor Gericht geklagt hatte. Lauter Dinge, die das Boom-Geschäft der Bring-Services suspekt erscheinen lassen. 

Diese eilende Fahrradkurierin in Berlin, die vermutlich schlecht bezahlt ist, hätte Karl Marx heute womöglich als Proletarierin identifiziert. Foto: Imago/T. Seeliger/Snapshot

Eine Kurierin, die für einen Lieferdienst über chaotische Verkehrswege rast, lobt den heroischen Marx, dessen Furor schon ein paar Jahre alt ist. „Seine Kapitalismuskritik ist noch immer brillant und bahnbrechend“, schwärmt sie. „Die Grundstruktur des Kapitalismus, die er beschrieben hat, hat sich pervertiert.“

Um keine Repressalien zu erleben, verschweigt die studierte Frau, die Expat ist, ihren Namen. Seit 2014 wohnt sie in  Berlin.

Im Zusammenhang mit ihrem Job spricht die Lieferantin von steilem Top-Down-Management und Lohndiebstahl. Inzwischen hat sie sich mit Kolleg:innen in Interessensvertretungen verbündet. Sie erhebt am 1. Mai ihre Stimme und nahm an einer Kundgebung der „Aktion gegen Arbeitsunrecht“ teil, einer NGO, die sich für die Rechte von prekär Beschäftigten einsetzt.

„Mindestlohn für einen gefährlichen Job“, so umschreibt sie die knauserige Gehaltstüte für das Stakkato ihrer Touren. Auf den Etappen müssen die Radler:innen ihr Werkzeug, ob Rad oder Handy, übrigens selbst stellen.

Marx und die kommunistische Gewaltherrschaft

Diese Genossin, die mit Karl Marx sympathisiert, zweifelt allerdings an dessen politischer Lösung für gesellschaftliche Unwuchten: der Eroberung des Staatsapparats. Das habe, historisch betrachtet, zu der Notwendigkeit eines extremen Autoritarismus geführt.

„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, so dröhnt es im „Kommunistischen Manifest“. Aber führen derlei Parolen zu einem Paradies, deren Bewohner:innen von ihren Ketten befreit sind? 

Tom Sello, 64, lebte in der ummauerten DDR, deren geistiger Pate der omnipräsente Marx war – gemeinsam mit dem realpolitischen Geburtshelfer des Kommunismus, dem skrupellosen Wladimir Iljitsch Lenin. Dieser Machmensch hatte bekanntermaßen die Diktatur des Proletariats nach der russischen Revolution von 1917 erstmals zum Staatsmodell gemacht.

Tom Sello, ehemaliger DDR-Oppositioneller aus Berlin, kann man mit Karl-Marx-Kult wenig anfangen. Foto: BAB/Oana Popa

Sello, ein ehemaliger DDR-Oppositioneller, den die Stasi verfolgte, ist herute der Berliner Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Mit Blick auf die Marx-Renaissance warnt er vor „jeglichen Ideologen, die das Heil versprechen“.

Der Amtsträger ist ein Typ vom Schlage Wolf Biermanns, dem knorrigen Liedermacher, der in den 70ern aus der DDR ausgebürgert worden ist – und bis heute Partisanen-Kult verabscheut.

Sellos erster Kontakt mit dem Großtheoretiker Karl Marx war die Begegnung mit einer verkitschten Figur in einem erzieherischen Werk. „Mohr und die Raben von London“ lautete das indoktrinierende Buch, das er als Schuljunge gelesen hat. Darin wird der historische Marx des mittleren 19. Jahrhunderts zum väterlichen Freund idealisiert. Hemdsärmelig kümmert er sich während seiner Jahre im industrialisierten London um die Nöte einer verarmten Familie. Die „Mohr“ wird Marx wegen seiner schwarzen Kopf- und Barthaare genannt – ein Beispiel für damaligen Alltagsrassismus.

Karl Marx und das spätere Leid der Diktatur

„Marx hat eine vielfach treffende Analyse der kapitalistischen Verhältnisse seiner Zeit geliefert “, würdigt Sello heute die intellektuelle Leistung des linken Superstars. Zugleich relativiert er: „Um die heutigen Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden, braucht es Marx nicht.“

Sello ist gezeichnet vom Leid in einer Diktatur, die sich auf den großen Spiritus Rector berufen hat. Mauertote, ein perfides Überwachungssystem, die erzwungene Anpassung an ein sakrosanktes Gesellschaftsmodell.

Die Lesarten des Marx’schen Œuvres sind somit immer auch von den Biografien der Rezipient:innen geprägt.

Für Opfer kommunistischer Experimente ist er eine zwiespältige Figur, für linke Intellektuelle wie den Marx-Exegeten Ingo Stützle ein Faszinosum – und für Menschen wie die Kurierin noch immer Anwalt für soziale Gerechtigkeit.

Wer sich ein eigenes Bild machen will, kann nur eins tun. Selbst das Werk dieses Denkers zu studieren.


Mehr zu Karl Marx und seinen Spuren in der Gegenwart

In Neukölln ist die zentrale Einkaufsstraße nach Marx benannt. Eine Reportage über den Wandel der Karl-Marx-Straße, der Schlagader im ehemaligen Arbeiterstadtteil, findet ihr an dieser Stelle. 2017 hat der Regisseur Raoul Peck dem Sozialrevolutionär und Chefdenker ein Denkmal gesetzt – die Rezension zu seinem Film „Der junge Karl Marx“ könnt ihr hier lesen. Auf eine Zeitreise in die DDR, wo Karl Marx ein Säulenheiliger war, nimmt euch die Bildergalerie zu Trabi, Stasi und Soljanka.  

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