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Kommentar

Corona-Demo: Ein bisschen Fasching, ein bisschen „Wir sind das Volk“

Am Morgen des 18. November demonstrieren Corona-Leugner*innen, Verschwörungstheoretiker*innen und Rechte Seite an Seite gegen das neue Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung. Schauplatz des Ganzen ist zuerst der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor und später das Spreeufer zwischen Friedrichstraße und Bundestag.

So kommen am Morgen und Vormittag laut Angaben der Polizei rund 2000 Demonstrierende zusammen und vereinen sich zu einem lautstarken Mob. Unter ihnen Verschwörungstheoretiker*innen, Rechte, Esoteriker*innen und Menschen in Faschingskostümen. Und genau so wirkt diese Zusammenkunft. Wie eine Faschingsveranstaltung. Besuch einer absurden und beängstigenden Veranstaltung.

Corona-Leugner*innen
Zu Tausenden wird hier gegen die Maßnahmen der Bundesregierung demonstriert. Foto: imago images/Stefan Zeitz

Keine Masken, peinliche Plakate und ein faschingsähnliches Durcheinander

Schon von weitem sind Songs zu hören, abgespielt über große Lautsprecher. Die Texte kämpferisch: „Wir glauben an die Freiheit“ und „Wir werden immer mehr und halten nicht den Mund“, klingt es aus den Boxen. Die Menschenmasse, die sich darum versammelt hat, besteht aus gleichermaßen jungen und alten Demonstrierenden. Eins eint sie: ihre Euphorie. Das Gefühl zwischen den jubelnden Bürger*innen für jene, die nicht dazu gehören (wollen), wie ich? Unbeschreiblich unangenehm.

Von rund 100 Demonstrierenden tragen an dieser Ecke gerade einmal fünf eine Maske. Abstände werden auch nicht eingehalten. Am liebsten würde man das alles nicht ernst nehmen. Leider ist es an diesem grauen Vormittag Realität.

„Vom Schatten zum Licht“ steht auf einem der vielen Plakate, eines gruseliger als das andere, geschrieben. Die Aussage mit dem Licht erinnerte an Nena und ihren aufsehenerregenden Instagram-Post, in dem sie von ihrem tiefen Glauben an Gott und aktueller Panikmache schrieb. Und sich dann vorsichtig distanzierte.

Es geht dann doch nicht um Corona, sondern irgendwie um Freiheit

Passend dazu lese ich die Aufschrift eines weiteren Plakats: „Good News. Jesus lebt.“. Auf manchen Plakaten ist außerdem die Rede von „Gehirnwäsche“ seitens der Bundesregierung. Natürlich. Wer hier eigentlich wem die Gedanken verdreht hat – ich habe meine eigene Antwort.

Direkt daneben ein weiteres Plakat mit englischer Aufschrift „It’s not about Corona. It never was. Stand up for freedom and truth. Love for all.“, was übersetzt so viel heißt wie „Es geht nicht um Corona. Es ging niemals darum. Erhebt euch für Freiheit und die Wahrheit. Liebe für alle.“. Naja, Liebe für alle würde bedeuten, eine Maske zu tragen. Zumindest in einer Welt der Rücksicht, des liebevollen Umgangs.

Corona-Leugner*innen
Vom Schatten in das Licht steht auf dem gelben Plakat, dass sich mittig links auf dem Bild befindet. Foto: Jasmin Darr

Es gibt Menschen, die tatsächlich die Existenz des Virus leugnen

Es läuft Rap-Musik mit streitbaren Texten, eher schräg als gelungen. Es riecht nach Räucherstäbchen. Menschen schlagen wie bei einem Kindergeburtstag auf Blechtöpfe ein. Ich denke unwillkürlich an Höhlenmenschen. Diese bunte und gleichzeitig so farblose Mischung an Corona-Leugner*innen schmückt ihre Zusammenkunft mit lautstarken Rufen nach „Freiheit“ und „Für unsere Kinder“ und „Merkel muss weg“.

Sie bestärken sich gegenseitig. Das müssen sie: Alle Umfragen zeigen, dass sie eine Minderheit sind. Mehrheitlich sind die Deutschen willens, das Virus zu bekämpfen. Anstatt es zu leugnen und gegen das Infektionsschutzgesetz zu demonstrieren.

Für die Demonstant*innen geht es um mehr als um Reformen des Infektionsschutzgesetzes

Zweck des Infektionsschutzgesetzes ist es, der Übertragung von Krankheiten unter Bürger*innen vorzubeugen und ihre Weiterverbreitung zu verhindern. Mit der Gesetzesreform, die unter Corona-Leugner*innen auch gerne als Ermächtigungsgesetz bezeichnet wird, müssen die Landesregierungen Verbote und Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie besser begründen als vorher. Darüber hinaus dürfen neue Verbote nur noch befristet, maximal vier bis fünf Wochen, verhängt werden. Im Endeffekt verschafft das reformierte Gesetz dem Bundestag sogar mehr Kontrolle über die Corona-Politik der Regierung als vorher.

Mit Ermächtigungsgesetz hat das wenig zu tun. Es macht aber nicht den Anschein, als würden sich die Anwesenden ernsthaft mit Inhalten beschäftigen. Außer den eigenen natürlich. Eine Vermittlung ist so quasi unmöglich.

Keine Maske und purer Egoismus: Die Demonstrierenden am 18. November zeigen ihr wahres Gesicht

Für eine Schlichtung müssten die Bürger*innen, die sich durch Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie in ihren Grundrechten eingeschränkt fühlen, Bedenken und Ängste nachvollziehbar formulieren. Und Antworten dann zumindest auch mal anhören, auch gelten lassen und nicht grundsätzlich ablehnen.

Hier sehe ich vor allem Egoismus. Ich sehe die Leugnung wissenschaftlich belegter Fakten – weil Telegram-Gruppen und dubiose Websites zur einzig gültigen Nachrichtenquelle erklärt wurden. Ich sehe Menschen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit dank ihrer Ignoranz die Eindämmung der Pandemie eher behindern und sich somit selbst ein Bein stellen.

Diese Menschen, sie sind ihrem Verhalten nach nicht das Volk, nicht einmal für das Volk. Sondern dagegen. Die Demonstrant*innen des 18. November zeigten sich, gerade weil sie keine Masken trugen, ihr wahres Gesicht.


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