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Kommentar

Diskriminierungsfreie Sprache in Berliner Ämtern: Wo ist das Problem?

Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) hat der Berliner Ämtern einen Leitfaden für diskriminierungsfreie Sprache an die Hand gegeben. Der Protest dagegen ist vor allem in den sozialen Medien groß. Aber wo ist das Problem, wenn man sich Mühe gibt, Menschen nicht zu verletzen? Ein Kommentar von Xenia Balzereit.

Hat den Berliner Behörden einen Leitfaden für diskriminierungsfreie Sprache an die Hand gegeben: Dirk Behrendt.
Hat den Berliner Behörden einen Leitfaden für diskriminierungsfreie Sprache an die Hand gegeben: Dirk Behrendt. Foto: imago images/epd

Die Welt hat sich in den letzten zehn Jahren vergleichsweise schnell weitergedreht – vor allem, wenn man die Art und Weise betrachtet, wie die Menschen sprechen. Das ist gut so. Neulich sagte ein Freund mit türkischen Wurzeln zu mir: „Wenn ich drüber nachdenke, hat mich schon lange niemand mehr ,Ausländer‘ genannt.“ Auch wenn er regelmäßig Diskriminierung im Alltag erfährt: Immerhin suggerieren Gesprächspartner*innen weniger häufig, er gehöre nicht zu diesem Land, sondern eigentlich zu einem anderen. Das freut ihn.

Sprache hat einen direkten Einfluss auf das Leben von Menschen, sie kann verletzen oder bestehende Konflikte schüren. Eben zum Beispiel, wenn jemand einem deutschen Mitbürger gegenüber das Wort „Ausländer“ gebraucht, nur weil der so aussieht, als könnte er Wurzeln in einem anderen Land haben. Das ist mittlerweile auch außerhalb der Universitäten bekannt, zum Beispiel beim Berliner Senat. Der hat unter anderem auch verstanden, dass niemand als „illegaler Einwanderer“ bezeichnet werden sollte, weil Menschen nicht illegal sein können. Oder dass Menschen mit Behinderung sich auf ihre Behinderung reduziert fühlen könnte, wenn man sie „Behinderte“ nennt. Ist ja auch nicht so schwer zu verstehen.

Diskriminierungsfreie Sprache: Manche kapieren es einfach nicht

Unter anderem deswegen ist es richtig und wichtig, dass die Landesstelle gegen Diskriminierung unter der Schirmherrschaft von Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) die Mitarbeiter*innen der Berliner Verwaltung für Sprache sensibilisieren will – mit einem Leitfaden zur diskriminierungsfreien Sprache. Gewisse Kommentator*innen in den sozialen Medien aber, meistens sind das ewiggestrige Männer in oberen Altersgruppen, wollen nicht kapieren, was schon Kindergartenkinder verstehen: Es tut weh, wenn man aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen wird – egal ob das ein Freundeskreis oder eine größere Gemeinschaft ist.

Der Kolumnist Gunnar Schupelius von der „B.Z.“ gehört dazu. Er schwadroniert von einem „Erziehungsstaat“ und davon, dass eine „Clique von Politikern“ dafür sorgen würde, dass die Menschen sich so verhielten, wie es ihrer „Ideologie“ entsprechen würde.

Auch im Roten Rathaus sollen die Mitarbeiter*innen zukünftig auf eine diskriminierungsfreie Sprache achten.
Auch im Roten Rathaus sollen die Mitarbeiter*innen zukünftig auf eine diskriminierungsfreie Sprache achten. Foto: imago images/Westend61

Diese Argumentation ist aus zwei Gründen so bescheuert, dass man sich die Haare raufen möchte. Einerseits, weil es sich dabei um einen Leitfaden handelt, mit dem die Mitarbeiter*innen lediglich sensibilisiert werden sollen. Es besteht kein Zwang, wie es Schupelius suggeriert. Der Kolumnist behauptet einfach, bei der Polizei würden Begriffe an die Vorgesetzten gemeldet, an denen sich früher niemand gestört hätte. Als wäre das ein Maßstab in einer vornehmlich weißen Behörde und als wäre „Früher war das aber anders“ jemals ein stichhaltiges Argument gewesen. Außerdem: Selbst wenn das bei der Polizei Praxis wäre, heißt das nicht, dass das in den Berliner Ämtern genau so laufen wird.

Weiße Männer wissen nicht, wie weh diese Diskriminierungen tun

Andererseits ist es bezeichnend, wenn weiße Männer, die nie Diskriminierung erfahren mussten, in Bezug auf eine Handreichung, die das Leben von diskriminierten Menschen erleichtern soll, von einer aufoktroyierten „Ideologie“ sprechen. Schließlich geht es nur darum, Menschen nicht unwissentlich zu verletzen. Die Crux daran ist: Die weißen Männer selbst mussten diese Verletzungen nie erfahren, also wissen sie nicht, wie sehr sie weh tun. An sich ist das ja kein Problem, es gibt ja auch weiße Männer wie Dirk Behrendt, die den Fortschritt vorantreiben. Anderen aber, wie Schupelius oder den immer gleichen Kommentatoren in den sozialen Medien, geht das nötige Einfühlungsvermögen ab, um sich in weniger privilegierte Menschen einzufühlen.


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