Kommentar

Corona ist in Berlin immer egaler: Verbote nur eine Frage der Zeit

Die Einschläge kommen näher. In Bezirken wie Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg steigen die Corona-Fallzahlen zusehends. Bundesweit gilt ein Flickenteppich der Regelungen. In Hannover machen Diskos unter Auflagen wieder auf, in Bayern wird der Ton wieder schärfer. Reinickendorfs Amtsarzt Patrick Larscheid will den Berliner*innen am liebsten jede Form von Party verbieten. Aber bringt das was? Ein Kommentar von Sebastian Scherer.

Es könnt alles so einfach sein: Abstand, Masken und einfach mal nicht Feiern. Zu schwer für viele Leute. Foto: Imago Images/Zuma Wire

Corona in Berlin: Wir haben es ja versucht

Wir mussten uns in diesem Sommer mit Corona arrangieren. Wir haben versucht, Abstand zu halten, einige von uns vergaßen dabei ab und an auch mal die Regeln. Die einen schickten ihren Freund*innen Videos aus irgendwelchen Bunkern in Brandenburg, in denen Hunderte zusammen feierten. Die anderen rotteten sich in Parks zusammen und waren empört, wenn dann die Polizei das pandemieunpassende Treiben beendete.

In den Büros wird jetzt mehr gelüftet (und entsprechend mehr gemeckert, die Deutschen und die Zugluft, ein ewiges Trauma), in Bahnen der Pöbel, der das mit der Maske weiterhin nicht begreift, mit bösen Blicken gestraft (so die Unmaskierten nicht selbst zu finster reinblicken).

Alles läuft irgendwie. Aber es läuft nicht gut. Zumal der Herbst kommt. Selbst eine Armee von Heizpilzen wird den Indoor-Trend nicht ganz stoppen können. Und wenn Berghain bis Sisyphos nicht mehr in ihren Gärten tanzen lassen können – machen die Raver*innen dann clubkulturellen Winterschlaf?

Und dann erklärt Didi Hallervorden dem Epidemiologen die Corona-Welt

In Teilen Österreichs gilt wieder eine Sperrstunde, 22 Uhr, Länder wie Frankreich kriegen das Laissez-faire der Bevölkerung mit Rekordzahlen quittiert. Und Berlin? Nun, Star-Virologe Christian Drosten erklärt öffentlich, dass die Pandemie nun erst richtig loslegt. Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Epidemiologe Karl Lauterbach klingt ähnlich. Ernst nimmt das nicht jeder, wie auch ein Twitter-Nutzer sarkastisch anmerkte, als Lauterbach bei „Hart aber fair“ warnte. „Stell dir vor, du bist Epidemologe, der in Harvard studiert und gelehrt hat, warnst vor den Folgen (…) und der Palim-Palim-Typ aus dem Fernsehen wirft dir #Panikmache vor.“ Genau das tat Dieter Hallervorden in der Talkshow. Wo auch immer der seine Kompetenz her hat. Vielleicht hat der Didi einfach zu lange 85 Jahre Hallervorden gefeiert.

Nun stehen wir vor einem Problem. Also insofern wir Corona nicht ohnehin für eine Erfindung von Bill Gates halten. Dabei sind nicht mal die „Covidioten“, das Problem die alles leugnen – die Mehrheit der Deutschen befürwortet ja zum Beispiel eine Maskenpflicht. Egal, welches Umfrageinstitut gerade nachhakt.

Es sind viel mehr die ganzen Durchschnittsmenschen, die Durchschnittsdinge tun, aber eben doch auch mal zum Lieblingsitaliener oder in den Urlaub wollen. Und, das muss man ganz klar sagen, die junge Generation, die sich – haben vorherige aber auch getan – für unsterblich hält. All diese Typen müssten sich endlich mal wieder mehr in Regeln halten.

Wir wissen nicht, ob Bill Gates diese Dame wirklich impfen will. Aber wahrscheinlich würde sie auch was von Diktatur erzählen, während sie auf einer Demonstration gegen die Regierung ist. Was in Diktaturen übrigens – gar nicht geht. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg

Der Ruf nach Verboten ist schwer – aber ist er doch notwendig?

Nach Verboten ist schnell gerufen. Wie die Polizei die alle durchdrücken sollte, das weiß keiner. Schon die Hasenheide-Raves waren zeitweise eher polizeibegleitet denn polizeiverhindert. Nun finden die Partys eben woanders statt. Abgeschiedener.

Was hilft also? Das böse Wort Lockdown kommt in den Sinn, den wir im eigentlichen Sinne in Deutschland ja überhaupt nie hatten. Dann würde auch die Kontrolle leichter. Alle heim. Aber muss das sein? Es würde den Zweifelnden und den Hasspredigern nur noch mehr Leute zutreiben.

Es ist eine irgendwie deprimierend-aussichtslose Situation. Wahrscheinlich würde es schon helfen, wenn die Vernünftigen wirklich vernünftig blieben. Klappt das nicht (und das tut es oft genug eben nicht), bleiben Verbote, Sperren, Einschränkungen. Die vor allem jene treffen müssen, die meinen, Corona ist ein Party. Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit. Dieses Mal, auch das ist leider Realität, müssen diese Regeln dann aber auch umgesetzt werden. Rigoros. Es bleibt schwierig.

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In Berlin geht es auch mit Beschwerden atemlos durch die Nacht: Vom vergeblichen Versuch eines schnellen Corona-Tests berichtet unsere Kollegin hier. Mit der Katastrophe an sich waren wir schon oft konfrontiert. Corona und Popkultur: Der Untergang von Berlin in Büchern, Filmen und Songs. Infos zur Pandemie gibt es auch bei der Corona-Hotline des Senats.

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